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Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)
II. Buch

6. Die Christen verdanken Gott mehr als die Juden; daher muß der Christ mit allem Gott dienen. Beispiel der christlichen Witwe

Doch fragt nun jemand, was es denn eigentlich sei, daß Gott jetzt durch das Evangelium von den Christen mehr verlange als einst durch das Gesetz von den Juden. Dieser Gedanke ruht auf festem Grunde: Wir müssen unserem Herrn Größeres zurückzahlen, weil wir Größeres schulden. Die Juden hatten einst nur den Schatten der Dinge, wir haben die Wahrheit; die Juden waren Knechte, wir sind Adoptivkinder; die Juden empfingen ein Joch, wir die Freiheit; die Juden den Fluch, wir die Gnade; die Juden den tötenden Buchstaben, wir den belebenden Geist; den Juden ward ein Knecht zum Lehrer gesandt, uns der Sohn; die Juden gingen durch das Meer hindurch in eine Wüste, wir gehen durch die Taufe hindurch ins Reich Gottes; die Juden aßen das Manna, wir essen Christus; die Juden das Fleisch der Vögel, 1wir den Leib Gottes; die Juden den Reif des Himmels, wir den Gott des Himmels, ,,der", wie der Apostel sagt, „obwohl er göttlicher Natur war, sich selbst erniedrigte bis zum Tode, zum Tode des Kreuzes"; 2nicht zufrieden damit, für uns einen einfachen Tod zu erleiden, ohne daß er auf das freiwillig erkorene Sterben [S. 303] auch noch die ganze Qual der bittersten Henkersstrafe gehäuft hätte. Was wird der Mensch für diese Tat allein erstatten können, der Mensch, für den sich Christus in martervollem Leiden geopfert hat? Oder was Gleichwertiges wird er dem Herrn von sich aus vergelten, er, der dem Gott selbst, von dem er erlöst worden ist, schuldet? Das also ist der Grund, warum der Herr eine größere Hingabe von uns verlangt, weil er eben unsere Hingabe um einen so hohen Preis erworben hat. Daher sagt der heilige Apostel Paulus: „Wer kann uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?" 3Der Apostel sagt hier, daß wir nicht nur unser Geld und nicht nur unsern Reichtum Gott schulden, sondern Trübsal, Angst, Hunger, das Schwert, das Blutvergießen, den letzten Atemzug und jegliche Art der Todesqualen. Daraus mögen alle Gottgeweihten ersehen, daß sie Gott nicht genug zurückgeben, auch wenn sie ihr gesamtes Vermögen spenden, weil sie dann, mögen sie auch alles andere verteilen, doch immer noch sich selbst schuldig bleiben. Und deshalb - wir fingen schon an, davon zu sprechen - darf irgendeine Witwe mit nichten glauben, es genüge der bloße Name der Witwenschaft zum ewigen Heil, sondern sie soll vernehmen, wie beschaffen nach dem Apostel der Herr eine Witwe haben will: „Eine wahre Witwe, die verlassen ist, hofft auf Gott und läßt nicht ab vom Beten Nacht und Tag; denn die ein üppiges Leben führt, ist lebendig tot." 4In ein und demselben Satze hat der Apostel die zwei Formen der Witwenschaft zum Ausdruck gebracht: die des Lebens und die des Todes; auf die Üppigkeit aber hat er den Tod gesetzt. Also [S. 304] will er offenbar nicht, daß eine Witwe reich ist, wenn er nicht duldet, daß sie üppig lebt. Denn jegliche Frucht des Reichtums besteht doch im Genuß eines üppigen Lebens; sonst bleibt ja, wenn dieser Genuß fehlt, kein Grund mehr für den Reichtum.

1: Exod. 16, 13.
2: Phil. 2, 6. 8.
3: Röm. 8, 35. In der Vulgata steht persecutio an vorletzter Stelle.
4: 1 Tim. 5, 5 f. Vulgata: Quae autem vere vidua est, et desolata speret in Deum, et instet obsecrationibus et orationibus nocte ac die; nam quae in deliciis est, vivens mortua est.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger