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Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)
I. Buch

10. Die Wohltätigkeit gegen die Kirche kann aber vielleicht doch eine letzte Rettung bedeuten

Aber was wird in all dieser Zeit geschehen? Wann wird der trauern, der die Tage zur Trauer verschwendet hat? Wann wird der genugtun, der die Zeit zur Genugtuung verloren hat? Natürlich: er wird zu langen Fasten seine Zuflucht nehmen. Und das bedeutet auch etwas, wenn sich das Almosen hinzugesellt, nach dem Wort: „Gut ist Fasten mit Almosen." 1Aber wie kann ihm eine lange Buße noch zu Hilfe kommen, wenn er in den letzten Zügen liegt? Doch dann wird er mit einem härenen Gewand sein Fleisch wundreiben und es mit Staub und Asche entehren, auf daß natürlich die Härte und Rauheit dieser Bußübungen in der Gegenwart die Verweichlichung und die Vergnügungssucht der Vergangenheit aufwiege und auf daß er die Schuld des langen Freudentaumels zurückzahle mit der notwendigen Selbsterniedrigung, die ihn nun schützen soll. Aber wann wird er dies große Werk vollbringen, wenn er durch den nahen Tod auch schon an der geringfügigsten Handlung gehindert ist? Endlich wird die Strenge als Glaubensrichterin den an seinem Leibe schuldig gewordenen Menschen unter das Kreuz verschiedener Unbilden und Entbehrungen beugen, natürlich zu dem Zwecke, um die Gnade ewiger Strafbefreiung durch freiwillige Selbstbestrafung in diesem Leben zu verdienen. Aber wo wird die urteilfällende Seele ihres strengen Amtes walten können, wenn der Körper schon [S. 287] ermattet? Denn kein Richter kann ein hartes Urteil vollstrecken, wenn der Schuldige das Urteil zu tragen nicht mehr fähig ist. Es gibt also nur ein einziges Mittel, das nach dem Verlust aller Hilfe, aller Zuflucht dem in der Not der Verlassenheit bangenden Menschen Beistand bieten könnte; er soll sich zu jenem heiligen und heilsamen Rat des Gottesmannes Daniel flüchten; er wollte den König von Babylon heilen und legte auf die aus seinem Zorn gewachsenen Geschwüre die lindernde Salbe der Erbarmung: „Laß dir daher, o König, meinen Rat gefallen und mache dich frei von deinen Sünden durch Wohltätigkeit und von deinen Missetaten durch Mitleid mit den Armen: vielleicht wird der Herr dann Geduld haben mit deinen Verfehlungen." 2So soll auch der Mensch handeln, wie der Prophet gesagt hat Er soll das Heilmittel, das hier einem andern angeboten ist, für seine Wunden anwenden, in Furcht soll er gedenken des Beispiels schmählich gestraften Ungehorsams; er soll erwägen, was er selbst dereinst im Tode erleiden würde, wenn er sieht, was der assyrische König im Leben ertragen mußte. An ihm hat er ein Vorbild des Hochmuts und der Auflehnung. Er soll sich überlegen, ob er selbst, falls er nicht gehorcht, nach dem Sterben entrinnen wird, wenn er sieht, daß jener König, der auch nicht gehorchte, im Leben schon sich selbst verloren hat. So möge er denn doch wenigstens noch auf dem Sterbebette zur Befreiung seiner Seele von den ewigen Strafen, weil er schon nichts anderes mehr kann, sein Vermögen opfern; aber er opfere es in Zerknirschung und in Tränen, in Betrübnis und Schmerz. Denn anders ist ein Opfer zu nichts nütze, da es nicht durch seinen Wert, sondern durch die Liebe angenehm ist. Und nicht empfiehlt sich die Gesinnung des Gebers durch die Gabe, sondern die Gabe durch die Gesinnung des Gebers; [S. 288] nicht empfiehlt das Geld den Glauben, sondern der Glaube das Geld! Wer also will, daß ihm nütze, was er Gott darbringt, der bringe es auf die Weise dar, wie wir sagten. Es ist ja nicht der Mensch, der Gott mit dem, was er gibt, eine Wohltat erweist; sondern Gott tut es dem Menschen mit dem, was er empfängt, weil auch das, was der Mensch hat, ein Geschenk seines Herrn und Gottes ist. Und so gibt der Mensch mit dem, was er opfert, zurück, was nicht sein ist; und der Herr nimmt entgegen, was sein ist. Wenn deshalb jemand Gott sein Vermögen darbringt, so bringt er es nicht sozusagen mit den großen Hoffnungen eines Schenkenden, sondern in der Demut eines Zurückzahlenden; dann glaube er nicht, daß er seiner Sündenlast ledig werde, sondern daß er sie nur erleichtere; dann opfere er nicht im Vertrauen auf seine Erlösung, sondern mit dem Pflichtgefühl eines armen Bittstellers, und nicht, als ob er nun die ganze Schuld zurückzahle, sondern als ob er nur ein kleines Stück der großen Schuld begleichen wolle; denn wenn er auch hingibt, was er nach dem Maßstab seiner Verhältnisse besitzt, so erstattet er doch nicht, was er nach der Größe seiner Sünden schuldet. So mag er opfern, aber zugleich zu Gott flehen, daß sein Opfer wohlgefällig sei, und das Unglück beklagen, daß er das Opfer so spät bringt, es beklagen und bereuen, daß es nicht früher geschah. So wird vielleicht nach dem Wort des Propheten Gott seinem Vergehen gnädig sein.

1: Tob. 12, 8. Vulgata: Bona est oratio cum ieiunio et eleeraosyna magis quam thesauros auri recondere.
2: Dan. 4, 24. Vulgata: Quam ob rem, rex, consilium meum placeat tibi, et peccata tua eleemosynis redime et iniquitates tuas misericordiis pauperum: forsitan ignoscet delictis tuis.

 

 

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Allgemeine Einleitung zu Salvianus Leben und Werk

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger