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Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)
I. Buch

8. Die Forderung, das Vermögen beim Sterben Gott zu hinterlassen, bedeutet nicht eine Härte, sondern einen Versuch der Rettung

Mancher mag meine Rede bis hierher als zu hart beurteilen. Und sie ist wirklich hart, wenn sie irgendeine [S. 282] Mahnung nicht auf Grund heiliger Zeugnisse ausgesprochen hat; sie mag aber nur als hart gelten, wenn sie nur solches enthielt, wie es der Apostel hier verkündigte. Wir wollen ja gar nicht jenes Wort des Herrn hinzufügen, durch das er alle jene als seiner nicht würdig erklärte, die nicht auf all ihren Besitz verzichteten. Müssen da nicht, von hier aus gesehen, unsere Worte für ganz nachsichtig und milde gehalten werden, da wir doch für die Menschen, denen wir schon nicht vollkommene Schuldlosigkeit zusprechen können, wenigstens eine Rettung ihres verspielten Heiles aufspüren, und da wir versuchen, wenigstens die Todesstunde jener zu erleichtern, deren Leben wir nicht heilen können? Denn was ist vollkommene Gesundheit? Was anderes als gute Taten in diesem Leben? Was ist Heilung in letzter Stunde? Was anderes als die Erlangung eines guten Reisegelds in den letzten Zügen? Was ist vollkommene Gesundheit? Was anderes als der richtige Gebrauch der von Gott verliehenen Güter? Was ist das letzte Heilmittel? Was anderes als ganz spät noch das zu tun, was einen reut, nicht früher getan zu haben? Ja, hart mag einer meine Worte heißen; und für hart, ja für ganz hart mögen sie gelten, wenn sie nicht so sind, daß sie im Vergleich mit der Strenge des Apostelworts noch milde und sanft erscheinen. Denn der Apostel ruft die Reichen zur Wehklage auf wie zur Heilung; der Apostel nennt den Reichtum ein Feuer; wir möchten aus dem Reichtum ein Wasser machen, das das Feuer löscht nach dem Wort: ,,Wie das Wasser das Feuer löscht, so das Almosen die Sünde." 1Nach des Apostels Zeugnis liegt in den zu Unrecht aufgespeicherten Schätzen die Verdammnis; ich aber möchte aus dem, was nach seinem Wort allen den ewigen Tod bringt, noch das ewige Leben bereiten. Freilich nicht so, daß ich glaubte, es reiche für einen in Fleischessünden verstrickten Menschen zum [S. 283] ewigen Leben hin, wenn er bis an die Schwelle des Todes in Sünden gealtert, beim Sterben noch richtig verfügt über alles, ohne daß er vorher seinen Lastern entsagt, das schmutzbefleckte Gewand der Schuld abgeworfen und dafür das neue Kleid der Bekehrung und Heiligung aus der Hand des also mahnenden Apostels empfangen hat. Hört doch wirklich derjenige nicht auf zu sündigen, den in den letzten Zügen nur die Unmöglichkeit, nicht sein Wille zwingt, von der Sünde abzustehen! Denn wer sich von seinen schlimmen Taten erst mit dem Tode trennt, der verläßt nicht seinen Frevel, sondern wird von den Freveln verlassen; auf diese Weise ist er nur durch die Not von den Lastern abgesondert und sündigt auch dann, wenn sie ausgeblieben sind, weil, wenigstens der Gesinnung nach, doch der noch nicht zu sündigen aufgehört hat, der es noch wollte, wenn er könnte. Der stützt sich also nicht auf eine sichere Hoffnung, der nur mit dem Ziel im Leben sündigt, daß er im Tod seiner Sündenlast ledig werde, und deshalb glaubt, der Strafe zu entrinnen, nicht weil er gut, sondern weil er reich ist. Als ob Gott nicht das Leben der Menschen begehrte, sondern ihr Geld! Als ob er von allen, die sich mit der falschen Hoffnung tragen, sich vom Unheil loskaufen zu können, für ihre Verbrechen nur ihre Silberlinge nähme und nach Art bestochener Richter forderte, um die Sündenschuld zu tilgen! So ist es nicht! Gewiß nützt Freigebigkeit sehr viel; aber nicht denen, die mit einer ganz fernen Hoffnung auf ihre künftige Wohltätigkeit ein schlechtes Leben führen, die im Vertrauen, dereinst ihre Entschuldung erkaufen zu können, ihre Frevel begehen, sondern nur denen, die von der Haltlosigkeit der Jugend oder vom Nebel des Irrtums oder vom Fehler ihrer Unwissenheit oder schließlich von den schlimmen Neigungen der menschlichen Gebrechlichkeit getragen, endlich doch zur Einsicht zu kommen beginnen, gleichsam wie nach der Todesnot einer ganz schweren Krankheit oder wie nach dem Jam- [S. 284] mer einer Geistesgestörtheit; wie wahnsinnige Menschen nach der Raserei wieder zum Bewußtsein zurückkommen, so kehren auch diese nach dem Irrtum wieder heim - nur dadurch voneinander verschieden, daß jene sich freuen, wenn sie der Krankheit entronnen sind, diese aber trauern, wenn sie die Gesundheit wieder erlangt haben. Und das mit Recht! Denn jene sind um so beglückter, je mehr an Gesundheit sie wiedererlangt zu haben fühlen; diese aber geraten um so mehr außer Fassung, je deutlicher sie die Krankheit ihrer Verirrung erkennen. So kommt es in notwendiger Folge, daß jene jubeln und diese trauern, weil jene ihre Krankheit nur dem Wechsel ihres Zustandes, diese aber ihre Verirrung sich selber zuschreiben; und so sind jene froh über ihre Heilung, diese verängstigt ob ihrer Schuld.

1: Ekkli. 3, 33. Vulgata: ignem ardentem extinguit aqua et eleemosyna resistit peccatis.

 

 

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Allgemeine Einleitung zu Salvianus Leben und Werk

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger