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Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)
IV. Buch

6. Auch die Askese frommt zu nichts, wenn ihre Früchte den Unrechten zugutekommen

Aber du schmeichelst dir vielleicht, wie schon erwähnt, mit irgendeinem äußeren Anschein eines heiligmäßigen Standes. Du bist aber noch tiefer in der Schuld, weil du durch solche aufgezeigte Heiligkeit Größeres versprichst; daher wirst du auch schwerere Strafe erdulden, weil du dein Gelöbnis weniger hältst. Ja, Großes versprichst du dem Scheine nach, nichts leistest du deinen Taten nach; du machst dich des Verbrechens der Fälschung schuldig, und Gott ist es, den du mit all dem belügst. Nicht ohne Grund bezeugt die Hl. Schrift, daß das Gericht beim Gotteshaus seinen Anfang nehme; „Das Gericht", sagt sie, „kommt vom Hause des Herrn." 1Auch an anderer Stelle heißt es: „Bei meinem Heiligtum machet den Anfang." 2Aber wir wollen zum früher Gesagten zurückkehren! „Fort mit euch", sagt Gott zu den Geizigen und den Ungläubigen, „fort in das ewige Feuer, das mein Vater dem Teufel und seinen Engeln bereitet hat!" 3Aber du glaubst vielleicht, du müßtest von diesem Unheil durch einige leibliche Vorzüge befreit werden. Du rühmst dich etwa, daß du die Reinheit geliebt habest. Aber denk daran, daß der Erlöser auch jene, die er im Evangelium den ewigen Strafen überantwortet hat, nicht der Schamlosigkeit bezichtigte! Du sagst, du habest an der Nüchternheit dein Gefallen gehabt? Ja, aber auch jene, von denen die Schrift spricht, werden nicht ob der Trunkenheit bestraft! Du sagst, du habest gefastet? Auch jene haben nicht die Schmausereien zu Schuldigen gemacht. Doch wahrlich! Das ist ein gewichtiger Grund, daß du um deiner Enthaltsamkeit und deines Fastens willen dir selber wohlgefällst! Du hast also zu dem Zweck gefastet, zu dem Zweck kärglich und ärmlich gelebt, um nach deinem Tode - jetzt nicht die Armen zu speisen, o nein! [S. 373] um - den Besitz irgendeines beliebigen Erben noch durch neue Reichtümer zu vergrößern! Wirklich, du erntest großartige Früchte deiner Enthaltsamkeit! Du hast ja weniger Brot gegessen, auf daß ein anderer mehr Gold besitze! Infolge deiner einfachen Nahrung hat dein Leib abgenommen, auf daß der Geldschrank irgendeines Menschen, vielleicht sogar eines lasterhaften, zunehme. Wenn du also einmal zum Gerichte Gottes kommst, wirst du mit Recht dein Fasten in Rechnung stellen und sagen können: Sieh, Herr, ich habe gefastet und bin enthaltsam gewesen und habe mir lange Zeit jegliche Frucht der Freude versagt. Die Tatsachen beweisen das, denn sieh, nun können meine Erben von meinem Gut im Überfluß leben, jetzt können sie in uferlosem Reichtum schwelgen! Und damit du doch auch etwas aus dem Evangelium für dich in Anspruch nehmest, kannst du von deinen Erben sagen, was der Erlöser von jenem Reichen sagte: Sie kleiden sich in Purpur und feines Linnen, sie halten glänzende Mähler, 4sie liegen auf den von mir vergrabenen Talenten, sie sitzen auf den zusammengescharrten Haufen Goldes und Silbers; auch die Mittel für all ihre Lustbarkeiten habe ich bereitet; und sie blähen sich auf in all den Freuden, die ich ihnen zurückließ. Ich habe mich lange enthalten, auf daß sich jene betrinken könnten. Meine Mäßigkeit ist jetzt deren Völlerei. Das Pflaster schwimmt im Wein, der von den übervollen Tafeln niederströmt; sie gießen den edlen Falerner 5in den Schmutz; ihre Tische, ihre schön getriebenen Krüge [S. 374] triefen beständig vom kostbaren Naß; nie werden sie trocken. Sie prassen auf den Teppichen, die ich ihnen verschafft; sie treiben Unzucht in der Seide, die ich ihnen hinterlassen. Und wenn du dies alles für dich vorgebracht hast - wie solltest du da von Christus keinen ewigen Lohn verdienen können, von ihm, dem du in solchen Heiligen eine solche Fülle der Freuden bereitet hast?

1: 1 Petr. 4, 17.
2: Ezech. 9, 6. (Vulgata: sanctuario statt sanctis bei Salvian.)
3: Matth. 25, 41.
4: Luk. 16, 19.
5: Der Falerner ist, namentlich in der späteren Literatur, der Vertreter des guten Weins, ja oft des Weins überhaupt; vgl. Th. Michels O. S.B. Philol. Wochenschrift 47 (1927), Sp. 427 f.; C. Weyman, Beiträge zur Geschichte der christlichlateinischen Poesie (München 1926) S. 242 und A. Mayer, B. Bl. f. d. Gymn. 63 (1927) S. 383; aus dem Mittelalter vgl. den Reim: Qui aquam ponit in Falerno, Sit sepultus in inferno (Ph. Schuyler Allen, Medieval Lat. Lyrics. Chicago 1931. S. 319).

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger