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Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)
III. Buch

5. Die Kinder, die den geistlichen Stand erwählt haben, dürfen gegenüber den anderen im Vermögen nicht verkürzt werden

Aber natürlich: die so handeln, geben auch gleich eine herrliche Rechenschaft über ihre Gedankengänge ab und sagen: „Wozu ist es denn notwendig, daß auf die Kinder, die schon den heiligen Beruf gewählt haben, der gleiche Anteil am Erbe fällt?" Nichts ist also gerechter, nichts verdienter, als daß sie, weil sie nun einmal Gott geweiht sind, betteln gehen! Nicht als ob die Entblößung von allem irdischen Gut und die Armut solche Menschen niederdrücken könnte, die den Himmel schon der Hoffnung nach besitzen und bald auch in Wirklichkeit besitzen werden, da sie doch unter Gottes Leitung und Schutz stehen, der ihnen zugleich mit der unsterblichen [S. 332] Hoffnung auf die ewigen Güter auch genug zum zeitlichen Dasein spendet; nein, sie sind nur arm im Hinblick auf die herzlose Handlungsweise ihrer Eltern, von denen sie mit Absicht der Armut überantwortet wurden. Das aber ist ganz sicher: Wenn einige wirklich nicht völlig aus dem Hause gejagt und auch nicht überhaupt verbannt und geächtet werden, so werden sie doch bei der Hinterlassenschaft so weit unter ihre Brüder gestellt, daß sie zwar nicht in bitterer Armut zu leben brauchen, aber bei einem Vergleich doch arm erscheinen müssen, Ihr fragt, wozu denn die gottgeweihten Personen noch einen gerechten Anteil am väterlichen Erbe benötigten. Da antworte ich: Damit sie ihres heiligen Amtes walten können, damit das religiöse Leben durch den Besitz der Religiösen gefördert werde, damit sie spenden, damit sie schenken können, damit alle, die nichts haben, durch sie, wenn sie etwas haben, auch etwas haben; und endlich, damit sie, wenn ihr Glaube so vollkommen ist, auch nur besitzen, um bald nichts mehr zu besitzen, und um so seliger zu werden, wenn sie zuerst besessen haben und dann nichts mehr besitzen. Warum denn, ihr herzlosen Eltern, legt ihr ihnen den Zwang einer ganz unwürdigen Armut auf? Überlaßt dies doch der Askese selbst, der ihr ja euere Kinder übergeben habt! Es ist viel richtiger, wenn sie aus sich selbst heraus arm werden! Wenn ihr nur den Wunsch habt, sie arm zu sehen, nun, laßt nur ihre eigene Frömmigkeit dafür sorgen! Laßt ihnen doch die Freiheit, arm werden zu wollen! Sie sollen die Armut wählen, nicht aufgezwungen erhalten! Und wenn sie dieselbe schließlich doch tragen müssen, so sollen sie sie in frommer Demut auf sich nehmen und nicht durch ein verdammendes Urteil erdulden! Warum schließt ihr sie sozusagen aus der natürlichen Gemeinschaft aus? Warum sprecht ihr ihnen gewissermaßen das Recht des Geblütes ab? Sicher: auch ich möchte sie arm wissen, aber so, daß auch die heilige Armut ihren Lohn erhalte und sie in einem herrlichen Tausche an [S. 333] Stelle der Fülle die Armut wählen, auf daß sie dann durch diese freie Wahl der Armut die Fülle erlangen! Indessen wozu mühe ich mich ab, euch gerade durch den Gedanken an eine heilige Pflicht zu Menschlichkeit und Kinderliebe fortzureißen, da doch eben die Erwägung ein Hindernis ist und die Eltern lieblos macht, die sie eigentlich liebevoll machen müßte? Denn während ihr aus eurem Erbgut gerade deshalb den gottgeweihten Kindern mehr hinterlassen müßtet, damit etwas aus eurem Vermögen wenigstens auf dem Umweg über eure Kinder zu Gott gelange, vererbt ihr gerade deswegen nichts an eure Kinder, damit sie nichts haben, um es Gott zu überlassen. Wenn ihr so eure Kinder nicht mehr anerkennet, begnügt ihr euch freilich ganz herrlich mit dem vorsichtigen Grund, sie möchten sonst sich nicht als Kinder Gottes erkennen; und so vergeltet ihr die göttlichen Wohltaten ganz prächtig, wenn ihr mit allem Eifer danach trachtet, daß Gott nicht einmal über eure Angehörigen Ehre zuteil werde, während ihr doch alles von der Hand Gottes habt! Warum, frage ich, handelt ihr so treulos, so gottesfeindlich? Wir wollen ja gar nicht verlangen, daß ihr das Eurige dem Herrn schenkt; aber gebt Gott nur etwas von dem Seinigen zurück! Warum verfahrt ihr so geizig, so lieblos? Es gehört gar nicht euch, was ihr da verweigert! Ihr meint also, es sei unbillig, wenn ihr eure geistlichen Kinder mit den in der Welt gebliebenen dem Vermögen nach auf gleiche Stufe stellt? So arbeitet ihr darauf hin, daß sie es bereuen müssen, ein geistliches Leben begonnen zu haben, wenn dieses Leben sie in euren Augen minderwertig macht. Gnädig und gütig ist deshalb der Herr, wenn er an ihnen seine Absicht und sein Versprechen erfüllt; ihr aber wollt eurerseits nur bezwecken, daß ihr die wieder zu Dienern der Welt macht, denen ihr die Kinder der Welt vorziehet. Denn was heißt es anderes, als einem das Ordensleben verbieten, wenn man ihn ob dieses Lebens verachtet? [S. 334]

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger