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Gregor der Grosse († 604) - Buch der Pastoralregel (Liber regulae pastoralis)

Vierter Teil

Wie der Prediger, nachdem er alles gut verrichtet, in sich selbst zurückkehren soll, damit ihn weder sein Leben noch seine Predigt zum Stolz verleite

Weil aber oft nach einer schönen und inhaltsreichen Predigt die Seele des Redners im Innern von geheimer Freude über sein Auftreten angefochten wird, so ist sehr von nöten, daß er innerlich stets große Furcht bewahre. Denn es darf derjenige, der die Wunden anderer heilt und sie wieder gesund macht, nicht stolz werden und sein eigenes Heil vernachlässigen; es darf, wer andern hilft, nicht sich selbst vergessen; es darf nicht fallen, wer andere aufrichtet. Für manche war schon oft die Größe ihrer Tugend die Veranlassung ihres Verderbens, indem sie im Vertrauen auf ihre Kräfte sich ohne Grund sicher wähnten und durch ihre Nachlässigkeit unvermutet zugrundegingen. Denn wenn die Tugend dem Laster entgegentritt, so empfindet das Herz ein gewisses Wohlgefallen; und es kann vorkommen, daß eine rechtschaffene Seele die umsichtige Furcht ablegt und im Vertrauen auf sich selbst sich der Ruhe überläßt; da naht dann der schlaue Verführer und zählt der lau werdenden Seele alles auf, was sie Gutes getan, und macht sie eitel und stolz in dem Gedanken, als würde sie die andern weit überragen. So kommt es dann, daß vor den Augen des gerechten Richters die Erinnerung an ein Tugendwerk der Seele zum Falle wird; denn in der Erinnerung an das, was sie getan, macht sie sich groß und sinkt so in den Augen dessen, der der Urheber [S. 265] der Demut ist. Darum wird der hoffärtigen Seele gesagt: „Worin bist du denn besser? Fahre hinab und bette dich zu den Unbeschnittenen!“1 Das will sagen: Weil du dich deines Tugendschmuckes rühmst, wird gerade deine Schönheit dich zum Falle bringen. Darum wird die tugendstolze Seele unter dem Bilde Jerusalems verworfen, wenn es heißt: „Du warst vollkommen, dank meinem Schmucke, welchen ich dir angelegt hatte, spricht der Herr, Gott. Aber du verließest dich auf deine Schönheit und buhltest auf deinen Ruhm hin.“2 Im Vertrauen auf ihre Schönheit erhebt sich die Seele, wenn sie aus Freude an ihrem Tugendverdienst sich bei sich selbst sicher zu sein rühmt. Aber durch eben dieses Vertrauen wird sie zur Unzucht verführt; denn während ihre eigenen Gedanken die umgarnte Seele betrügen, verführen sie die bösen Geister zu zahllosen Lastern und stürzen sie ins Verderben. Zu beachten ist aber, daß es heißt: „Du buhltest auf deinen Ruhm hin“; denn wenn die Seele den Aufblick zu dem Lenker aller Dinge verloren hat, sucht sie sogleich ihr eigenes Lob und beginnt alles Gute sich selbst zuzuschreiben, das sie doch nur zur Ehre des Gebers empfangen hat; sie geht nur darauf aus, ihren Ruhm zu verbreiten und allen Leuten als eine wunderbare Persönlichkeit zu erscheinen. Darum sagt David: „Er gab ihre Macht in Gefangenschaft und ihre Zierde in die Gewalt der Feinde.“3 Macht und Zierde sind in die Gewalt des Feindes gegeben, wenn der Urfeind über die Seele herrscht, die sich hat täuschen lassen und auf ihre guten Werke stolz geworden ist. Dieser Tugendstolz naht sich sogar oft in dieser oder jener Weise den Seelen der Auserwählten, wenn er bei ihnen auch nicht die Oberhand gewinnen kann; in ihnen wird so, indem sie durch die Selbsterhebung eine Erniedrigung empfinden, wieder eine heilige Furcht wachgerufen. So sagt David an einer andern Stelle: „Ich sprach in meines Glückes Fülle: Nimmermehr werde ich wanken!“4 Weil er aber ein zu [S. 266] großes Vertrauen auf seine Tugendkraft gesetzt hatte, fügte er bei, was er gleich darauf zu dulden gehabt habe: „Du wandtest dein Angesicht von mir ab, und ich ward bestürzt.“5 Das will sagen: Bei meinen Tugenden hielt ich mich stark; aber von Gott verlassen habe ich erkannt, wie groß meine Schwäche ist. Darum spricht er wiederum: „Ich habe geschworen und beschlossen, deine gerechten Gesetze zu halten.“6 Aber da seine Kräfte nicht ausreichten, die Gesetze, wie er geschworen, zu halten, so mußte er bald in Beschämung seine Schwäche erkennen. Darum nimmt er eilends zum Gebete seine Zuflucht und sagt: „Ich bin schwer gebeugt, o Herr! Belebe mich nach deinem Worte!“7 Bisweilen aber ruft uns die göttliche Vorsehung, bevor sie uns durch ihre Gnaden erhöht, unsere Schwäche ins Gedächtnis zurück, damit wir auf die empfangene Kraft nicht stolz werden. Der Prophet Ezechiel wird darum, so oft er in die Beschauung himmlischer Dinge erhoben wird, zuvor Menschensohn genannt, als ob der Herr ihn geradezu ermahnen wollte: Damit dein Herz nicht eitel werde auf das, was du siehst, so erwäge sorgfältig, was du bist. Wenn du die tiefen Geheimnisse durchschauest, so erinnere dich, daß du ein Mensch bist; und wenn du über dich selbst entrückt wirst, so laß dich durch den Zügel deiner Schwachheit zu dir selbst wieder behutsam zurückführen. Darum muß sich das Auge der Seele, wenn ihr die Größe unserer Tugenden schmeichelt, wieder zu den Schwächen hinwenden und sich gleichsam wieder demütigen. Nicht das Gute, das wir getan, sondern das, was wir zu tun unterlassen haben, soll es betrachten, und so soll das angesichts der eigenen Schwäche gedemütigte Herz bei Gott, dem Urheber der Demut, fester in der Tugend gegründet werden. Denn wenn der allmächtige Gott die Seelen der Vorsteher oft in einem Punkt unvollkommen läßt, obwohl er ihnen in anderen Punkten große Vollkommenheit verliehen hat, so hat er [S. 267] dabei seine heiligen Absichten: Sie sollen bei all ihrem wunderbaren Tugendglanze doch Ekel und Widerwillen ob ihrer Unvollkommenheit empfinden und sich nicht um der großen Dinge willen erheben, da sie noch mit so viel Kleinem zu kämpfen haben; und da sie kleine Schwierigkeiten nicht zu überwältigen vermögen, haben sie keinen Grund, auf die großen Erfolge stolz zu sein.

Siehe, lieber Freund,8 veranlaßt durch deinen Tadel habe ich zu zeigen versucht, wie ein Seelsorger beschaffen sein muß; ich, ein schlechter Maler, habe einen schönen Mann gemalt und den Weg zu den Gestaden der Vollkommenheit gewiesen, während ich noch mit den Fluten der Sünde kämpfe. Aber ich bitte dich, halte mich in dem Schiffbruch dieses Lebens durch das rettende Brett deines Gebetes über Wasser, damit doch die Hand deines Verdienstes mich hält, wenn meine eigene Last mich niederzieht.

1: Ezech. 32, 19.
2: Ebd. 16, 14 f.
3: Ps. 77, 61.
4: Ebd. 29, 7.
5: Ps. 29, 8.
6: Ebd. 118, 106.
7: Ebd. 118, 107.
8: In ergreifenden, echt Gregorianischen Schlußworten wendet sich der heilige Lehrer wieder an den Erzbischof von Ravenna, dem die Schrift gewidmet ist.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger