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Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)
III. Buch

13. Die törichte Suche nach fremden Erben

Aber wem sagen wir dies alles, und warum sagen wir es? Wo werden wir offene Ohren und sehende Augen finden können? Wir lesen doch von den Gottlosen: „Alle, fast alle sind abgewichen, alle zusammen sind verdorben; keiner ist, der Gutes tut, fast auch nicht einer!" 1Eine neue Torheit hat jetzt Weltleute sowohl wie auch einige, die sich dem Dienste Gottes geweiht haben, befallen. Wir haben schon davon zu reden begonnen: sie weisen ihr eigenes Vermögen, den Preis für ihren Loskauf, schon nicht mehr bloß ihren Kindern und Enkeln zu - das könnte ja noch aus einem natürlichen Zwang heraus geschehen - nein, sie weisen es auch Verwandten und Verschwägerten zu, und zwar nicht nur, wie man sagt, 2in geradliniger Abstammung, sondern auch solchen aus Neben- und Querlinien, ja sagen wir gleich: solchen aus einer ganz fremden und verkehrten Richtung. Und sie machen schon keinen Unterschied mehr, für wen sie nun sorgen, wenn sie nur für sich nicht zu sorgen brauchen! Wenn nämlich solche, von denen die Rede ist, beim Herannahen des Todes keine Kinder haben, dann suchen sie in ihrer Treulosigkeit nach solchen, die sie Verwandte oder Verschwägerte nennen können; oder wenn es auch daran fehlt, suchen sie nach etwas Neuem, dem man künstlich den Namen Verwandtschaft geben kann. Und, wie ich sagte, es liegt ihnen nichts daran, wessen sie gedenken, wenn [S. 348] sie nur ihrer selbst vergessen; es liegt nichts daran, wen sie zu lieben vorgeben, wenn sie nur ihre eigene Seele hassen; es liegt nichts daran, wen sie reich machen, wenn sie nur sich selbst in ewiger Armut verzehren können!

1: Ps. 13, 3; paene läßt die Vulgata weg.
2: Diese Ausführungen scheinen auf die juristischen Studien und Kenntnisse Salvians hinzuweisen; vgl. Einl. S. 17.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger