Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)
I. Buch

9. Erste Pflicht des Sünders ist die Abkehr von der Sünde, und zwar nicht erst an der Schwelle des Todes

Daher ermahne ich alle, besonders aber diejenigen, die das schreckliche Bewußtsein schwerer Vergehen peinigt, und die in ihrem unglücklichen Gewissen unter der Erinnerung an strafwürdige Sünden seufzen - ich ermahne sie zunächst, sie möchten, wenn sie schon gefallen sind, nicht in ihrem Falle verharren und nicht in ihrem Morast liegen bleiben wie die schmutzigen Schweine, die, wenn sie einmal ihren erhitzten Bauch in die Pfütze eingetaucht haben, erst dann genug bekommen an ihrem schlammigen Vergnügen, wenn sie sich mit allen ihren Gliedern im Kote wälzen können. Nein: die Menschen sollen nicht die diesen Tieren angeborene Schmutzigkeit nachahmen; sie sollen sich nicht beruhigen bei ihren ins Unheil lockenden Sünden; sie sollen nicht im Abgrund ihrer Lüste verweilen und sich in ihrem eigenen Verderben begraben; sondern sie sollen sofort, wenn sie gefallen sind, wieder aufstehen [S. 285] und unverzüglich, schon beim Sturze, an die Erhebung denken; und wenn es durch eine schnelle Reue nur irgendwie möglich ist, soll die Heilung des sich erhebenden Sünders so rasch vor sich gehen, daß kaum mehr eine Spur des Sturzes sichtbar ist. So ist es denn in solcher Lage der erste Schritt zur Gesundung, daß die Leidenden ihre Krankheit verabscheuen, daß die Verletzten sich beeilen, ihre Wunden zu heilen, und die Verwundeten raschestens die Pfeile aus ihrem Körper herausreißen. Am besten legt man ja den Umschlag oder die Naht an eine noch warme Wunde; und das klaffende Fleisch schließt sich schneller, wenn es nicht lange offen gelassen wird. Und wenn ein Geschwür am Körper in Fäulnis übergeht, dehnt es sich überallhin aus; und wenn erst auf eine Wunde der Krebs folgt, dann folgt notwendig auf den Krebs auch das Ende. Daher müssen die Sünder zuerst diese Übel fliehen und dürfen dem Teufel keinen Raum gönnen, auf daß er, der die Stehenden zum Falle brachte, die Gefallenen auch noch in den ewigen Tod stürze. Freilich, wenn die Gewalt der Krankheit so mächtig oder die Sorglosigkeit der Kranken so groß ist, daß sie den Verfall der Gesundheit immer weiter, bis in die letzten Lebenstage, hinauszieht, dann weiß ich nicht mehr, was ich sagen, und erst recht nicht mehr, was ich versprechen soll. Die Gefährdeten von der Suche nach der allerletzten Hilfe abhalten, wäre hartherzig und frevelhaft. Irgend etwas aber bei so später Behandlung versprechen, wäre tollkühn. Und doch ist es zweifellos immer noch besser, daß sich auch die von langer Auszehrung verdorrten Hände noch mit einem Funken Kraft zum Himmel erheben, als daß sie sich für immer in voller tödlicher Verzweiflung auflösen; es ist besser, nichts unversucht zu lassen, als beim Sterben sich um nichts zu kümmern, vor allem, weil ich ja nicht weiß, ob es nicht doch eine Hilfe bedeutet, im letzten Augenblick etwas zu versuchen, weil ich aber gewiß weiß, daß nichts versuchen das Verderben [S. 286] bedeutet. Und auch das eine weiß ich, daß keinem, der das Ende seines Seelensiechtums bis zu dieser Unglücksstunde hinausschiebt, gesagt werden kann, wieviel Reuetränen er für seine Fehler schuldet, weil er ja nie seine Fehler erkannte.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Allgemeine Einleitung zu Salvianus Leben und Werk

Navigation
. I. Buch
. . 1. Die gegenwärtige ...
. . 2. Jede Art der Anhäufung ...
. . 3. Die Verurteilung ...
. . 4. Die Elternliebe ...
. . 5. Wir sind nur Nutzni...
. . 6. Die Menschen müssen ...
. . 7. Geiz und Habgier ...
. . 8. Die Forderung, das ...
. . 9. Erste Pflicht des ...
. . 10. Die Wohltätigkeit ...
. . 11. Der Mensch muß ...
. . 12. Wir können das ...
. II. Buch
. III. Buch
. IV. Buch

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger