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Salvianus von Massilia († nach 480) - Von der Weltregierung Gottes (De gubernatione Dei)

VIII. Buch

1. Wir selbst sind die Ursache unserer Leiden

Ich glaube, ja ich bin überzeugt, daß den meisten die große Ausdehnung dieser meiner Schrift widerwärtig ist, besonders, da sie die Lasterhaftigkeit unserer Sitten geißelt. Alle wollen nämlich nur gelobt werden, niemandem ist der Tadel angenehm. Ja, was noch viel schlimmer ist, jeder noch so schlechte, jeder noch so verworfene Mensch möchte lieber verlogenerweise gelobt, als mit Recht getadelt werden; und er will sich lieber durch den Spott unwahrer Lobsprüche täuschen als durch heilsame Ermahnungen sich retten lassen. Und was soll man unter solchen Umständen tun? Soll man sich dem Willen gottloser Menschen fügen? Und wenn jene wollen, daß man ihnen leichtfertige Lobsprüche darbringt, geziemt es dann uns, Leichtfertiges und Lächerliches vorzubringen? Besonders da gläubige Männer nicht einmal die verspotten dürfen, die verspottet werden wollen, wie auch die nicht mit einer Lüge gepriesen werden dürfen, die sich mit dem Titel eines falschen Lobes schmücken lassen wollen. Man darf nämlich nicht so sehr das in Betracht ziehen, was jeder von ihnen zu hören wünscht, als was uns zu sagen geziemt, besonders, da der Prophet sagt: „Weh denen, die das Süße bitter nennen oder das Bittere süß!" 1Und so ist auf alle Weise die Wahrheit festzuhalten, auf daß die Worte auch den Tatsachen entsprechen und das Süße für süß, das Bittere für bitter ausgegeben wird; das gilt besonders hier [S. 258] bei unserem heilsamen Werk, da unsere Ungerechtigkeiten von den meisten Gott zur Last gelegt werden, und wo man sich anmaßt, Gott anzuklagen, um nicht selbst schuldig zu erscheinen. Denn wenn man lästerlich behauptet, er sei sorglos und nachlässig und leite die menschlichen Angelegenheiten entweder nicht nach Gerechtigkeit oder gar nicht, was tut man da anders, als daß man Gott der Trägheit, des Mißbrauchs seiner Macht und der Ungerechtigkeit anklagt? O Blindheit und menschlicher Wahnsinn! O Raserei unvernünftiger Torheit! Gott nennst du sorglos und nachlässig, o Mensch! Wenn du irgendeinen freien Mann mit solchem Schimpf verletztest, machtest du dich einer unverschämten Beleidigung schuldig; fügtest du das aber einem nur einigermaßen Vornehmen und Hochgestellten zu, müßtest du auch noch die Strafe des öffentlichen Rechtes über dich ergehen lassen. Unmündigen oder Verschwendern macht man solche Vorwürfe, einen besonderen Schimpf tut man verworfenen Jünglingen an, wenn man ihnen sagt, sie mißbrauchten ihr Vermögen, sie kümmerten sich nicht darum und vernachlässigten es. O gotteslästerliche Worte! O gemeine Frechheiten! Wir belegen Gott mit Ausdrücken, die wir unter den Menschen nur für die Verdorbensten anwenden. Und trotzdem wird nicht nur dies gesagt, nein, auch mit dem Vorwurf der Ungerechtigkeit wird er gebrandmarkt, wie ich schon vorher angeführt habe. Wenn wir nämlich nicht das erleiden, was wir verdienen, und wenn wir unschuldig unsere gegenwärtigen Übel ertragen, so nennen wir Gott ungerecht, weil er uns ohne Grund Leiden aufbürdet. Aber, antwortest du, er befiehlt es nicht so sehr, er läßt es vielmehr zu. Lassen wir es dabei bewenden! Aber, so frage ich, wie groß ist denn der Unterschied zwischen einem Befehlenden und einem Erlaubenden? Wer nämlich weiß, daß wir dies ertragen, und das Leiden verhindern könnte, der ist ohne Zweifel der Ansicht, daß wir ertragen müssen, was er uns ertragen läßt. [S. 259] Daraus ersehen wir, daß die Zulassung und Verhängung unserer Leiden seinem richterlichen Urteil entspringt. Denn da alles unter heiliger Herrschaft steht und der Wille Gottes alles leitet, ist alles, was wir an Übeln und Strafen täglich zu ertragen haben, eine Maßregelung aus der Hand Gottes. Durch unsere Sünden lassen wir dieses Strafgericht aufflammen und fachen es beständig an. Wir selbst entzünden das Feuer göttlichen Zornes und entfachen den Brand, in dem wir brennen, so daß immer, sooft wir diese Leiden erdulden, auch zu uns mit Recht das Prophetenwort gesprochen werden kann: „Gehet ein in das Feuer, das ihr angezündet habt!" 2Und so bereitet sich nach heiligem Ausspruch 3der Sünder selbst seine Leiden. Wir haben also keinen Grund, unser Unglück Gott zuzuschreiben. Wir selbst sind die Urheber unserer Drangsale. Gott ist gütig und barmherzig und will, wie geschrieben steht 4niemand zugrunde richten oder schlagen. Wir tun alles Feindselige gegen uns selbst. Es gibt nichts Grausameres gegen uns als wir selbst. Wir, so sage ich, wir quälen uns gegen den Willen Gottes. Aber es scheint nun, daß ich mir selbst widerspreche, indem ich oben gesagt habe, daß wir von Gott unserer Sünden wegen bestraft werden, jetzt aber behaupte, daß wir uns selbst bestrafen. Beides ist wahr; von Gott nämlich werden wir bestraft, aber wir veranlassen die Strafe. Da wir aber alle selbst unsere Strafe herbeiführen, wem ist es da zweifelhaft, daß wir uns selbst durch unsere Vergehen strafen? Denn wer die Veranlassung zu seiner Bestrafung gibt, bestraft sich selbst gemäß jenem Wort: „Ein jeder wird in den Schlingen seiner Sünde verstrickt." 5Wenn also böse Menschen durch die Schlingen ihrer Sünden verstrickt werden, so verstrickt sich der Sünder ohne Zweifel selbst, wenn er sündigt. [S. 260]

1: Is. 5, 20 (Vulg. etwas anders).
2: Is. 50, 11. (Vulg. anders.)
3: Salvian nimmt Bezug auf Psal. 7.
4: Dem Sinne nach 1 Tim. 2, 4.
5: Sprichw. 5,22

 

 

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Allgemeine Einleitung zu Salvianus Leben und Werk

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger