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Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)
IV. Buch

4. Inwiefern ist Gott unserer Wohltaten bedürftig?

Aber Gott, sagst du, bedarf ja keiner Vergeltung! Nichts weniger, als daß er ihrer nicht bedürfte! Denn er bedarf ihrer nicht auf Grund seiner Macht, sondern auf Grund seines Gebots; bedarf ihrer nicht gemäß sei- [S. 369] ner Hoheit, sondern gemäß seinem Gesetz; er bedarf ihrer zwar nicht in sich selbst, sondern in vielen anderen; er sucht die Wohltätigkeit nicht an sich, sondern an den Seinen, und daher bedarf er ihrer nicht nach seiner Allmacht, sondern nach seiner Barmherzigkeit; in seiner Göttlichkeit bedarf er nicht für sich selbst, sondern in seiner Gnade bedarf er für uns! Denn wie spricht Gott zu den mildtätigen und freigebigen Spendern? „Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters! Nehmet das Reich in Besitz, das euch von Anbeginn der Welt an bereitet ist, denn ich hungerte, und ihr gabt mir zu essen; ich dürstete, und ihr gabt mir zu trinken.“ 1Und anderes in dieser Art. Und damit die Sache, von der wir reden, nicht als zu geringfügig erscheine, fügte er auch noch den Gegensatz hinzu, indem er zu den Geizigen und Ungetreuen sagt: „Weichet, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das mein Vater dem Teufel und seinen Engeln bereitet hat! Denn ich habe gehungert, und ihr gabt mir nichts zu essen; ich habe gedürstet, und ihr gabt mir nichts zu trinken." 2Wo sind nun diejenigen, die behaupten, unser Herr Jesus Christus bedürfe nicht unseres Dienstes und unserer Gaben? Gleichzeitig sagte er ja, daß er hungere und dürste und friere. Es soll mir einer der Gegner erwidern, ob er nichts bedürfe, wenn er seinen Hunger klagt; ob er nichts bedürfe, wenn er seinen Durst bezeugt. Ich aber sage noch mehr: Christus bedarf nicht bloß soviel wie die anderen, nein, er bedarf sogar viel mehr als die anderen! Bei der ganzen großen Zahl der Armen gibt es doch nicht eine einzige allgemeine Armut. Den einen fehlt es zwar an Kleidung, aber doch nicht an Lebensmitteln; viele wieder sind obdachlos, brauchen aber doch keine Kleider; viele haben zwar kein Heim, aber doch ein Vermögen; kurz, manchen mag vieles fehlen, es fehlt ihnen aber doch nicht alles. Chri- [S. 370] stus allein, er ganz allein, empfindet alle Mängel, an denen das gesamte Menschengeschlecht leidet. Keiner seiner Diener ist herausgestoßen, keiner ist von Kälte und Blöße gepeinigt, mit dem Christus nicht fröre; er allein hungert mit den Hungernden und dürstet mit den Durstigen. Und so bedarf er - wenn seine Gnade in Betracht gezogen wird, mehr als die anderen; denn jeder Bedürftige bedarf nur für sich und in sich, Christus aber ist es einzig und allein, der die ganze ungeheure Not der Armut tragen muß! Und wenn dem so ist, was sagst du, o Mensch, der du vorgibst, ein Christ zu sein? Willst du deine Habe, wenn du siehst, wie Christus ihrer bedarf, willst du sie irgendwem hinterlassen, der sie nicht braucht? Christus ist arm, und du häufest noch die Schätze der Reichen? Christus hungert, und du verschaffst denen, die schon Überfluß haben, noch ein üppiges Leben? Christus klagt, daß ihm sogar Wasser fehle - und du füllst die Keller der Trunkenen noch mit Wein? Christus erliegt unter dem Mangel an allem - und du sammelst noch Vorräte für die Verschwender? Christus verspricht dir für deine Gaben ewigen Lohn - und du schenkst alles solchen, die nichts leisten werden? Christus stellt dir für deine guten Taten ewige Güter und für deine Missetaten ewiges Unglück vor Augen - und du lassest dich weder durch himmlische Güter umstimmen noch durch ewige Qualen bewegen? Und dabei sagst du, du glaubst an Gott - und sehnst dich nicht nach seinem Lohn, noch zitterst du vor seinem Zorn?<

1: Matth. 25, 34 f.; Vulgata etwas anders.
2: Matth. 25, 41 f.; Vulgata etwas anders.

 

 

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Allgemeine Einleitung zu Salvianus Leben und Werk

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger