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Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)
II. Buch

8. Ebenso müssen die gottgeweihten Jungfrauen zur Opferung all ihrer Habe bereit sein

Wollen wir nun zu den gottgeweihten Jungfrauen übergehen! Ihnen hat das Gesetz ihrer Frömmigkeit der Heiland selbst vorgeschrieben, 1nämlich durch das Gleichnis von den zehn Jungfrauen. Die Schar der törichten Mädchen unter ihnen verurteilt er nur deswegen zur ewigen Pein, weil es ihr an Barmherzigkeit fehlt. Ganz deutlich hat der Herr damit zu verstehen gegeben, wie hoch er eine gebefreudige Barmherzigkeit wertet; ohne sie, sagt er, wird selbst die Unversehrtheit einer Jungfrau nichts frommen. Aber einige schmeicheln vielleicht sich selber und halten es für genügend, wenn sie nur ein weniges verschenken, obwohl sie ein großes Besitztum haben. Ich selbst leugne auch gar nicht, daß man so glauben soll, wenn dieser Schluß stimmt. Gut: man gebe zu wenig, wenn dieses zu Wenige genügen wird; aber ich weiß nicht, ob ein ,,zu wenig" genügt; vielmehr ich weiß bestimmt, daß dieses ,,zu wenig" nicht genügt. Wenn solche selbst etwas anderes wissen, gut, so sollen sie es bei sich selbst wissen; ich weiß nur eines, nämlich, daß Gott von den ausgelöschten Lampen der Jungfrauen spricht, die nicht das Öl der guten Werke hatten. Glaubst du aber, wer du auch seiest, daß du genug des Öls habest? Auch jene törichten Jungfrauen, von denen wir sprechen, dachten sicherlich so; denn wenn sie nicht geglaubt hätten, Öl zu haben, hätten sie dafür gesorgt, es zu haben. Wenn sie nämlich hernach, wie der Herr sagt, es entlehnen wollen und es mit heftigem Eifer zu bekommen trachten, hätten sie es zweifelsohne auch schon vorher erworben, wenn sie nicht der Glaube, es schon zu haben, getäuscht hätte. Sieh daher auch du zu, Jungfrau, wer du auch seiest, - sieh zu, daß du es nicht auch so nicht habest, obwohl du glaubst, [S. 307] es zu haben! Du trägst den gleichen Namen wie jene, du hast den gleichen Stand. Du bist eine Jungfrau, und jene waren Jungfrauen; du meinst weise zu sein, und jene hielten sich nicht für töricht; du glaubst, daß deine Lampe ein Licht trage, und auch jene haben ihr Licht eingebüßt durch ihre Hoffnung auf das zukünftige Licht. Deshalb heißt es ja, sie hätten ihre Lampen zurechtgemacht, weil sie glaubten, daß sie angezündet werden müßten. 2Ja, ich glaube sogar, daß auch bei ihren Lampen ein wenig Licht aufflammte. Denn wenn sie selbst, wie wir lesen, 3fürchteten, es möchten ihre Lampen verlöschen, so mußten sie doch etwas haben, dessen Verlöschen sie besorgten. Und ihre Vermutung und ihre Furcht trogen nicht: die Lampen erloschen und wurden dunkel. Denn nichts hat es der Reinheit genützt, daß in ihr das Licht der Jungfräulichkeit erschien, weil sie infolge des mangelnden Öles kraftlos ward. Daraus ersehen wir, daß das, was zu wenig ist, soviel wie nichts ist; denn es nützt soviel wie nichts, ein Licht anzuzünden, das sofort wieder verlöscht; und es hat keinen Wert, daß etwas aufleuchtet, was im Entstehen schon den Untergang birgt; und daß es nur deshalb einen Anfang zum Leben nimmt, um einen Anfang zum Sterben zu haben. Nein, eine volle Lampe ist nötig, damit das Licht dauern kann. Denn wenn sogar in den Lampen, die wir Menschen doch nur auf kurze Zeit benützen, das Licht immer matter und schwächer wird, so nicht reichlich Öl zugegossen ist - welche Fülle des Öls brauchst du erst, gleichviel wer du auch bist, auf daß deine Leuchte für die ganze Ewigkeit leuchte? Für niemanden genügt es also zum ewigen Leben, wenn er nur glaubt, zu haben, was er in Wirklichkeit nicht hat; denn törichte Einbildungen sind die Ursache des Verderbens, nicht des Heils; „denn wer", sagt der Apostel, ,,da wähnt, er sei etwas, während er doch nichts ist, [S. 308] der verführt sich selber." 4Oder es müßte dir - wer du auch seiest, die ich anspreche - es müßte dir von Gott unmittelbar das Maß der Mildtätigkeit enthüllt worden sein und du müßtest vom Heiligen Geist genau umschriebene Grenzen für dein Schenken erhalten haben, daß du ihre Überschreitung für eine Sünde halten und es irgendwie als Fehltritt ansehen müßtest, wenn du frömmer wärest, als es dir von Gott geheißen ist. In einem solchen Falle sollst du ungehindert deine von Gott verliehene Wissenschaft gebrauchen. Weil aber diese Einbildung ebenso töricht wie leichtfertig ist, welch ein Wahnsinn ist es da, in vorsichtiger und furchtsamer Sorge nicht alles zu tun, was überhaupt möglich ist, da du doch gar nicht wissen kannst, wieviel zum Heile hinreicht!

1: Matth. 25.
2: Matth. 25, 7.
3: Ebd. 25, 8.
4: Gal. 6, 3, Bei Salvian einige Änderungen gegenüber der Vulgata, besonders: ipsum se seducit statt ipse der Vulgata.

 

 

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Allgemeine Einleitung zu Salvianus Leben und Werk

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger