Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)
I. Buch

4. Die Elternliebe wird dadurch nicht verboten, sondern vielmehr erhöht

Aber nun: Wenn dem so ist, scheine ich da nicht den Eltern die Liebe zu den Kindern ganz zu verbieten? Durchaus nicht! Denn was wäre so grausam, so un- [S. 273] menschlich, so gesetzeswidrig, als wenn wir sagten, es dürften die Kinder nicht geliebt werden, wenn wir uns doch zur Feindesliebe bekennen? Oder wenn wir die naturgegebene Liebe hemmen wollten, die wir sogar die von der Natur gehemmte Liebe üben? Oder wenn wir der Seele die Liebe entrissen, die sie schon hat, da wir ihr doch jene einpflanzen möchten, die sie noch nicht hat? Nein, es ist nicht so! Wir sagen vielmehr; Die Kinder dürfen nicht nur geliebt werden, sie müssen vorzüglich und über alles geliebt werden, und nichts darf ihnen vorgezogen werden außer Gott allein. Denn auch das ist eine vorzügliche Liebe, wenn man nur jenen den Kindern vorzieht, der nie und nimmer an eine spätere Stelle treten darf! Wie steht es also: Auf welche Weise sollen nach unserer Meinung die Kinder geliebt werden? Zweifelsohne nur so, wie Gott es selbst festgesetzt hat. Gibt es doch keine bessere Liebe zu den Kindern, als sie jener gelehrt hat, der die Kinder selbst geschenkt. Und besser können die Nachkommen nicht geliebt werden, als wenn sie in eben dem geliebt werden, von dem sie gegeben sind. Wie also sollen nach Gottes Befehl die Kinder geliebt werden? Ich sage es nicht; das göttliche Wort selbst soll es sagen, das zu allen Vätern gemeinsam spricht; sie sollen Gottes Gesetze ihren Söhnen überliefern, „damit sie auf Gott ihre Hoffnung setzen und nicht vergessen der Taten ihres Gottes und seine Satzungen befolgen". 1Und anderswo heißt es: „Und, ihr Väter, erbittert eure Kinder nicht, sondern erziehet sie durch Unterweisung und Ermahnung des Herrn!" 2Da seht ihr, was für Reichtümer auf Geheiß Gottes die Eltern den Kindern erwerben sollen! Nicht geldgefüllte Schränke, nicht Säcke, schwer vom goldenen Metall - sie haben zwar viel Gewicht, aber noch viel mehr Sünde in sich! - nicht stolze, über hochgebaute Städte noch hinausragende Häuser, nicht Firste, deren Höhe der mensch- [S. 274] liche Blick nicht mehr erreicht, noch Giebel, die - zum Wohnen in den Lüften - bis in die Wolken emporstoßen, nicht Ländereien ohne Grenzen, deren Größe sich sogar der Kenntnis des Besitzers entzieht, die es für eine Schande halten, wenn sie Genossen dulden müssen, und die eine Nachbarschaft für ein Unrecht halten. Also nicht derlei Dinge befiehlt Gott; nicht auf so niedrige Leistungen irdischer Geschäfte dehnt er die Pflicht väterlicher Fürsorge aus. Nur wenig ist es, was er gebietet, aber es ist heilsam; unbeschwert, aber heilig; karg an Worten, aber reich an Früchten; kurz im geschriebenen Satz, aber ewig durch die Beseligung. „Ihr Eltern", sagt er nämlich, „verärgert eure Kinder nicht, sondern erziehet sie in der Zucht und in der Mahnung des Herrn", 3damit sie, wie der Prophet sagte, „damit sie auf Gott ihre Hoffnung setzen und nicht der Taten ihres Gottes vergessen und seine Satzungen befolgen". Sieh, solchen Reichtum liebt Gott, solche Schätze, fordert er, sollen für die Kinder aufgespeichert werden; ein solches Vermögen, will er, soll erworben werden: Glaube und Furcht Gottes, Demut und Unschuld und Zucht; nichts Irdisches, nichts Wertloses, nichts Vergängliches, nichts Hinfälliges - aber etwas Herrliches! Denn da er ein Gott der Lebendigen ist und nicht der Toten, hat er folgerichtig solche Dinge für die Kinder zu erwerben befohlen, durch die sie in Ewigkeit leben könnten, nicht solche, durch die sie in der Ewigkeit sterben müßten. Denn ohne Zweifel ist fast für alle bösen und ungläubigen Menschen weltlicher Reichtum mehr eine Ursache des Todes als des Lebens, wie der Heiland sagt: „Wie schwer werden diejenigen, die da Reichtümer besitzen, eingehen in das himmlische Reich!" 4Und dann: „Leichter ist es, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, [S. 275] als daß ein Reicher eingeht in das Himmelreich." 5Daher mahnt ein anderes Wort ganz besonders eindringlich: „Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, sondern sammelt sie im Himmel!" 6Zwei Arten von Schätzen sind es, die in den oben genannten und den folgenden Aussprüchen aufgezeigt werden: die eine, wie die Väter ihre Kinder, die andere, wie sie sich selbst bereichern können. Wie ist es bei den Kindern? Sie sollen sie erziehen in der Pflicht und der Furcht Gottes. Wie bei ihnen selbst? Sie sollen sich Schätze sammeln im Himmel. Und zwar auf ganz wunderbare Weise: Da das Geld vergänglich ist, die Gottesfurcht aber unsterblich und so ziemlich alle Eltern ihre Kinder mehr lieben als sich selbst, erwerben sie sich hinfällige Güter, den Kindern ewige, und so sorgen sie zu gleicher Zeit für die Erfüllung ihrer Elternpflicht wie für ihr Seelenheil, wenn sie - eine doppelte, eine unsterbliche Wohltat - durch das, was ewig ist, ihre Kinder zu ewig Seligen machen, und wenn sie zur Erwerbung der eigenen Seligkeit das von Natur Vergängliche durch ihre guten Werke zu Ewigkeitswerten verwandeln. Warum erregst du dich also, väterliche Liebe? Warum quälst du dich um irdische Güter, die ja doch vergehen werden? Du kannst deinen Söhnen nichts Größeres schenken, als daß sie durch dich jenes Gut besitzen, das sie niemals und nimmer verlieren können! Nein, es ist wahrlich nicht nötig, daß du für deinen Sohn irdische Schätze aufhebest; durch nichts machst du ihn reicher, als wenn du gerade deinen Sohn selbst zu einem kostbaren Besitz Gottes machst.

1: Ps. 77, 7, (In der Vulgata ist sui weggelassen.)
2: Eph. 6, 4.
3: Eph. 6, 4. Hier sagt Salvian: ad indignationem, oben: ad iracundiam, wie auch in der Vulgata steht.
4: Mark. 10, 24. Salvian hat: Quam difficile hi, qui pecunias habent, introibunt in regna caelorum; in der Vulgata steht: Quam difficile est confidentes in pecuniis in regnum Dei introire.
5: Mark. 10, 25. Salvian: in r. caelorum, Vulg. in r. Dei.
6: Matth. 6, 19. 20.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Allgemeine Einleitung zu Salvianus Leben und Werk

Navigation
. I. Buch
. . 1. Die gegenwärtige ...
. . 2. Jede Art der Anhäufung ...
. . 3. Die Verurteilung ...
. . 4. Die Elternliebe ...
. . 5. Wir sind nur Nutzni...
. . 6. Die Menschen müssen ...
. . 7. Geiz und Habgier ...
. . 8. Die Forderung, das ...
. . 9. Erste Pflicht des ...
. . 10. Die Wohltätigkeit ...
. . 11. Der Mensch muß ...
. . 12. Wir können das ...
. II. Buch
. III. Buch
. IV. Buch

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger