Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam) III. Buch
11. Das warnende Gleichnis vom reichen Prasser und vom armen Lazarus Wenn also Eltern ihren Kindern Reichtümer hinterlassen, so befreit sie das nicht von der tiefsten Armut; im Gegenteil; eine allzugroße Hinterlassenschaft für die Kinder bedeutet ewige Armut für die Eltern! Und so fügt den Eltern niemand größeren Schaden zu als zu sehr geliebte Kinder. Während nämlich diese im väterlichen Besitze schwellen, leiden die Eltern ewige Pein. Auch wenn etwa der Sohn noch so pietätvoll sein sollte und, um die Qual des Vaters zu lindern, 1hinterher die vererbten Güter mit dem Vater noch teilen wollte - er wird es nicht können: die Pietät des Sohnes kann nach dem Tode keinem Vater das mehr zurückgeben, was ihm die eigene Unfrömmigkeit und Treulosigkeit entzogen hat! Daher soll nach dem Apostel ein jeder an [S. 343] seine Last denken, da jeder Mensch an seiner Bürde zu tragen hat. Die Feuerqual der unseligen Toten wird nicht gemildert durch den Reichtum der Erben, Jener Reiche im Evangelium, 2der sich in Purpur und feine Leinwand kleidete und der ohne Zweifel auf dieser Welt sehr vermögend gewesen war, hatte bei seinem Tode auch seine Erben reich gemacht. Aber es nützte ihm gar nichts, daß seine reichen Brüder auf Gold und Schätzen saßen, nicht einen Tropfen der Linderung konnte es ihm verschaffen! Sie saßen im Überfluß, er schmachtete in Armut; sie waren im Glück, er in Schmerzen; sie in Reichtümern, er in Qualen; sie lebten vielleicht in unaufhörlicher Prasserei, er litt in ewigen Flammen. Ein unseliges, jammervolles Geschick! Mit seinen Gütern hatte er anderen ein fröhliches Leben, sich selbst den tiefsten Sturz verschafft; anderen Freuden, sich selbst Tränen; anderen eine kurze Lust, sich selbst das unauslöschliche Feuer! Wo waren da seine Verschwägerten, wo die Verwandten, wo auch seine Kinder, wenn er solche besessen hatte, wo selbst seine Brüder, deren er gedachte, und die er sicher mit solcher Liebe geliebt hatte, daß er ihrer nicht einmal mitten in seiner Pein vergaß? Was konnten sie ihm nützen, wie ihm helfen? Der Unglückliche wurde gepeinigt; und während andere seinen Reichtum verzehrten, mußte er in der Glut um einen lindernden Tropfen bitten, ohne ihn erhalten zu können! Und dazu - wenn eine solche Strafe überhaupt noch vergrößert werden kann - mußte er diesen Tropfen von jenem erbitten, den er einstmals verachtet hatte; von dem, dereinst in eitrigen Geschwüren dahingefault war; von dem, dessen Gestank und Schmutz er in weitem Bogen ausgewichen war, der mit den Schwären seiner Glieder die Hunde gefüttert hatte, den die ganzen Haufen von wimmelnden Würmern bis in das Innerste seines zerfressenen Leibes hinein aufgebissen hatten. O furchtbare, o traurige Lage! Der Arme [S. 344] erkauft mit seiner Dürftigkeit die Seligkeit, der Reiche mit seinem Vermögen die Verdammnis; der Arme, der gar nichts besaß, konnte sich mit seiner Armut ewigen Reichtum erwerben. O wie viel leichter hätte diesen mit seinem großen Besitz der Reiche erwerben können, der da mitten in der brennenden Qual seiner Strafe ausrief: „Vater Abraham, erbarme dich meiner und schicke den Lazarus zu mir herab, daß er seine Fingerspitze in das Wasser tauche und meine Zunge kühle; denn ich leide Qual in dieser Flamme!" 3Wahrlich, nun verabscheute der reiche Mann nicht mehr die Hand des einst armen Lazarus und verschmähte nicht seine Hilfe; ja er verlangte, daß er seine Finger in seinen Mund stecke, und empfände es als Gnadengeschenk, wenn nun die unerträgliche Hitze seiner Kehle von seiner ehedem so häßlichen, eitrigen Hand abgekühlt würde. Welcher Wandel des Geschicks war da eingetreten! Ja, jetzt sehnte er sich nach einer Berührung von jenem, den er einst nicht einmal hatte sehen wollen,
1: “… parentes in sempiternitate eruciantur. Etiamsi tarn pius sit filius, ut refrigerandi supplicii paterni gratia communicare cum patre postea bona relicta cupiat, non valebit." Es ist möglich, daß Salvian hier die vielverbreitete (theologische und volkstümliche) Meinung bekämpft, nach der es ein Aufhören der Höllenstrafen (vgl. die Apokatastasis des Origenes!) oder - und diese Variante liegt hier näher - eine Pause oder zeitweilige Milderung der Qualen - ein „refrigerium damnatorum" - gibt. Eine Zusammenfassung der jüngsten Literatur über dieses Problem s. Hist. Vjschr. 28 (1933), S. 409. 2: Luk. 16, 19 ff. 3: Luk, 16, 24.
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