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Salvianus von Massilia († nach 480) - Des Timotheus vier Bücher an die Kirche (Ad ecclesiam)
I. Buch

12. Wir können das Maß dessen, was wir Gott für unsere Sünden schuldig sind nicht erkennen

Vielleicht aber übertreiben wir den Gegenstand durch unsere Worte und machen zuviel Aufhebens von ihm. Wollen wir also sehen, wie es eigentlich bestellt ist! Es heißt; „Kaufe deine Sünden los durch Mitleid!" Was heißt „etwas loskaufen"? Ich denke doch: den Preis der Dinge bezahlen, die losgekauft werden. Ich frage nun nicht, welches die Sünden jenes Königs gewesen sind: er soll selbst wissen, um wieviel er seine Taten loskaufen mußte. Zu dir spreche ich, um dessen Sache es geht; dich rede ich an, dessen Schicksal sich entscheidet! Du sollst das tun, was der Prophet befahl: „Kaufe [S. 291] deine Sünden los durch Mitleid!" Hinterlasse Gott nicht so viel, wie du besitzest, wenn du deinen Besitz zum Ausgleich deiner Sünden nicht für notwendig hältst; Berechne ganz sorgfältig jede Schuld, die du auf dich geladen! Berechne das verschiedene Gewicht der Sünden; sieh zu, was du schuldest für deine Lügen, was für deine Flüche und falschen Schwüre, was für deine unnützen Gedanken und unsauberen Reden, was endlich für jede Regung eines bösen Willens! Und dann füge hinzu - wenn irgendeines von den Lastern dein Gewissen belastet, von denen der Apostel spricht, 1Ehebruch und Unzucht, trunkene Schamlosigkeit, gottverhaßte Unreinheit, götzendienerischer Geiz - und nach all dem vielleicht noch Verbrechen, bei denen Menschenblut geflossen ist! Und wenn du die Zahl von all diesen Sünden ausgerechnet hast, dann wäge den Preis der einzelnen ab! Und daraufhin verlange ich nicht mehr, daß du alles Gott übergibst, was du besitzest; nein, gib nur das zurück, was du schuldest! Nach all dem füge ich aber nur noch das eine hinzu: Wenn du deine Vergehen dir vor Augen geführt und sie abgeschätzt hast, wirst du umso viel mehr für deine Übeltaten schulden, je weniger du deine Sünden wertest; denn - so heißt es - ,,wer sich einbildet, etwas zu sein und ist nichts, der verführt sich selber". 2Ich will dir nicht lange erzählen, daß jener König noch länger leben sollte und wahrscheinlich ein junger Mann war; und es ward ihm doch befohlen, seine Sünden durch Mitleid loszukaufen: Du aber schuldest umsomehr für dich, als du dies erst beim Sterben oder in der Erwartung des Sterbens tust. Denn wahrlich, etwas Großes muß jene Mildtätigkeit und Frömmigkeit sein, die das ausgleichen könnte, was du erst dann deinem Herrn zurückerstattest, wenn du es schon nicht mehr besitzen kannst, zumal zu all dem hinzukommt, daß der Prophet selbst, der jenen König [S. 292] zum Loskauf seiner Vergehen aufruft, ihm durch das, was er als notwendig befiehlt, nicht so sehr die sichere Verzeihung in Aussicht stellt, als vielmehr einen Weg zum Suchen des Heils zeigt. Denn wenn er sagt: „Kaufe deine Sünden los durch Mitleid, vielleicht wird dann Gott mit deinen Fehlern gnädig sein", so kündigt gerade das Wort „vielleicht" nur eine Hoffnung an, ohne eine Gewißheit zu versprechen. Daraus läßt sich ersehen, wie schwer es für die schon in den letzten Zügen liegenden Sünder sein muß, durch Mildtätigkeit noch die vollständige Vergebung zu erlangen, wenn der Prophet selbst, der zum Streben nach der Erbarmung Gottes rät, es doch nicht wagt, die sichere Gewährung zu versprechen. Er rät zu einer Handlung, zweifelt aber doch an ihrem Erfolg; er will ein Mahner sein zu gutem Tun, nicht ein Gewährsmann für die glückliche Wirkung dieses Tuns, und warum? Alle Sünder müssen für sich wenigstens in den letzten Augenblicken alles versuchen, auch wenn sie die Erfüllung ihrer Hoffnung nicht voraussetzen dürfen. Denn wenn jener Prophet dem König nur auf Grund wohltätiger Werke keine vollkommene Verzeihung versprechen kann, so kann auch der Sünder, der die Reue über seine Irrungen nicht geübt hat, ersehen, welch ungeheuere, welch reiche Mildtätigkeit derjenige in den letzten Augenblicken des Lebens bezeigen muß, der vom Herrn durch allzu späten Opfersinn das erhalten möchte, was er sich durch das Gesetz nicht mehr aneignen kann. [S. 293]

1: Gal. 5, 19 f.
2: Gal. 6, 3. Vulgata: nam si quis existimat se aliquid esse.

 

 

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Allgemeine Einleitung zu Salvianus Leben und Werk

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger