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Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)
III. Buch

10. Was lehrt die Apostelgeschichte über diese Frage?

Ich glaube nun, daß das bis jetzt Gesagte für den Teil unserer Aufgabe, den wir gerade behandeln, genügen mag; aber vielleicht habt ihr den Wunsch, dies [S. 340] alles nicht allein durch die Beweiskraft der Dinge selbst, sondern auch durch die Autorität von Beispielen erhärtet zu sehen. Zwar könnte ich sagen, Gottes Gebote seien doch größer als alle Beispiele, und es bedeute für das Ansehen des Wortes Gottes gar nichts, ob sie die Menschen erfüllten oder nicht erfüllten; denn ihre Kraft beruhe doch ganz sicher auf der Persönlichkeit Gottes, nicht auf dem Gehorsam der Knechte; von uns aus kann ihnen nichts hinzugefügt noch weggenommen werden, da ihre Geltung infolge ihrer göttlichen Urheberschaft immer gleich groß ist. Wenn jedoch die schwachen Menschen auch noch durch menschliche Vorbilder gestützt werden wollen, damit auch sie um so leichter das ausführen können, von dem sie erfahren, daß es andere schon ausgeführt haben, so zeigten wir schon im ersten Buch, 1daß das, was auch jetzt von einigen Nachahmern Christi getan wird, nicht in geringem, sondern in höchstem Ausmaß, nicht von ganz wenigen, sondern von ganzen Völkern, nicht von den Menschen der grauen Vorzeit, sondern von solchen in der aller jüngsten Zeit erfüllt worden ist. Was erzählt denn die Apostelgeschichte Neues, was gleichsam heute noch vor unseren Augen steht? „Alle, die da glaubten, hatten alles gemeinsam." 2Und weiter: „Groß war die Gnade in ihnen allen; denn kein Dürftiger war unter ihnen. Denn alle, die Besitzer von Grundstücken oder Häusern waren, verkauften sie, brachten den Erlös aus dem Verkauften und legten ihn den Aposteln zu Füßen.“ 3Und wieder an anderer Stelle: „Keiner nannte von seinem Besitz etwas sein eigen, sondern sie hatten alles gemeinsam.“ 4 [S. 341] Und das war nicht etwa nur eine kleine Zahl von Gläubigen! (Es könnte schließlich auf den einen oder anderen die Autorität der Hl. Schrift geringeren Eindruck machen, wenn er glaubt, nur einige wenige hätten solch ein Vorbild gegeben.) Wie groß die Gläubigenmenge in der Urkirche war, läßt sich ja schon daraus allein erkennen, daß ganz am Anfang innerhalb zweier Tage achttausend Menschen sich der Kirche angeschlossen haben; und auf Grund einer Schätzung mag es klar werden, welche Menschenmenge der verschiedensten Herkunft sich in den übrigen Tagen zusammenfand, wenn schon einzige zwei Tage eine solche Masse nur von Männern hervorbringen konnten - ganz abgesehen von einem anderen Lebensalter und Geschlecht! Wenn also damals das Volk schon so ungeheuer zahlreich und so vollkommen war, so frage ich euch, zu denen ich rede, ob damals alle Eltern unter der gewaltigen Menge von Gläubigen, die in solcher Vollkommenheit lebten - ob alle Eltern Kinder hatten oder kinderlos waren. Wohl keines von beiden; denn es gibt keine Kirchengemeinde, in der nicht beide Gruppen vertreten wären. Es können also die Christen, die keine Kinder haben, erkennen, wem sie ihr Vermögen hinterlassen sollen, da sie doch sehen, wem es die Kinderlosen damals hinterlassen haben. Haben sie aber Kinder, so mögen auch sie lernen, was sie tun sollten, wenn sie sehen, daß damals die Eltern der Liebe zu Gott vor ihren Kindern den Vorzug gaben. Hier hat also jedes Lebensalter und jede Lebenslage ein Vorbild: Wer teilhat am Glauben, soll sich auch teilhaftig machen am heiligen Beispiel! Wenn die Christen von damals all das Ihre her schenkten und sich selbst zu Lebzeiten enterbten, dann wollet doch ihr lernen, eure Güter beim Tode selbst zu ererben! Ihr dürft ja, glaubt es mir doch, auch mitten unter euren Kindern eures Seelenheils nicht vergessen! Gewiß, eure Nachkommen stehen euch ganz nahe und sind euch aufs engste verbunden: aber glaubt [S. 342] es mir doch, niemand steht euch näher, niemand ist euch enger verbunden als ihr selbst. Liebet daher - wir haben nichts dagegen - liebet eure Kinder, aber doch erst eine Stufe nach euch selbst! Liebet sie so, daß ihr euch selbst nicht zu hassen scheinet! Denn das ist eine sinnlose, törichte Liebe, die an einen anderen denkt und an sich selbst nicht denkt. ,,Der Sohn", sagt die Hl. Schrift, ,.soll nicht tragen des Vaters Sünde und der Vater nicht die Sünde seines Sohnes.“ 5Und der Apostel sagt; „Ein jeder hat seine eigene Last zu tragen." 6

1: „Ostendimus primo libro." In Wirklichkeit spielt er auf das zweite Buch (§ 13) an. Es läßt sich nicht sagen, ob es ein Irrtum des Autors selbst oder des Abschreibers ist, oder ob ursprünglich eine andere Bucheinteilung vorhanden war.
2: Apg. 2, 44. Etwas anders in der Vulgata.
3: Ebd. 4, 33-35. Etwas anders in der Vulgata, besonders agrorum statt praediorum.
4: Ebd. 4, 32.
5: Ezech. 18, 20. Vulgata: portabit statt accipiet
6: Gal 6, 5.

 

 

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Allgemeine Einleitung zu Salvianus Leben und Werk

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger