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Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)
II. Buch

5. Das Evangelium stellt andere Forderungen als das Gesetz

Darin also bestand damals ein heiligmäßiges Leben; dem Gesetz gemäß alles zu besitzen, dem Gesetz gemäß alles zu verlassen. Und so war ein jeder vollkommen, der dem Gesetz gehorchte; und derjenige, der damals weniger tat, war genau so gottesfürchtig wie im Evangelium einer, der mehr tut. Denn damals war das Gesetz soviel wie das Evangelium. Wer also sich damals dem Gesetz gehorsam erwies, der erfüllte gewissermaßen auch das Evangelium. So darf jetzt keiner glauben, zum Gesetz seine Zuflucht nehmen zu können; „denn das Alte", sagt der Apostel, „ist vergangen, alles ist neu geworden". 1Damals herrschte mehr Nachsicht, mehr Freiheit. Damals wurde der Fleischgenuß gepredigt, jetzt Enthaltsamkeit; damals gab es im ganzen [S. 301] Leben nur wenige Fasttage, jetzt ist gleichsam das ganze Leben ein einziger Fasttag, Damals geschah einer Beleidigung Genüge durch Rache, jetzt durch Geduld; damals war das Gesetz ein Diener des Zornes, jetzt ein Gegner; damals drückte es dem Ankläger das Schwert in die Hand, jetzt die Liebe; damals hatte das Gesetz sogar Nachsicht mit den Lockungen des Fleisches, jetzt nicht einmal mit dem bloßen Blick; damals hatten die leiblichen Lüste eine gewisse Freiheit, jetzt müssen schon die Augen in strenger Zucht gehalten werden; damals gab das Gesetz im Lager eines Gatten Raum, um viele Frauen aufzunehmen, jetzt verpflichtet Frömmigkeit und gelobte Keuschheit sogar zur Fernhaltung einer einzigen Frau! „Denn", so sagt der Apostel, „das bleibt übrig, daß auch denen, die Weiber haben, so sein wird, als hätten sie keine; und den Weinenden, als weinten sie nicht; und den Fröhlichen, als freuten sie sich nicht; und den Käufern, als besäßen sie nichts; und denen, die diese Welt genießen, als genössen sie dieselbe nicht; denn es vergeht die Gestalt dieser Welt" 2Seht, in welcher Kürze der gottgesandte Lehrer alles in den richtigen Grenzen hält, wie er alles zu einem einzigen Bild der Vollkommenheit zusammenschließt, indem er nicht allein das Unerlaubte untersagt, sondern auch das Erlaubte einschränkt; indem er sozusagen alles beschneidet, den ehelichen Umgang, die Kraftlosigkeit der Tränen, das Übermaß der Freuden, die Sucht nach Besitz, die Begierde am Kaufen, endlich die ganze kurze und schattenhafte Lust an dieser Welt. Und warum dies alles? Ja warum - wenn nicht deswegen, weil, wie er selbst sagte, die Gestalt dieser Welt vergeht? Wie weit entfernt von Gottes Gebot sind also diejenigen, die Gott geheißen hat, für sich selbst im Leben auf ihren Reichtum zu verzichten, die ihn aber noch im Tode in ihren Verwandten besitzen möchten! Oder wie weit [S. 302] entfernt sind sie noch von jener Hingabe, daß sie sich um Gottes willen selbst enterben, wenn sie nicht einmal Fremde um ihrer selbst willen enterben wollen! Ihnen möchte ich ganz freimütig zurufen: „Was für ein Wahnsinn ist das, ihr Unseligen, daß ihr Menschen, sei es welche auch immer, zu eueren Erben macht, euch selbst aber eures Erbes entblößt! Daß ihr andere als reich zurücklasset - auch das nur auf kurze Zeit! - euch selbst aber zur ewigen Bettelarmut verdammt!"

1: Kor. 5,17.
2: 1 Kor. 7, 29-31 (mit unwesentlichen Textänderungen der Vulgata gegenüber).

 

 

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Allgemeine Einleitung zu Salvianus Leben und Werk

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger