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Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)
III. Buch

4. Unter allen Erben sind die gottgeweihten Personen die besten und wichtigsten, werden aber am wenigsten bedacht

Aber auf die Fragen, die wir hier berühren, werden wir später noch zurückkommen, wenn es der Gegenstand und der Gang der Darlegung verlangt. Einstweilen möchte ich nur davon reden und nur dazu mit ganz besonderer Eindringlichkeit mahnen, daß keiner irgendeinem Lieben, auch dem teuersten, gegenüber seiner Seele den Vorzug gebe! Es ist wirklich kein Unrecht, wenn ein Christ auch für seine rechtmäßigen Erben auf dieser Welt weniger aufhäuft, wenn er nur in der Ewigkeit sich selbst auf alle mögliche Weise Hilfe bringt; denn es ist ja auch erträglicher, wenn hienieden den Kindern etwas fehlt, als wenn in alle Zukunft den Eltern etwas fehlt; und die Dürftigkeit in diesem Leben ist viel weniger drückend als die Armut in der Ewigkeit, zumal dort drüben nicht allein die Armut zu fürchten ist, sondern auch Tod und Pein, und es daher doch wirklich von [S. 330] geringerer Bedeutung ist, wenn hienieden den Erben etwas am Erbgut als wenn drüben den Erblassern etwas an ihrem ewigen Heil fehlt; es müßten doch gerade diejenigen, denen eine Erbschaft zufällt - wenn sie noch einen Funken von Pietät in sich haben - ganz besonders wünschen, daß die Erblasser nicht zugrunde gehen. Wünschen sie dies aber nicht, so sind sie erst recht nicht wert, daß ihnen etwas vermacht wird; denn ein weiser Erblasser tut ganz recht daran, wenn er nichts hinterläßt, was der pietätlose Erbe nicht verdient. Daher ist es am besten, wenn jeder für sich vorsorgt und alles für seine Seele und sein künftiges Heil zurückläßt.

Freilich mögen bisweilen nicht bloß Kinder vorhanden sein, denen man schon nach natürlichem Recht mehr schuldig ist, sondern auch andere nahestehende Menschen; und ihr Verdienst und ihre Stellung mag so sein, daß hier Gerechtigkeit und Gottesfurcht selbst eine ihnen zugewiesene Schenkung in Schutz nehmen; und hier mag es nicht bloß liebevoll sein, wenn man ihnen etwas vermacht, sondern sogar unfromm, wenn man ihnen nichts vermacht, mögen es nun vom Leid heimgesuchte Eltern oder treue Geschwister oder fromme Gattinnen oder - um den Wirkungskreis der Güte und Milde noch zu erweitern - mögen es auch arme Verwandte oder mittellose Verschwägerte oder endlich überhaupt solche sein, die sich in irgendeiner Not befinden - oder gar solche - und das ist das Höchste - die sich Gott geweiht haben. Denn das wäre das größte und hervorragendste Glück, wenn einer seine Liebestat auch gleichzeitig zu einer religiösen Tat machen könnte. Selig derjenige, der seine Teuren im Geiste der göttlichen Liebe liebt, dessen Dienst am Nächsten auch ein Dienst an Christus ist, der auch in den Banden der Natur an Gott denken kann, den Vater aller Natur, der seine Liebesgaben umwandeln kann in heilige Opfer und der sich auf diese Weise so viel unsterblichen Gewinn und selige Früchte sichert, daß er die Gaben an seine Angehörigen seinem Herrn auf [S. 331] Zinsen leiht und so gerade durch die zeitliche Freigebigkeit gegenüber den Seinen sich ewigen Lohn erwirbt! Zur Zeit aber tut man höchst verwerflich gerade das Gegenteil: niemandem wird von den Seinen weniger hinterlassen als solchen, denen aus Ehrfurcht vor Gott gerade mehr gebührt; auf niemand nimmt die Mildtätigkeit weniger Rücksicht als gerade auf solche, die ihr heiliger Stand empfiehlt. Und wenn von Eltern Kinder Gott dargebracht werden, so werden gerade die dargebrachten gegenüber allen anderen Kindern in den Hintergrund gerückt; man hält sie des Erbes für unwürdig, weil sie ja der göttlichen Weihe würdig gewesen seien; und so sinken sie bei den Eltern im Werte auf Grund der einzigen Tatsache, daß sie vor Gott wertvoll geworden sind. Daraus kann man schließen, daß fast niemand bei den Menschen weniger gilt als Gott; denn es geschieht offenbar aus Verachtung gegen ihn, wenn Eltern vornehmlich jene Kinder hintansetzen, die in Gottes Eigentum übergegangen sind.

 

 

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Allgemeine Einleitung zu Salvianus Leben und Werk

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger