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Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)
I. Buch

7. Geiz und Habgier werden von Gott mit furchtbarer Strafe bedroht

In diesem Sinne also muß man sich den Reichtum wünschen und nach ihm trachten, so ihn besitzen und vergrößern. Dagegen wäre es eine unfaßbare Sünde, die von Gott gegebenen Güter nicht richtig zu benützen; denn „nichts", sagt die Heilige Schrift, „ist verwerflicher als ein Geiziger"; 1und die schlimmste, die tödlichste Krankheitsart ist ein Reichtum, der zum Verderben seines Herrn aufgespeichert ist. Ja, so ist es! Denn was ist schlimmer, was trauriger, als wenn einer das gegenwärtige Gute in zukünftiges Übel verwandelt, und wenn man gerade mit den Mitteln, die von Gott verliehen sind, um mit ihrer Hilfe die Seligkeit des ewigen Lebens zu erwerben - wenn man gerade mit ihnen ewigen Tod und ewige Verdammnis erstrebt? Hier ist dann noch eines zu beachten: Wenn schon überkommener Reichtum zum Verderben des Menschen aufgehoben wird, um wieviel größer muß das Verderben erst sein, wenn er aufgehäuft wird! Denn wieviele von den heutigen Reichen haben soviel Selbstbeherrschung, daß sie, mit der bloßen Bewachung ihres Besitzes zufrieden, es verschmähten, neuen aufzutürmen? O arme Zeit! O armes Kirchenvolk! So weit ist es gekommen! Während geschrieben steht, daß es eine Art großer [S. 280] Sünde sei, am Reichtum festzuhalten, hält man es jetzt schon für eine Art Tugend, ihn nicht zu vermehren! Wie kann es also Menschen geben, die, wie wir oben sagten, sich nicht im geringsten schuldbelastet fühlen, wenn sie nicht einmal beim Sterben durch die Verteilung ihres Vermögens für sich sorgen, da sie doch schon deswegen schuldig sind, weil sie bis zum Tod alles aufgehoben haben? Oder wie sollen dereinst die nicht schuldig befunden werden, die ihr Vermögen in treulosem Wahn den nächstbesten Menschen überlassen, da doch schon jene schuldig sein werden, die nicht schon in diesem Leben sich eines Teils ihres Besitzes zur Ehre Gottes entäußert haben? Darauf weist ja unser Herr selbst hin, wenn er durch den Apostel spricht: „Wohlan, ihr Reichen, weinet über das Elend, das euch droht! Euer Reichtum verschwindet, eure Kleider werden eine Speise der Motten. Euer Gold und Silber verrostet, und deren Rost wird einst Zeugnis gegen euch sein und wie Feuer euer Fleisch verzehren. Ihr häufet Schätze in den letzten Tagen." 2Abgesehen von jener Strenge der göttlichen Worte, die ganz geheimnisvoll bleibt und noch viel größer und schrecklicher ist, glaube ich, daß schon das Geoffenbarte allein hinreichen mag, um Furcht und Schrecken zu erwecken; denn der Apostel redet ganz im besonderen zu den Reichen, Er heißt sie wehklagen, er verkündet künftiges Unheil, er droht mit dem ewigen Feuer, Und dies - die Drohungen werden dadurch noch furchtbarer - nicht wegen Menschenmords, nicht wegen Unzucht, nicht wegen frevlerischen Gottesraubs und anderer Laster, die zuletzt mit tödlichem Schwert die Seelen morden und in den ewigen Tod stürzen, - nein: einzig und allein wegen des Reichtums, wegen der krankhaften Gier, wegen des Hungers nach Gold und Silber, [S. 281] um zu zeigen, daß dies für den Menschen schon genüge zur Verdammnis, auch wenn keine andere Schuld vorläge! Kann etwas einfacher und deutlicher gesagt werden? Es wird dem Reichen nicht zugerufen: Du mußt gepeinigt werden, weil du ein Menschenmörder, weil du ein Hurer bist, sondern du mußt gepeinigt werden nur darob, weil du reich bist, das heißt, weil du von dem Reichtum schlechten Gebrauch machst, weil du nicht einsehen willst, daß dir dein Reichtum zu heiligem Dienst verliehen ist! Denn nicht der Reichtum an sich ist schädlich, sondern die Gesinnung derer ist verwerflich, die ihn falsch benützen; nicht der Besitz selbst ist für den Menschen der Grund zur Strafe, sondern die Reichen schaffen sich aus ihrem Besitz die Strafen, weil sie gerade ihren Reichtum in ihre Qual verwandeln, wenn sie den Reichtum nicht richtig gebrauchen wollen. ,,Ihr häufet Schätze", heißt es, ,,in den letzten Tagen." Ganz mit Recht ist an das Wort ,,ihr häufet Schätze" noch angefügt: ,,in den letzten Tagen", Die Schuld der Geldraffer sollte noch größer sein, wenn sogar die letzten Augenblicke der Welt die schmähliche Sucht nach Reichtum vergrößern! „Ihr häufet Schätze", heißt es, „noch in den letzten Tagen". Mit den „Schätzen" wird die Habgier, mit den „letzten Tagen" die Treulosigkeit angeklagt. Und so ist es eine doppelte Sünde, der Habgier und der Treulosigkeit, weil es ja stets, auch zu anderen Zeiten, ein Vergehen war, Reichtümer zu begehren, nach dem Wort Gottes: „Du sollst nicht begehren!" 3- weil es aber ohne Zweifel noch ein größeres Vergehen ist, gerade aus Treulosigkeit noch am Ende der Welt Besitz anzuhäufen.

1: Ekkli. 10, 9.
2: Jak. 5, 1-3. Die Vulgata hat agite statt age (so auch der Bern.), nach plorate hat sie ululantes (gr. xxxxx); ferner hat sie thesaurizastis und danach vobis iram (g- nur xxxxx).
3: Exod. 20, 7; Rom. 7, 7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger