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Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)

II. Buch

1. Die heiligmäßig lebenden Menschen sind wie alle anderen zur Wohltätigkeit verpflichtet

Wir sprachen von den Heilmitteln für die Sünden oder vielmehr von der Hoffnung auf solche Heilmittel und von der Vertröstung auf sie, und sagten, es sei der erste Schritt zur Erlangung des Heils, daß der Sünder seinen Irrtum bereue, dann, daß er nach der Heiligen Schrift sofort seine Sünden durch Mitleid loskaufe, und endlich, wenn er dies nicht getan haben sollte, daß er wenigstens im Sterben nichts unversucht lasse, um sich noch durch eine allerletzte Hingabe seiner Güter zu Hilfe zu eilen. Vielleicht aber kann hier folgendes entgegengehalten werden: Wenn die sündhaften Menschen an diese Notwendigkeit des Loskaufs ihrer Sünden gebunden sind, dann sind die heiligmäßigen, die frei von Sünde sind, zweifellos nicht gebunden; und folglich haben diejenigen keinen zwingenden Grund, ihr Vermögen zu verschenken, die nichts haben, was sie durch Mildtätigkeit loskaufen müßten. Ich höre diesen Einwand; wir werden aber später sehen, wie sich dies verhält. Nur soviel einstweilen: Liegen auch keine vergangenen Übeltaten vor, die der heiligmäßige Mensch mit seiner ganzen Habe loskaufen müßte, so gibt es doch ewige Güter, die er um hohen Preis erwerben soll. Aber darüber später ausführlicher! Jetzt aber behaupte ich ganz freimütig und fest das eine: Es gibt nie und nirgends einen heiligmäßigen Menschen, der nicht in vielem Gottes Schuldner wäre; und daraus folgt, daß auch er [S. 294] alles, was er seinem Herrn gibt, weniger verschenkt als vielmehr zurückzahlt. Um zunächst von den Wohltaten ganz im allgemeinen zu reden: wer du auch seiest, einer von den Frommen oder einer von den Reichen, zu allererst bist du durch das Wohlwollen und durch das freie Geschenk Gottes geboren und ernährt und erzogen worden; du bist mit den zum Leben notwendigen Mitteln ausgestattet, mit den nicht notwendigen bereichert worden; Gott, dein Herr, hat dir mehr zum Genuß gespendet, als es das unbedingte Maß erfordert; er hat seine Gnaden weit über das hinaus, was du hoffen durftest, erstreckt, ja - das Größte und Seltenste - seine Gaben haben sogar deine Wünsche übertroffen. Zu alldem füge ich hinzu, daß dieser dein Herr, der dich am Anfang durch seine Gnade ins Leben rief, dich später durch sein Leiden gerettet hat, daß deinetwegen, o Mensch - der du nur Staub und Kot bist, nein, nur ein ganz winziger Teil von Staub und Kot - daß deinetwegen der Herr des Weltalls auf die Erde niederstieg, gleichermaßen aus dem Fleische und im Fleische hervorging, daß er sich erniedrigte, herab bis zur beschämenden Menschwerdung, bis zum Schmutz der Windeln, bis zur Armseligkeit der Krippe, daß er all den unwürdigen Zwang dieses Daseins, das Essen, das Trinken, auf sich nahm, dazu den traurigen Wechsel von Wachsein und Schlafen und all die schmählichen Notwendigkeiten dieses vergänglichen Erdenwandels, ja sogar das Umgebensein von unflätigen Mitmenschen, Leuten, über und über bedeckt mit dem Schlamm ihrer Sünden, beladen mit den Untaten eines schlechten Gewissens, die den eklen Geruch ihrer Schändlichkeiten ausatmeten und so nicht fähig waren, die himmlischen Lehren zu begreifen und den Strahl der Himmelsflamme zu ertragen, weil die durch die Sünde verfinsterten Augen der Glanz des göttlichen Lichtes blendete. Und das genügt noch nicht: zu all dem kommt hinzu der freche Widerspruch des übermütigen Volkes, kommen die Beschimpfungen, die Schmähungen, kommt [S. 295] die gottlose Verfolgung und das falsche Zeugnis, das grausame Gericht und der Hohn der Menge, kommen das Anspeien, die Schläge, kommen die bitteren Leiden und die Erniedrigungen, bitterer noch als die Martern, die Dornenkrone, der Essigtrank, die Speisung mit Galle - und endlich der von den Menschen verurteilte Herr der Welt, das am Kreuzesholz hängende Heil des Menschengeschlechtes, ein Gott, der da auf Grund irdischer Satzung stirbt!

 

 

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Allgemeine Einleitung zu Salvianus Leben und Werk

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger