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Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)
II. Buch

9. Auch die Kleriker sind in besonderem Maße dazu verpflichtet

Noch müssen wir einiges über die Diener der Kirche und die Priester sagen, obwohl es eigentlich überflüssig sein mag. Denn was von allen anderen gesagt wurde, all das gilt ohne Zweifel in noch höherem Maße von denen, die allen ein Vorbild sein müssen und die alle übrigen an Frömmigkeit ebensoweit überragen sollen, wie sie es durch ihre Würde tun. Denn was ist ein Vorrang ohne erhöhte Verdienste anderes als ein ehrenvoller Titel ohne ehrbaren Namen, 1oder was bedeutet die [S. 309] Würde an einem Unwürdigen anderes als ein Schmuckstück in einer Pfütze? Daher müssen alle, die oben auf den Stufen des Opferaltares stehen, ebenso hoch durch ihre Verdienste wie durch ihre Stellung herausragen. Denn wenn Gott Männern im Laienvolke und Frauen, die doch zum schwächeren Geschlecht gehören, schon so feste, vollkommene Lebensregeln gegeben hat, um wieviel größere Vollkommenheit verlangt er erst von denen, die andere belehren müssen, wie sie zur Vollkommenheit gelangen können! Von ihnen hat doch Gott in allen Dingen ein so gutes Beispiel verlangt, daß er sie zu einer ganz besonderen Lebensweise nicht nur durch das neue, sondern auch schon durch das alte Gesetz aufs strengste verpflichtete! Mochte auch der Alte Bund allen übrigen Menschen die weiteste Vollmacht zur Vergrößerung ihres Besitzes gönnen - gerade alle Beamten und Priester schränkte er hinsichtlich ihrer Habe auf gewisse Grenzen ein und erlaubte ihnen weder ein Saatfeld noch einen Weinberg noch überhaupt irgendein Grundstück zu besitzen. Daraus läßt sich doch entnehmen, ob unser Herrgott heute wollen kann, daß die im Evangelium lebenden Kleriker irgendwelchen Weltkindern die Güter vererben sollen, deren Besitz er nicht einmal den unter dem alten Gesetz Stehenden erlaubte! Und daher verkündete ihnen der Heiland selbst im Evangelium dies nicht als freiwillige, sondern als pflichtgemäße Leistung zur Vollkommenheit. Denn was, lesen wir, hat er jenem Jüngling - einem Laien - gesagt? „Wenn du vollkommen sein willst, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen!" 2Was aber sagt er zu seinen Dienern? „Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Geld in euren Gürteln tragen, weder eine Reisetasche noch doppelte Kleidung noch Schuhe noch Stab haben." 3Beachtet wohl den großen Unterschied zwischen diesen beiden Worten des Herrn! Dem Laien sagt er: „Wenn du willst, verkaufe deine Habe", dem [S. 310] Diener aber: „Ich will nicht, daß du besitzest.“ 4Er hielt es aber für noch zu wenig, wenn er ihm nur den Besitz etwa eines größeren Vermögens nahm; nein, er wollte ihm selbst die Tasche nicht belassen, wenn er eine Reise vor sich hatte, und wollte ihn sogar zum Genügen an einem einzigen Gewand verurteilen! Und ferner nicht genug damit! Er befiehlt auch noch seinen Knechten, mit nackten Sohlen über die Erde zu wandeln, und hat ihnen die Schuhe von den froststarrenden Füßen genommen. Und was noch? Den Stab hat er aus der Hand des Apostels gerissen und seinen Dienern, wenn sie die ganze Welt durchwanderten, auch nicht einen kleinen Stecken zur Stütze gelassen. Und nach all dem dünkt es ihren Nachfolgern, den Leviten und Priestern, die eines so hohen, heiligen Amtes walten, nicht genug, wenn sie selber reich sind - sie wollen auch noch reiche Erben hinterlassen! Schämen wir uns doch über diese Treulosigkeit! Seien wir doch damit zufrieden, wenn wir wenigstens nur bis zum Lebensende Gott zu verschmähen scheinen! Warum bemühen wir uns, diese Verachtung Gottes auch noch über den Tod hinaus zu erstrecken? Wir sprachen nun von den einzelnen Personen und Ständen, und zwar deshalb, weil es - wie schon gesagt - Leute gibt, die sich zwar Gottes besonderem Dienste verlobt haben, die aber glauben, sie schuldeten Gott ihr Vermögen nicht so, oder doch nicht in dem Maße wie die Weltleute. In Wirklichkeit schulden sie es in viel höherem Grad; denn der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt und ihn nicht ausführt, soll mit vielen, der ihn aber nicht kennt, mit wenig [S. 311] Schlägen gezüchtigt werden. 5Weihe an Gott aber ist auch Wissenschaft von Gott; und daher bezeugt jeder Gottgeweihte allein durch die Hingabe an Gott sein Wissen um den göttlichen Willen. Das Gelöbnis der Gottgeweihtheit erläßt daher nicht die Schuld, sondern erhöht sie, weil die Aneignung des gottgeweihten Namens auch ein Versprechen tiefster Ergebenheit bedeutet und auf diese Weise einer um so mehr durch seine Werke schuldet, je mehr er durch sein Gelöbnis versprochen hat, nach dem Wort: ,,Es ist besser, nichts zu geloben, als nach einem Gelöbnis das Versprechen nicht zu halten," 6

1: Wir übernehmen - freilich nicht ohne Bedenken - die Lesung Hartels und Paulys: honoris titulus sine nomine, obwohl die Haupthss., auch der von Morin neu gefundene Cod. Bern. Bongars. 315, „nomine" schreiben. Diesen Satz zitiert übrigens Salvian wieder in seiner Gub. IV, 1 (sicut ait quidam in scriptis suis); so muß also auch dort die Lesung „nomine" übernommen werden, was Härtel und Pauly unterlassen.
2: Matth. 19, 21.
3: Ebd. 10, 9 f.
4: Die ohne Zweifel richtige Lesung „pedum", die freilich nicht in der ganzen Überlieferung erscheint, wird jetzt bestätigt durch den von Morin gefundenen Cod. Bern. Bongars. Nr, 315, s. XI. Es ist aber bezeichnend für den Charakter dieser Handschrift, daß sie das Wort „calciamenta" einschieben zu müssen glaubte, offenbar, weil sie pedum falsch als Gen. pl. von pes auffaßt.
5: Luk. 12, 47 f
6: Ekkle. 5, 4.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger