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Salvianus von Massilia († nach 480) - Von der Weltregierung Gottes (De gubernatione Dei)

VI. Buch

1. Nicht nur einer von uns, sondern fast alle sind schlecht oder streben danach, schlecht zu sein

Lange haben wir persönliche Gespräche geführt; und es scheint, wir hätten die für Abhandlungen geltenden Regeln verletzt. Ohne Zweifel denkt der Leser (wenn es einer ist, der das aus Liebe zu Christus Geschriebene um Christi willen liest) - er denkt oder sagt von mir; „Wenn es schon ein allgemeiner Gegenstand ist, der behandelt wird, wieso gehört es dazu, sich über eine Person so sehr zu verbreiten? Mag - man könnte es immerhin so annehmen - der, von dem die Rede war, so sein: aber schadet die Lasterhaftigkeit des einen der Tugend des andern, oder, was noch weittragender ist, wird durch die Verbrechen einer Person die Gesamtheit geschädigt?" Ich kann durch schlagende Zeugnisse beweisen, daß sie geschädigt wird. Achan 1stahl einst von dem Gebannten, und das Verbrechen eines Menschen wurde zum Verderben für alle. David 2ließ das Volk Israel zählen, und der Herr bestrafte seinen Irrtum durch die Niederlage des ganzen Volkes. Rapsakes 3sagte etwas zu Gottes Schimpf; da erschlug der Herr die Menge von 185 000 4Menschen, weil die freche Zunge eines einzigen Gottlosen geschmäht hatte. Und deswegen befiehlt der heilige Apostel Paulus nicht ohne Grund, einen laster- [S. 177] haften Menschen aus der Kirche hinauszuwerfen; und warum er das befiehlt, zeigt er, indem er sagt: ,,Ein wenig Sauerteig durchsäuert die ganze Masse." 5Daraus ersehen wir sehr deutlich, daß sehr oft auch nur ein schlechter Mensch das Verderben vieler ist. Also muß der Leser zurecht einsehen, daß es nicht überflüssig war, wenn ich oben von einem Bösen etwas gesagt habe, Denn man liest, daß sehr häufig der Zorn der göttlichen Majestät durch einen einzigen Frevler entzündet wird. Aber ich will meine Rede gar nicht wörtlich genommen haben. Es ist nämlich nicht notwendig zu glauben, daß einer allen schade, da ja alle einander Schaden bringen. Es ist nicht angemessen zu meinen, daß alle durch einen in Gefahr kommen, da alle durch sich selbst gefährdet werden. Denn alle miteinander stürzen sich selbst ins Verderben oder, um mich weniger stark auszudrücken, fast alle. Wäre es also wohl gut für das christliche Volk, daß die Zahl der Schlechten entweder geringer oder doch wenigstens ebenso groß wäre wie die der Guten? O beweinenswertes Elend! Beklagenswertes Unglück! Wie unähnlich sich selbst ist das christliche Volk jetzt geworden, wie ganz anders, als es einst gewesen! Damals hat der Apostelfürst Petrus Ananias und Saphira 6mit dem Tode bestraft, weil sie gelogen hatten. Auch der heilige Paulus 7hat einen einzigen Bösewicht aus der Kirche ausgestoßen, damit er nicht durch seine Berührung eine große Zahl beflecke. Nun sind wir sogar schon mit gleicher Zahl auf beiden Seiten zufrieden. Doch, was sage ich, wir sind zufrieden? Wir müßten frohlocken und einen Freudentanz aufführen, wenn es uns gelänge, diese Gleichheit zu erreichen. Siehe, wie weit sind wir zurückgesunken, wie tief gesunken seit jener Sittenreinheit des christlichen Volkes, in der sich einst alle unbefleckt erhielten! Siehe, wie tief sind wir gefallen, daß wir glauben, die Kirche selig preisen zu sollen, wenn sie wenigstens soviele Gute als Böse in ihrem Schoße [S. 178] bärge! Denn wie sollten wir sie nicht glücklich preisen, wenn die Hälfte ihrer Angehörigen schuldlos wäre, da wir sie jetzt ja fast in ihrer Gesamtheit als schuldbelastet beklagen müssen? So haben wir schon längst überflüssigerweise über einen einzigen Bösewicht gesprochen, überflüssigerweise die Verbrechen eines einzigen beklagt. Eigentlich müßte man ja über alle oder doch über fast alle weinen und trauern. Denn entweder sind sehr viele so, oder, was nicht weniger schlimm ist, sie wünschen so zu sein; sie arbeiten daran, durch böse Werke und Taten nicht unebenbürtig zu erscheinen. Und deswegen sind sie, obwohl sie weniger Schlechtes tun, weil sie weniger zustande bringen, doch nicht weniger schlecht, weil sie ja auch nicht weniger schlecht sein wollten, wenn sie nur könnten. In ihren Wünschen sind sie schlecht, und mit ihrem Willen geben sie nicht nach - das einzige, was sie tun können -; und soweit sie die Möglichkeit haben, streben sie danach, es andern vor zutun. Auf diesem ganz verschiedenen Gebiet herrscht der gleiche Wetteifer wie unter den Guten; ebenso wie die Guten wünschen, alle an Redlichkeit der Gesinnung zu übertreffen, so verlangen auch die Bösen, alle an Schlechtigkeit zu überragen. Denn wie es der Ruhm der Guten ist, täglich besser zu werden, so der aller Schlechten, noch schlechter zu werden; und wie die Besten wünschen, den Gipfel aller Tugend zu erklimmen, so wünschen die Schlechten, die Siegespalme in allen Verbrechen an sich zu reißen. Und noch dazu halten zu unserm Unglück die Unsern, das heißt gerade die Christen, wie wir gesagt haben, die Schlechtigkeit für Weisheit. Von ihnen sagt Gott im besonderen: „Die Weisheit der Weisen werde ich vernichten und die Einsicht der Klugen verwerfen;" 8und wenn der Apostel sagt: „Wenn einer weise scheint, so werde er ein Tor, damit er weise sei," 9so will er sagen, wenn einer weise sein will, sei er gut, weil niemand wirklich weise ist, [S. 179] außer der wahrhaft Gute. Wir dagegen, in der Verkehrtheit und Lasterhaftigkeit unserer bösen Gedanken und, wie Gott sagt, in unserem verwerflichen Sinn, weisen das Gutsein als Torheit zurück; 10und da wir die Bosheit als Weisheit lieben, glauben wir, daß wir täglich um so klüger werden, je schlechter wir sind.

1: Josue 7.
2: 2 Kön. 24.
3: Is. 36.
4: Ebd. 37, 36. Der Gedanke, daß ein Volk für die Laster insgesamt oder die Laster einzelner gestraft wird (Sodoma !), findet sich auch bei Irenaus, Laktanz (von Salv. Benützt!) Augustinus.
5: 1 Kor. 5, 6.
6: Apg. 5.
7: 1 Kor. 5, 6.
8: 1 Kor, 1, 19.
9: Ebd. 3, 18.
10: Röm. 1, 28.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger