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Salvianus von Massilia († nach 480) - Von der Weltregierung Gottes (De gubernatione Dei)

VII. Buch

1. Rom stirbt und lacht

Da ich am Schluß des nun beendeten Buches über die Schwäche und das Elend des römischen Volkes ziemlich viel gesagt habe, so scheint das vielleicht in Widerspruch zu stehen zu dem Gegenstand, den wir hier behandeln. Ich weiß nämlich, daß man an dieser Stelle einwenden kann, dadurch werde sehr klar bewiesen, daß Gott sich nicht um die menschlichen Dinge kümmert. Haben ja doch die Römer einst, als sie heidnisch waren, gesiegt und geherrscht, und jetzt als Christen werden sie besiegt und müssen Knechte sein. Um diesen Einwand zu entkräften, könnte das genügen, was schon längst über fast alle heidnischen Völker gesagt worden ist, nämlich, daß die schwerer sündigen, die wissentlich das Gesetz Gottes mißachten, als die, die es unwissentlich nicht erfüllen. Aber dennoch werden wir, wenn Gott es will, mit seiner Hilfe klar erweisen - wir sind ja nun einmal bei dem Punkt unseres Themas angelangt, da wir über die alten Römer reden müssen - daß damals die Gunst des Herrn gegen jene ebenso gerecht war, wie jetzt seine Strenge gegen uns gerecht ist, und daß es ebenso in der Ordnung war, wenn Gott die Römer damals durch seine Hilfe emporhob, wie es jetzt in der Ordnung ist, wenn wir bestraft werden. Und wenn die Strafe selbst nur etwas nützte! Das ist noch viel ernster und trauriger, daß auch nach der Bestrafung keine Besserung eintritt. Der Herr will uns durch seine Züchtigung heilen, aber auf die Behandlung folgt keine Heilung. Wie groß ist [S. 214] dieses Übel! Zugvieh und Kleinvieh wird durch Schneiden geheilt. Die angefaulten Fleischteile von Maultieren, Eseln, Schweinen, werden mit dem Brenneisen abgebrannt und zeitigen einen Erfolg der ärztlichen Brennkunst. Sogleich, wenn die Fäulnis des kranken Körpers weggebrannt oder weggeschnitten ist, wächst an Stelle des abgestorbenen Fleisches frisches nach. Wir werden gebrannt und geschnitten; aber nicht einmal durch schneidende Messer und glühende Eisen werden wir geheilt; ja, was noch schlimmer ist, gerade durch die Kur werden wir immer schlechter. Und deshalb widerfährt uns nicht ohne Grund, was dem Klein- und Großvieh widerfährt, das an unheilbaren Krankheiten leidet. Denn in allen Teilen der Welt finden wir unser Ende durch Mord und Totschlag, weil wir uns durch Heilkuren nicht bessern lassen. Man beachte doch nur, um nicht längst Gesagtes zu wiederholen, wie es in dem Punkte steht, den ich kurz vorher erwähnt, daß wir nämlich ebenso elend wie schwelgerisch sind. Es mag nun sein, daß das die Laster der Glücklichen sind (obwohl niemand gleichzeitig schlecht und glücklich sein kann; denn wo die wahre Rechtschaffenheit nicht ist, gibt es auch kein wahres Glück), es mag also dennoch sein, daß das die Laster eines langen Friedens und gesicherten Wohlstandes sind. Warum aber, so frage ich, sind sie da, wo kein Friede, wo keine Sicherheit herrscht? Fast im ganzen römischen Reiche gibt es ja keinen Frieden und keine Sicherheit mehr? Warum dauern allein die Laster fort? Wer, so frage ich, kann Ausgelassenheit bei einem Bettler ertragen? Verbrecherischer ist ja verschwenderische Armut und erbärmlicher ein hungriger Possenreißer. Und die ganze römische Welt ist armselig und ausschweifend. Welcher Arme, so muß ich wieder fragen, denkt an Possen? Wer denkt in Erwartung der Gefangenschaft an den Zirkus? Wer fürchtet den Tod und lacht? Wir spielen trotz der Furcht vor [S. 215] der Gefangenschaft, und mitten in der Todesangst lachen wir. Man möchte glauben, das ganze römische Volk sei mit sardonischem Kraut 1gesättigt worden; es stirbt und lacht. 2Und deshalb folgen in fast allen Teilen der Welt Tränen auf unser Lachen, und deshalb kommt auch in der Gegenwart über uns das Wort unseres Herrn: „Wehe über euch, die ihr lacht, denn ihr werdet weinen!" 3

1: Sardonisches Lachen = xxxxx = grimmiges Lachen (xxxxx = lache bitter, xxxxx = grinse). Nach anderer Auffassung kommt der Ausdruck von einem auf Sardinien wachsenden Kraut (Sardonia herbaj (Verg. ecl. VII 41).
2: Über dieses erschütternde Wort vgl. J. B. Bury, History of the later Roman Empire I 1923, S. 308, und Schäfer a.a.O. S. 81.
3: Luk. 6, 25.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger