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Salvianus von Massilia († nach 480) - Von der Weltregierung Gottes (De gubernatione Dei)
V. Buch

7. Die Reichen verschonen sich und belasten die Armen

So nun wird mit fast allen Niedrigen verfahren; durch eine Ursache werden sie in zwei ganz verschiedene Richtungen gedrängt. Höchste Gewalttätigkeit zwingt sie, nach Freiheit zu streben; aber eben diese Gewalttätigkeit, die das Wollen hervorruft, verhindert das Können. Aber vielleicht kann man es noch zum Guten anrechnen, daß diesen Wunsch doch nur Menschen hegen, [S. 162] die eigentlich nichts sehnlicher begehren, als zu diesem Wunsche nicht gezwungen zu werden; denn was sie wünschen, ist tatsächlich ihr höchstes Unglück. Es würde ihnen nämlich viel besser gehen, wenn sie zu diesem Streben nicht gezwungen wären. Denn was anderes können diese Unglücklichen wünschen, sie, die immer wieder einsetzendes, ja sogar ununterbrochenes Verderben durch die staatliche Steuereintreibung erleiden; die immer schwere, vollständige Gütereinziehung bedroht, die ihre Häuser verlassen, um nicht sogar im eigenen Heim gequält zu werden; die in die Verbannung gehen, um die Martern nicht aushalten zu müssen? Milder sind die Feinde gegen sie als die Steuereinnehmer. Die Tatsachen zeigen das: sie fliehen zu den Feinden, um gewalttätiger Enteignung zu entgehen; und sogar das wäre, obwohl hart und unmenschlich, doch weniger schwer und bitter, wenn alle es in gleicher Weise und gemeinsam zu ertragen hätten. Aber noch unwürdiger und verdammenswerter ist es, daß nicht alle die Last aller tragen, ja, daß sogar die Abgaben an die Reichen die Armen bedrängen und die Schwächeren die Lasten der Stärkeren tragen. Und der einzige Grund, warum sie es nicht mehr ertragen können, ist der, daß die Last der Unglücklichen größer ist als ihre Tragfähigkeit. Zwei verschiedene und einander ganz entgegengesetzte Leiden müssen sie erdulden: Neid und Armut. Der Neid erscheint bei dem, was sie zahlen müssen, die Armut bei dem, was sie zahlen können. Ziehst du das in Betracht, was sie erlegen müssen, so möchtest du meinen, sie hätten Überfluß; siehst du aber darauf, was sie besitzen, so wirst du finden, daß sie arm sind. Wer kann die Größe dieser Ungerechtigkeit ermessen? Sie müssen zahlen wie Reiche und sind arm wie Bettler. Und noch viel mehr will ich sagen: Bisweilen machen die Reichen, für welche die Armen zahlen, selbst die Steuerzuschläge. Man mag vielleicht einwenden: wenn doch ihre Vermögenseinschätzung so hoch und ihre Steuern [S. 163] so groß sind, wie kann es dann sein, daß diese selbst ihre Zahlungsverpflichtungen vergrößern wollen? Ich behaupte aber gar nicht, daß sie diese für sich vergrößern, denn sie tun es ja nur deswegen, weil sie es nicht für sich tun. Ich will sagen, wie sie es machen. Sehr häufig kommen neue Boten, neue Geschäftsträger, von den höchsten Behörden geschickt; sie werden wenigen Vornehmen zum Verderben sehr vieler anderer empfohlen. Für diese werden nun neue Geschenke festgelegt, neue Steuerausschreibungen angesetzt. Die Mächtigen entscheiden, was die Armen zahlen sollen; die ,,Gnade" der Reichen bestimmt, was eine Menge von Unglücklichen verlieren soll. Sie selbst spüren ja das nirgends, was sie beschließen. Aber, entgegnest du, Gesandte der Obrigkeit muß man doch ehren und mit offenen Händen empfangen. Gut, ihr Reichen, seid dann auch die ersten beim Zahlen, die ihr die ersten beim Beschlüssefassen seid! Seid die ersten in der Freigebigkeit mit Geld, wie ihr die ersten in der Freigebigkeit mit Worten seid! Was du von dem Meinen gibst, gib auch von dem Deinen! Allerdings wäre es ja das Richtigste, du würdest, wer du auch seist, der du allein die Gunst erhaschen willst, auch ganz allein die Ausgaben tragen. Aber wollen wir Armen uns einmal euerm Willen, ihr Reichen, fügen; was ihr, die Wenigen, befehlt, wollen wir alle zahlen; das ist ganz gerecht, das ist ganz menschlich. Euere Beschlüsse belasten uns mit neuen Verpflichtungen; veranlaßt wenigstens, daß auch die Pflichten uns und euch gemeinsam werden! Denn, was kann es Ungerechteres und Empörenderes geben, als daß ihr allein, die ihr alle anderen zu Schuldnern macht, frei von Schulden seid? Und so zahlen die unglücklichen Armen alles, wie wir gesagt haben, und wissen gar nicht, aus welchen Gründen oder zu welchem Zweck sie es zahlen. Denn wem ist es gestattet, zu fragen, warum er zahlen muß, oder wer darf sich er- [S. 164] kundigen, wieviel er eigentlich schuldet? Aber dann kommt dies klar an die Öffentlichkeit, wenn die Reichen miteinander streiten, wenn sich einige von ihnen darüber entrüsten, daß ohne ihren Rat und ihre Mitwirkung Beschlüsse gefaßt worden sind. Dann kann man einige ausrufen hören: O unwürdige Tat! Zwei oder drei setzen fest, was viele verdirbt! Von wenigen Mächtigen wird entschieden, was von vielen Unglücklichen gezahlt werden soll. Denn jeder Reiche tut es nur seiner Ehre zuliebe, daß er in seiner Abwesenheit keine Beschlüsse gefaßt haben will; keiner aber tut es der Gerechtigkeit zuliebe, daß er etwa ungerechte Beschlüsse nicht in seiner Anwesenheit zuläßt. Was sie an den anderen zu tadeln hatten, das setzen sie dann später selbst fest, entweder, um sich für die vergangene Übergehung zu rächen oder um ihre Macht zu behaupten. Und deshalb sind die unglücklichen Armen in einer Lage wie zwischen zwei aufeinander tosenden Sturmwinden mitten auf dem Meer: bald geht der Wogenschwall der einen, bald der der anderen über sie hinweg.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger