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Salvianus von Massilia († nach 480) - Von der Weltregierung Gottes (De gubernatione Dei)
V. Buch

11. Mahnung zur Umkehr

Was treffen wir Ähnliches bei den barbarischen Goten? Wer von ihnen schadet dem, von dem er geliebt wird? Wer verfolgt den, der ihm Gutes tut? Wer wird ermordet von dem Dolch seines Freundes? Du verfolgst die Liebenden; du schlägst die Hände ab, die dir Geschenke anbieten; du tötest die Nächsten, die dir wohlwollen; und du fürchtest dich nicht? Du erbebst nicht? Was würdest du tun, wenn du das gegenwärtige Gericht Gottes nicht auch durch die Züchtigung am eigenen Leibe zu fühlen bekommen hättest? Zu deinen früheren Lastern fügst du noch neue Vergehen hinzu. Bedenke, was dich erwartet, wenn du noch schwerer sündigst, da sogar geringere Fehler durch Dämonen gestraft zu werden pflegen! Begnüge dich doch damit, so bitte ich, deine Freunde und Gefährten zu berauben! Begnüge dich damit, daß die Armen gequält sind! Laß es bei der Ausplünderung von Bettlern sein Bewenden haben! Beinahe niemand kann in deiner Nähe ohne Furcht, niemand kann sicher sein. Leichter erträgt man Gießbäche, die [S. 174] von Alpenbergen niederstürzen, oder Feuerflammen, die vom Winde angefacht werden. So gehen ja nicht einmal die Schiffer zugrunde - um dieses Gleichnis zu gebrauchen - die durch die Gefräßigkeit der Charybdis oder von den bekannten Hunden der Scylla verschlungen werden. Du verjagst deine Nachbarn aus ihren kleinen Besitzungen, deine Nächsten aus Wohnung und Besitz. Willst du denn, wie geschrieben steht, allein auf der Erde wohnen? 1Das ist nämlich das einzige, was du nicht erreichen kannst. Du magst nämlich alles in Besitz nehmen, du magst alles an dich reißen: immer wirst du einen Nachbarn finden. Schau dir einmal, bitte, andere an, zu denen du, du magst wollen oder nicht, aufschauen mußt! Schau dir andere an, die du, du magst wollen oder nicht, selber bewundern mußt: höher sind sie als die andern durch ihre Würde, ihnen gleich aber durch ihre Selbsteinschätzung; größer sind sie durch ihre Macht und geringer durch ihre Demut. Du, zu dem ich nun spreche, weißt ja selbst, von wem wir reden; und du, über den wir nun klagen, mußt auch anerkennen, wen wir mit diesem Lob ehren. Und wenn es nur viele wären, die man loben könnte! Der Edelmut der meisten brächte allen Heil. Aber zugegeben, du willst nicht lobenswert sein, warum willst du, so frage ich, verdammenswert sein? Warum ist dir nichts lieber als Ungerechtigkeit, nichts angenehmer als Habsucht, nichts teuerer als Raub? Warum hältst du nichts für wertvoller als die Schlechtigkeit, nichts für hervorragender als die Raubgier? Lerne sogar von einem Heiden das wahrhaft Gute: durch Liebe und Güte muß man geschützt sein, nicht durch Waffen. 2Es täuschen dich daher deine Ansichten; es [S. 175] hält dich die Ruchlosigkeit deiner verdorbenen und verblendeten Gesinnung zum besten. Wenn du rechtschaffen, wenn du mächtig, wenn du groß sein willst, mußt du die übrigen an Ehrenhaftigkeit, nicht an Bosheit übertreffen. Ich habe einmal irgendwo gelesen: „Niemand ist schlecht, außer der Tor. Wenn er nämlich weise wäre, möchte er lieber gut sein." Und du, wenn du noch zur Vernunft zurückkehren kannst, lege die Bosheit ab, wenn du Weisheit besitzen willst! Wenn du nämlich ganz weise und ganz vernünftig zu sein wünschest, mußt du dich ganz selbst aufgeben und völlig umändern. Verlaß daher dich selbst, damit du nicht von Christus verlassen wirst! Verstoße dich selbst, damit du von Christus aufgenommen wirst! Verliere dich selbst, damit du nicht verlorengehest! „Wer nämlich", sagt der Heiland, „seine Seele um meinetwillen verlieren wird, wird sie finden." 3Liebe daher diesen so heilsamen Verlust, damit du das wahre Heil erlangest! Denn du kannst von Gott gar nicht freigesprochen werden, wenn du dich nicht selbst verurteilst. [S. 176]

1: Is. 5, 8.
2: Pauly verweist auf den Panegyrikus des Plinius an Trajan Kap. 49, wo es heißt; Frustra se terrore succinxerit qui saeptus cantate non fuerit; armis enim arma irritantur. (Ausg. von Baehrens 1911, S. 43, 25 ff.) Danach würde Salvian mit Ausnahme der Worte „saept. car." nur den Sinn der Stelle wiedergeben.
3: 1 Luk. 9, 24.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger