Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam) III. Buch
9. Auch die Ausrede, die geistlichen Personen könnten niemandem mehr etwas hinterlassen, ist hinfällig Aber freilich sagen da die Eltern, sie handelten so nicht aus Verachtung gegen Gott, sondern auf Grund sachlicher Überlegung. Denn wem, so wenden sie ein, sollen diejenigen das hinterlassene Vermögen hinterlassen, die keine Kinder haben? Ich will sagen, wem; und ich will nicht, wie oben, die Armen Gottes nennen, keine fremden, keine weit entfernten Menschen, damit es nicht als zu hart und unmenschlich erscheint. Nein, ich meine jene ganz Lieben, jene ganz Engvertrauten, die auch ihr, selbst wenn ihr viele Nachkommen habt, den Kindern vorzieht. Wir nennen die Menschen selbst, ihr ungetreuen Eltern, wir nennen sie und niemand an- [S. 339] deren! 1Kann denn für irgend jemand auf der Welt etwas Näherstehendes, etwas Lieberes erfunden werden als er selbst? Wir empfehlen jedem von euch nur seine eigene Seele, sein eigenes Heil, seine eigene Hoffnung. Ihr heißt euch liebevoll, die ihr eure Kinder liebt? Wahrlich, nichts kann hartherziger, nichts unmenschlicher, nichts so wild, nichts so herzlos genannt werden wie ihr, von denen man nimmer erreichen kann, daß ihr euch selber liebt. ,,Haut um Haut", sagt der Satan in der Hl. Schrift, „alles, was der Mensch hat, gibt er für seine Seele“ 2 Daß also die Seele dem Menschen das Allerteuerste ist, stellt auch der Teufel nicht in Abrede; und gerade er, der mit ganzer Kraft alle von der Liebe zu ihren Seelen abzuziehen sucht - und gerade er bekennt, daß die Seele einem jeden das Teuerste sein muß; was für einen Wahnsinn bedeutet es also, daß ihr eure Seele für wertlos erachtet, euere Seele, die sogar der Satan für kostbar hielt! Was für ein Wahnsinn, die Seele für wertlos zu erachten, von der sogar derjenige, der sie wertlos zu machen sucht, sagt, daß sie uns teuer sein muß! Und so lieben sich alle diejenigen, die ihre Seele vernachlässigen, weniger, als es selbst der Teufel für richtig hält! Nun also: Sehet ihr, die ihr da glaubt, die geistlichen Personen hätten ja niemand, dem sie ihr Vermögen hinterlassen sollten, sehet - sogar nach der Ansicht des Teufels - sehet, ob diejenigen niemanden haben, die sich selber haben!
1: Diese Stelle ist in der Überlieferung verderbt und bis jetzt noch durch keine Verbesserung geheilt. Wir haben versucht, in der Übersetzung wenigstens den notwendigen Sinn herauszuheben. 2: Job 2,4.
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