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Salvianus von Massilia († nach 480) - Von der Weltregierung Gottes (De gubernatione Dei)

III. Buch

1. Gottes Vorsehung, durch die Heilige Schrift bezeugt, bedarf eigentlich keiner weiteren Beweise

Es ist gut so: 1 Die Grundlagen sind gelegt zu dem Werk, das in frommem Bemühen begonnen, aus Liebe zum Dienste Gottes übernommen wurde. Und deshalb sind sie nicht auf schwankendem Sumpfboden errichtet noch mit vergänglichem Stein erbaut, sondern stark durch die Verwendung geweihten Mörtels 2und fest gefügt durch die Kunst göttlichen Lehramtes. Es sind Grundmauern, die, wie Gott selbst im Evangelium sagt, weder durch rasende Winde erschüttert, noch durch Überschwemmung von Flüssen unterwühlt, noch durch Regengüsse zerstört werden können. 3 Da nämlich dieses Werk sozusagen durch die gleiche Hand wie die göttlichen Bücher aufgebaut wurde und durch das Bindemittel heiliger Schriften Festigkeit erhielt, muß notwendiger Weise durch unsern Herrn Jesus Christus das, was geschaffen ist, ebenso fest sein wie das, was geschaffen hat. Denn dieses Gebäude erhält seine Standhaftigkeit [S. 86] aus seiner Wurzel, und es kann nicht ins Wanken gebracht werden, solange seine Gründer aufrecht stehen. Denn wie bei einem irdischen Gebäude niemand die Wände niederreißen kann, wenn er nicht Steine und Mörtel losgerissen hat, so vermag keiner das von uns aufgerichtete Gebäude zu zerstören, außer er zerstörte zuerst das Material, aus dem es von unten bis oben errichtet ist. Weil das Gebäude nun niemals auf irgendeine Weise ins Wanken gebracht werden kann, so hoffen wir mit gutem Grund auf seine Unzerstörbarkeit, da es doch durch unvergängliche Stützen zusammengehalten wird. Wenn dies nun alles sich so verhält, und alles, was in dieser Welt geschieht, von Gott umsorgt, gelenkt, gerichtet wird, erhebt sich die Frage, warum die Lage der Barbaren um so vieles glücklicher ist als die unsere und warum auch unter uns selbst das Los der Guten härter ist als das der Bösen. Warum die Rechtschaffenen darniederliegen, die Ruchlosen stark sind; warum gerade den ungerechten Gewalten alles unterliegt. Ich könnte mit gutem Grunde und ganz folgerichtig sagen: ich weiß es nicht. Ich kenne nämlich die geheimen Pläne der Gottheit nicht. Mir genügt die Stimme des Himmels, um mir diese Tatsache annehmbar zu machen. Gott sagt, wie in den vorausgegangenen Büchern bereits bewiesen wurde, daß er alles beachte, regiere, richte. Wenn du wissen willst, was du festhalten mußt, so hast du dazu die Heilige Schrift. Du tust am besten, wenn du das festhältst, was du gelesen hast. Frage mich also nicht, warum Gott das, wovon wir gesprochen haben, so einrichte. Ich bin ein Mensch, ich verstehe die Geheimnisse Gottes nicht; ich wage nicht, sie zu erforschen, und fürchte mich sogar, solches zu versuchen, weil es schon sozusagen eine Art gotteslästerlicher Frechheit ist, mehr wissen zu wollen, als freigegeben ist. Es genüge dir, wenn Gott bezeugt, daß von ihm alles geleitet und geordnet wird. Warum fragst du mich, weshalb der eine größer ist, der andere kleiner, der eine elend, der andere glücklich, der [S. 87] eine stark, der andere schwach? Warum Gott das tut; ich weiß es nicht. Aber es genügt für eine lückenlose Beweisführung vollständig, aufzuzeigen, daß dies aus Gottes Hand kommt. Denn wie Gott über aller menschlichen Vernunft steht, so muß mir auch die Erkenntnis, daß von Gott alles getan werde, mehr gelten als die Vernunft. Es ist also nicht nötig, in dieser Sache noch etwas Neues zu hören; statt aller Vernunftgründe mag Gott als der Urheber genügen. Und du darfst auch nicht von den göttlichem Willen entsprungenen Taten die einen gerecht, die anderen ungerecht nennen weil du alles, wovon du siehst und überzeugt bist, daß es von Gott getan wird, mehr als gerecht nennen mußt. Das also kann von der Regierung und der Richtertätigkeit Gottes ganz unbedenklich und sicher behauptet werden. Es ist auch nicht notwendig, daß ich dafür noch Beweise anführe, weil es schon dadurch bewiesen wird, daß Gott es sagt. Wenn wir daher lesen, Gott habe gesagt, er schaue immerfort die ganze Erde, so nehmen wir die Tatsache seines Schauens allein deshalb hin, weil er von seinem Schauen spricht. Wenn wir lesen, er lenke alles, was er geschaffen hat, so beweisen wir die Tatsache seiner Regierung, weil er seine Regierung bezeugt. Wenn wir lesen, er ordne alles in zeitlichem Gericht, ist seine Richtertätigkeit glaubhaft, weil er selbst seine Richtertätigkeit bestätigt. Alles andere, nämlich die menschlichen Aussprüche, bedürfen irgendwelcher Beweise und Zeugen; das Wort Gottes aber ist sich selbst Zeugnis, weil das, was die unverfälschte Wahrheit spricht, ein unverfälschtes Zeugnis der Wahrheit sein muß. Aber weil unser Gott wollte, daß wir durch die heiligen Schriften etwas von den Geheimnissen seines Geistes und seiner Gedanken wissen sollten, weil die Weissagungen der Heiligen Schrift gewissermaßen dem Geiste Gottes entspringen, will ich nicht verschweigen, was Gott durch die Seinen erkannt oder verkündet haben wollte. Eines nur möchte ich wissen, bevor ich zu reden anfange, ob [S. 88] ich mit Christen oder mit Heiden sprechen soll. Wenn ich es nämlich mit Christen zu tun habe, so zweifle ich nicht, beweisen zu können, was ich mir vorgenommen habe. Wenn aber mit Heiden, so verschmähe ich jeden Beweis, nicht weil es mir an Beweisgründen fehlte, sondern weil ich an dem Nutzen meiner Worte verzweifle. Wenn ein böswilliger Hörer den Beweis nicht annimmt, so ist das nämlich eine unfruchtbare und eitle Arbeit. Aber, weil ich glaube, daß es keinen Menschen gibt, der Christi Namen trägt, aber nicht als Christ betrachtet werden will, will ich doch mit Christen verhandeln. Mögen andere daher in der Gottlosigkeit und im Unglauben der Heiden verharren, ich bin es zufrieden, wenn Christen meine Worte billigen.

1: Lateinisch: bene habet: iacta sunt fundamenta. Hier ahmt, wie Halm richtig bemerkt, Salvian Laktanz nach, der das 7. Buch seiner Div. inst. mit den gleichen Worten beginnt. Vgl. auch Cicero p. Mur. 6, 14.
2: Die Hss. haben expensarum confectione; wir lesen mit Seeck, Arch. f. lat. Lex. IV (1887) S. 421, sinngemäßer impensarum = Mörtel. Imp. in der Bedeutung Mörtel ist zuerst von Nohl im Ind. Vitruv. S. 151 aus der Epitome des Vitruv nachgewiesen worden. Dasselbe Wort findet sich als Plural an einer Stelle des Symmachus (Rel. 26, 5).
3: Matth. 7, 25.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger