Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam) IV. Buch
2. Wie der Mensch über Gott urteilt, so wird er von Gott gerichtet werden Wenn sich also die Weisheit beim Sterben vor allem darin kundgibt, ob Gott über alles geliebt wird, welcher Wahnsinn ist es dann, wenn einer sagt, Christus [S. 365] müsse zwar von den Gesunden der leiblichen Verwandtschaft vorgezogen werden, nicht aber von den Sterbenden? Warum denn sollen ihn die Gesunden vorziehen, wenn ihn die Sterbenden nicht vorziehen müssen? Oder wenn es religiöses Handeln bedeutet, daß einer im Tode seine Verwandten und Vettern Christus vorzieht, warum soll es nicht religiös sein, wenn er dies schon vorher tut? Oder wenn da irgendeine Stunde am Lebensende ist, in der einer mehr die anderen lieben muß als sich selbst oder Gott, warum soll er sie dann nicht auch im vorangegangenen Leben mehr lieben? So löst sich alles auf, so wird alles hinfällig, so geht alles zugrunde; so kommt es, daß ein Mensch niemanden geringer einschätzt als sich selber und niemanden niedriger als Gott. Denn wenn es einen Zeitpunkt gibt, zu dem Gott mit Recht von jemandem den Verwandten und Befreundeten nachgestellt werden könnte, dann gibt es keinen Zeitpunkt, zu dem er mit Recht vorgezogen werden könnte; wenn aber - und das ist die Wahrheit - es überhaupt keinen Augenblick gibt, in dem er nicht vorgezogen werden muß, dann gibt es auch nie und nimmer einen Augenblick, in dem er mit Recht hintangesetzt werden könnte. Ja, keinen einzigen Augenblick, und daher auch nicht in den letzten Zügen! Denn auch der Gerechte, sagt der Prophet, 1wird zugrunde gehen an dem Tage, da er in Sünde fällt. Wenn daher jede Sünde eines Sünders mit dem Untergang bestraft wird und das Leben der Menschen schon durch solche Verirrungen in Gefahr kommt, durch die die menschliche Unschuld auf gewöhnliche, ganz allgemeine Art befleckt wird, was, glauben wir, wird erst geschehen, wenn man sich gegen Gott selbst in fluchwürdiger Untreue versündigt? „Wenn nämlich", sagt der Apostel, „jeglicher Ungehorsam gerechten Vergeltungslohn empfängt, wie sollen wir entrinnen, wenn wir eines solchen Heiles nicht achten?" 2Niemand aber mißachtet das [S. 366] wahre Heil mehr als einer, der irgendeiner Sache den Vorzug gibt vor Gott. Da nämlich unser Heil ein Geschenk der Barmherzigkeit Gottes ist, wie kann der mit der Erreichung des Heiles rechnen, der Gott selbst verachtet - Gott, auf dessen Barmherzigkeit unser Heil beruht! Oder: da Gott der Richter ist über die Lebendigen und die Toten, wie kann der Hoffnung auf Gottes Urteil haben, der nach seinem eigenen Urteil beim Sterben auf Gott verzichtet - auf Gott, vor dessen Richterstuhl er im nächsten Augenblick treten muß? Deshalb sagt die Hl. Schrift: „Wie einer richtet, so wird auch über ihn gerichtet werden;" 3d. h, wie einer über Gott urteilt, so wird auch über ihn von Gott geurteilt werden; und er wird es nicht als Unrecht betrachten können, wenn ihn der Herr in der Ewigkeit allem hintansetzen wird, da er doch in diesem Leben selber Gott hinter alles andere setzte; und er wird sich nicht beklagen dürfen, wenn ihn Gott für verdammenswerter hält als alles andere, da er ja selber Gott für minderwertiger hält als alles andere,
1: Ezech, 3, 20. 2: Hebr. 2, 2 f.; accepit Vulgata. 3: Matth. 7, 2.
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