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Salvianus von Massilia († nach 480) - Von der Weltregierung Gottes (De gubernatione Dei)

IV. Buch

1. Der christliche Name ohne christliches Leben ist wertlos

Wir wollen uns also nicht weiter beschäftigen mit jenem Vorrecht des christlichen Namens, von dem wir oben sprachen, das uns den Glauben gibt, wir müßten auch stärker sein als alle Völker, weil wir frömmer seien als alle. Denn da, wie wir oben gesagt haben, der Glaube des Christen darin besteht, daß er sich treu Christus hingibt, und die treue Hingabe an Christus in der Haltung seiner Gebote besteht, so folgt daraus ohne Zweifel, daß der Treulose keinen Glauben hat und daß der Christus sich nicht hingibt, der seine Gebote verachtet. Und durch all diese Gedankengänge kommen wir darauf zurück, daß der offenbar kein Christ ist, der die Werke eines Christen nicht tut. Denn der Name ohne Leistung, ohne die zu ihm gehörige Pflichterfüllung ist nichts. Denn, wie jemand in seinen Schriften sagt, was ist ein Vorrang ohne hohe Verdienste anderes als ein Ehrentitel ohne ehrbaren Namen, 1 oder was ist eine Würde an einem Unwürdigen anderes als ein Zierat im Schmutz? Um also die gleichen Worte auch in unserm Falle zu gebrauchen, was ist ein heiliger Name ohne Verdienste anderes als Zierat im Schmutz? So hat es auch das göttliche Wort in der Heiligen Schrift bezeugt, indem es sagte: „Ein goldener Ring in der Nase eines [S. 111] Schweines ist eine schöne und törichte Frau." 2Und auch an uns ist der christliche Name wie ein goldenes Schmuckstück. Wenn wir ihn unwürdigerweise tragen, gleichen wir Schweinen mit einem Schmuck. Wer endlich noch deutlicher erkennen will, daß Worte ohne Taten nichts sind, der beachte, wie unzählige Völker auch ihren Namen verloren, wenn ihre Leistungen aufhörten. Als einst die zwölf Stämme der Hebräer von Gott auserwählt worden waren, erhielten sie zwei heilige Namen: sie wurden Volk Gottes und Israel genannt; so nämlich lesen wir; „Höre, mein Volk, und ich werde reden; Israel, ich will dir Zeugnis geben." 3 So waren die Juden einst beides, jetzt nichts mehr. Denn ein Volk, das die Verehrung Gottes längst aufgegeben, kann nicht „Volk Gottes" heißen, noch kann es „Gott schauend" genannt werden, da es den Sohn verleugnete, wie geschrieben steht: „Israel hat mich nicht erkannt, und mein Volk hat mich nicht verstanden," 4 Deswegen spricht auch anderswo unser Gott vom Volk der Juden zum Propheten: „Nenne seinen Namen; Nicht mein Volk"; wiederum zu den Juden selbst: „Ihr seid nicht mein Volk, und ich bin nicht euer Gott," 5 Weshalb er aber das von ihnen gesagt, zeigt er selbst anderswo deutlich; er sagt nämlich: „Die Quelle des lebendigen Wassers, den Herrn, haben sie verlassen." 6 Und wiederum: „Das Wort des Herrn haben sie verworfen, und keine Weisheit ist in ihnen." 7 Ich fürchte, daß das damals von ihnen nicht mit größerem Recht gesagt wurde, als es jetzt von uns gesagt werden könnte; denn auch wir gehorchen den Worten des Herrn nicht; und weil wir die göttlichen Gebote nicht befolgen, tragen wir gar keine Weisheit in uns. Außer wir glaubten etwa, es sei weise von uns, Gott zu verachten, und wir hielten es für die höchste Klugheit, Christi Gebote abzulehnen. Man könnte schon mit gutem Grund annehmen, wir glaubten [S. 112] solches; denn mit solcher Übereinstimmung gehen wir alle den Sündenweg, als wenn wir auf Grund höchst kluger, gemeinschaftlicher Beratung sündigten. Aus welchen Gründen täuschen wir uns unter diesen Umständen selbst, indem wir wähnen, weil wir Christen heißen, könne uns trotz der Sünden, die wir begehen, der gute Name etwas helfen? Sagt ja doch der Heilige Geist, nicht einmal der Glaube ohne die Werke könne den Menschen nützen. Und doch ist es noch viel besser, den Glauben zu haben als den Namen; denn der Name ist nur eine Bezeichnung für einen Menschen, der Glaube aber eine Frucht des Geistes. Und dennoch bezeugt der Apostel, daß diese Glaubensfrucht fruchtlos sei ohne die Werke, indem er sagt: „Der Glaube ohne Werke ist tot." 8 Und wiederum: „Wie der Leib ohne den Geist, so ist der Glaube ohne Werke tot." 9 Er fügt noch härtere Worte hinzu, um die zu vernichten, die sich auf ihren christlichen Glauben etwas zugute tun.

1: Salv. weist hier auf seine eigene frühere Schrift Ad Eccl. II 37 hin, wo es in den Hss. heißt: nisi honoris titulus sine homine. Härtel und Pauly nehmen wohl mit Recht nomine an; diese Lesung muß also auch hier eintreten.
2: Sprichw. 11, 22.
3: Ps. 49, 7; 80, 9.
4: Is. 1, 3.
5: Os. 1, 9; Rom. 9, 25.
6: Jer. 17, 13.
7: Ebd. 8, 9.
8: Jak. 2, 17.
9: Ebd. 2, 26.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger