Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)
IV. Buch

9. Die Gebote Gottes sind hart, aber nicht für die Frommen

Wohl mag dies alles allzu hart und streng scheinen. Warum auch nicht? Sagt doch die Hl. Schrift: „Jede [S. 379] Züchtigung ist nicht Freude, sondern Trauer.“ 1Gewiß, das alles ist hart und streng. Aber was können wir dazu? Das Wesen der Dinge darf nicht geändert werden; und die Wahrheit kann nicht anders verkündet werden, als wie es die Kraft der Wahrheit selbst verlangt! Das halten einige für hart: ich weiß es auch und bin sogar dessen ganz gewiß. Aber was können wir dazu? Nur auf hartem Pfad gelangt man ins Himmelreich. „Denn enge", sagt der Herr, „und schmal ist der Weg, der zum Leben führt." 2Und der Apostel spricht: „Ich halte dafür, daß die Leiden dieser Zeit nicht vergleichbar sind mit der Herrlichkeit, die künftig an uns offenbar werden wird." 3Er sagt, jegliches Menschenwerk sei unwürdig, mit „der künftigen Herrlichkeit" verglichen zu werden. Und darum darf den Christenmenschen nichts zu hart und streng scheinen; denn mögen sie Christus für die ewige Seligkeit auch noch so viele Opfer bringen, immer ist das Gegebene noch gering, wo das Empfangene so unendlich groß ist. Nichts ist groß, was auf Erden von Menschen an Gott entrichtet wird, wo das erworben werden kann, was im Himmel das Größte ist. Wohl bedeutet es für die Geizigen eine Härte, das Ihrige herzuschenken. Kein Wunder: alles ist hart, was jemandem wider Willen aufgezwungen wird. Fast jedes Gotteswort hat seine Widersacher. So vielerlei Gebote, so vielerlei Gegner! Wenn der Herr befiehlt, daß Mildtätigkeit unter den Menschen wohne, zürnt der Geizhals; wenn er Sparsamkeit fordert, flucht der Verschwender. Die heiligen Lehren halten die Ruchlosen für ihre Feinde. Die Räuber verabscheuen, was über die Gerechtigkeit geschrieben ist; die Hochmütigen verabscheuen, was über die Demut geboten wird; die Trunkenbolde widerstreben, wo Nüchternheit verkündet wird; die Unzüchtigen stoßen Ver- [S. 380] wünschungen aus, wo Keuschheit befohlen wird. Man darf also entweder gar nichts sagen, oder alles, was gesagt wird, wird irgendeinem der bezeichneten Menschen mißfallen. Jeder Übeltäter will lieber das Gesetz verfluchen, als seine Gesinnung bessern, will lieber die Gebote hassen als die Laster. Was sollen bei all dem diejenigen tun, denen da von Christus die Aufgabe ward, zu sprechen? Sie mißfallen Gott, wenn sie schweigen; sie mißfallen den Menschen, wenn sie reden. Aber - so antworteten die Apostel den Juden - es ist besser, Gott zu gehorchen als den Menschen. 4Ich gebe jedoch allen, denen Gottes Gesetz schwer und drückend ist, einen Rat - vorausgesetzt, daß sie sich nicht weigern, ihn anzunehmen - wie ihnen die Gebote Gottes gefallen könnten. Denn alle, die ein heiliges Gebot hassen, tragen die Ursache des Hasses in sich selbst. Für jeden liegt der Grund des Abscheues nicht in den Vorschriften des Gesetzes, sondern in seinen Sitten; denn das Gesetz ist gut, aber die Sitten sind schlecht. Und deshalb sollen die Menschen ihre Vorsätze und ihre Begierden ändern. Wenn sie ihre Sitten rechtschaffen gemacht haben, wird ihnen nichts an dem mißfallen, was ein gutes Gesetz vorschreibt. Denn wenn einmal jemand gut geworden ist, dann muß er notwendig das Gesetz Gottes lieben; denn Gottes heiliges Gesetz enthält gerade das in sich, was ein heiliger Mensch in seinem sittlichen Bewußtsein trägt.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit deinem Geiste! Amen. [S. 381]

1: Hebr. 12, 11. Unwesentliche Änderungen der Vulgata gegenüber.
2: Matth. 7, 14.
3: Röm. 8, 18.
4: Apg. 5, 29; „oportet" Vulgata statt „expedit" bei Salvian.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Allgemeine Einleitung zu Salvianus Leben und Werk

Navigation
. I. Buch
. II. Buch
. III. Buch
. IV. Buch
. . 1. Man muß Gott im ...
. . 2. Wie der Mensch übe...
. . 3. Gewisse Ausreden ...
. . 4. Inwiefern ist Gott ...
. . 5. Wer andere höher ...
. . 6. Auch die Askese ...
. . 7. Wer sein Gut zu ...
. . 8. Selig sind nur die ...
. . 9. Die Gebote Gottes ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger