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Gregor der Grosse († 604) - Buch der Pastoralregel (Liber regulae pastoralis)
Zweiter Teil: Vom Leben des Hirten

X. Kapitel: Wie der Seelsorger bei Zurechtweisung und bei stillschweigendem Übersehen, bei Eifer und Sanftmut klug sein muß

Zuweilen muß man, und das ist sehr zu beachten, die Fehler bei den Untergebenen kluger Weise übersehen und doch es dabei merken lassen, daß man sie eben über- [S. 120] sehen will; oder man muß zuweilen offenkundige Fehler mit aller Ruhe ertragen, ein andermal dagegen selbst verborgenen Fehlern aufs genaueste nachgehen; das eine Mal kann man etwas mit mehr Sanftmut behandeln, das andere Mal muß man mit aller Strenge dagegen vorgehen.

Man muß also, wie eben gesagt wurde, manche Fehler kluger Weise übersehen, es aber doch merken lassen, daß man sie übersieht; der Fehlende wird dadurch darauf aufmerksam, daß man ihn recht wohl erkennt, aber stillschweigend seine Fehler erträgt; vielleicht, daß er sich dann schämt, die Fehler noch weiter zu begehen, und sich selbst eine Buße auferlegt, nachdem der Seelsorger in seiner Güte und Nachsicht ihn bei sich selbst entschuldigt. Dieses Übersehen hält der Herr dem Judenlande vor, wenn er durch den Propheten spricht: „Du lügest und gedenkest nicht mein, noch nimmst du es dir zu Herzen, daß ich schwieg und tat, als ob ich nicht sehe.“1 Er übersah also die Schuld, doch ließ er es nicht merken; denn er schwieg gegen das sündige Land und sagte doch, daß er schwieg.

Einige Fehler aber muß man, auch wenn man ganz offen zu ihrer Kenntnis gelangt ist, lange ertragen, wenn nämlich die Umstände eine offene Zurechtweisung nicht zulassen. Denn unzeitig aufgeschnittene Wunden entzünden sich noch heftiger; und wenn die Arzneien nicht zu rechter Zeit gereicht werden, können sie die Heilung nicht bewirken. Allerdings wird auf diese Weise die Geduld des Vorstehers auf eine harte Probe gestellt, wenn man erst eine schickliche Gelegenheit zur Zurechtweisung der Untergebenen abwarten muß. Darum heißt es mit Recht beim Psalmisten: „Auf meinem Rücken schmiedeten die Sünder.“2 Man trägt nämlich auf dem Rücken die Lasten. Der Prophet klagt also, daß auf seinem Rücken die Sünder schmieden, gleich als wollte er [S. 121] damit sagen: Die ich nicht bessern kann, muß ich wie eine Last mit mir schleppen.

Manchen verborgenen Fehlern aber muß man aufs genaueste nachgehen, damit der Vorsteher, geleitet durch die gegebenen Anzeichen, alles auffinde, was im Herzen seiner Untergebenen sich verbirgt, und bei der Zurechtweisung von den kleinen auf die großen Fehler kommen kann. Darum wird mit Recht zu Ezechiel gesagt: „Menschensohn, grabe durch die Wand!“, worauf der Prophet selbst antwortet: „Und da ich durch die Wand gegraben, sah ich eine Türe. Und er sprach zu mir: Geh hinein, und sieh die überbösen Greuel, welche sie hier tun! Und ich ging hinein und schaute; und siehe, da waren allerlei Gebilde von Gewürm und anderen Tieren; alle Götzengreuel des Hauses Israel waren da abgemalt an der Mauer.“3 Durch Ezechiel wird hier der Vorgesetzte, durch die Mauer die Herzenshärte der Untergebenen versinnbildet. Und was soll das Graben durch die Mauer bedeuten, wenn nicht das Aufschließen eines harten Herzens durch eingehendes Befragen? Als er durch die Mauer grub, erschien eine Türe: das heißt, wenn man ein hartes Herz durch eingehendes Befragen oder durch wohlüberlegten Tadel zu brechen weiß, ist es, wie wenn sich eine Türe auftun würde, durch die man das ganze innere Gedankenleben des Zurechtzuweisenden überschaut. Darum heißt es auch an obiger Stelle weiter: „Geh hinein und sieh die überbösen Greuel, welche sie hier tun!“ Der Vorgesetzte geht hinein, um Greuel zu schauen, wenn er nach Abwägung der äußeren Anzeichen so tief in das Innere seiner Untergebenen eindringt, daß alle unerlaubten Gedanken offen vor ihm daliegen. Darum heißt es weiter: „Und ich ging hinein und schaute; und siehe, da waren allerlei Gebilde von Gewürm und anderen Tieren.“ Das Gewürm bedeutet die ganz irdischen Gedanken, die andern Tiere aber sind solche Gedanken, die sich zwar [S. 122] etwas über die Erde erheben, bei denen man aber noch nach irdischem Lohn Verlangen trägt. Denn das Gewürm schleicht mit dem ganzen Körper am Boden dahin, während die andern Tiere sich zum großen Teil mit ihrem Körper über die Erde erheben, des Futters wegen aber sich immer wieder zur Erde niederbeugen. Es befindet sich also Gewürm hinter der Mauer, wenn der Geist sich mit Gedanken befaßt, die sich gar nie über die irdischen Begierden erheben. Anderes Getier hält sich hinter der Mauer auf, wenn die Gedanken an sich zwar gerecht und ehrbar sind, aber der Sucht nach irdischem Gewinn und irdischer Ehre dienen; an und für sich erheben sich diese Gedanken über die Erde, aber wegen der damit verbundenen Sucht nach Ehre und Vorteil neigen sie sich gefräßig auf die Erde herab. Darum heißt es dort treffend weiter: Und alle Götzengreuel des Hauses Israel waren da abgemalt an der Mauer.“4 Es steht ja geschrieben: „Und der Geiz, welcher Götzendienst ist“.5 Mit Recht werden also nach den Tieren die Götzenbilder angeführt; denn wenn sich auch manche durch ehrbare Handlungsweise gleichsam über die Erde erheben, so wenden sie sich doch durch unordentliche Absichten wieder der Erde zu. Treffend heißt es: „Sie waren abgemalt“; denn wenn wir die Bilder der äußeren Dinge innerlich in uns aufnehmen, so werden die Gedanken und Vorstellungen im Herzen gleichsam in einem Bilde dargestellt. Es ist auch zu beachten, daß zuerst ein Loch in der Mauer, dann eine Türe und zuletzt der geheime Greuel sichtbar wird; denn bei jeder Sünde sieht man zuerst die äußeren Anzeichen, dann das offene Unrecht und schließlich alles Böse, das noch darin eingeschlossen ist.

Manchmal muß man etwas mit mehr Sanftmut behandeln; denn wenn nicht aus Bosheit, sondern nur aus Unwissenheit und Schwäche gefehlt wurde, muß die Zurechtweisung des Fehlers mit großer Mäßigung ge- [S. 123] schehen. Denn solange wir in diesem sterblichen Fleische leben, sind wir alle den Schwachheiten unserer verderbten Natur unterworfen. Darum muß es ein jeder von sich selbst abnehmen, wie er mit der Schwachheit anderer Mitleid haben müsse, damit er nicht auf sich selbst ganz vergesse und die Schwachheit des Nächsten mit aller Leidenschaftlichkeit schelte. Darum ermahnt treffend Paulus: „Wenn ein Mensch von irgendeiner Sünde übereilt worden wäre, so unterweist einen solchen, ihr, die ihr geistlich seid, im Geiste der Sanftmut und hab’ acht auf dich selbst, damit nicht auch du versucht werdest.“6 Es ist, als wollte er geradezu sagen: Wenn dir das mißfällt, was du an menschlicher Schwachheit an andern bemerkst, so denke, was du bist; der Geist soll sich beim Schelten mäßigen, weil er das auch für sich selbst fürchten muß, was er andern vorhält.

Gegen andere Fehler wieder muß man mit aller Strenge vorgehen; denn wenn der Fehlende die Größe seiner Schuld nicht erkennt, so soll er sie aus dem Munde dessen hören, der ihn zurechtweist. Wenn jemand das Böse, das er getan hat, zu leicht nimmt, so soll ihm eine scharfe Zurechtweisung ernste Furcht davor einflößen. Denn es ist Pflicht des Seelsorgers, die Herrlichkeit des himmlischen Vaterlandes durch das Wort der Predigt zu zeigen, zu enthüllen, welch große Versuchungen des Urfeindes auf dem Wege durch dieses Leben sich bergen, und die Sünden der Untergebenen, die man nicht mit Milde ertragen darf, mit großer, eifernder Strenge zu rügen; denn würde er es an Strenge gegen die Sünden fehlen lassen, so würde er die Schuld aller auf sich laden. Darum ergeht an Ezechiel bedeutungsvoll das Wort: „Nimm dir einen Ziegel und leg ihn vor dich und zeichne darauf die Stadt Jerusalem“7 und heißt es gleich darauf: „Und ordne eine Belagerung wider sie und baue Bollwerke und wirf einen Damm auf und laß ein Heer wider sie lagern und stelle Sturm- [S. 124] böcke ringsum!“ Zu seiner eigenen Festigung wird dann noch gesagt: „Nimm dann eine eiserne Pfanne und stelle sie als eine eiserne Mauer zwischen dich und zwischen die Stadt.“ Ist Ezechiel nicht der Typus der Lehrer, wenn es von ihm heißt: „Nimm dir einen Ziegel und leg ihn vor dich und zeichne darauf die Stadt Jerusalem“?

Die heiligen Lehrer nehmen sich einen Ziegel, wenn sie es unternehmen, das irdisch gesinnte Herz ihrer Zuhörer zu belehren. Diesen Ziegel legen sie vor sich hin, wenn sie es mit aller Aufmerksamkeit bewachen. Sie erhalten den Auftrag, die Stadt Jerusalem auf den Stein zu zeichnen, wenn sie sich bemühen, in der Predigt irdisch gesinnten Herzen „das Schauen himmlischen Friedens“ zu zeigen.8 Weil es aber keinen Wert hätte, wenn man zwar die Herrlichkeit des himmlischen Vaterlandes kennen würde, aber nicht wüßte, daß der listige Feind gerade hier die größten Nachstellungen bereitet, darum heißt es mit Recht weiter: „Und ordne eine Belagerung wider sie und baue Bollwerke.“ Die heiligen Prediger stellen nämlich um den Ziegel, auf den die Stadt Jerusalem gezeichnet ist, eine Belagerung dar, wenn sie einem irdischen Gemüte, das aber schon nach dem himmlischen Vaterlande Verlangen trägt, anschaulich machen, welch heftigen Kampf man während dieses Lebens gegen die Sünde zu führen hat. Wenn gezeigt wird, wie jede Sünde den geistigen Fortschritt gefährdet, so wird durch das Wort des Predigers gleichsam eine Belagerung um die Stadt Jerusalem dargestellt. Aber weil sie nicht bloß auf die Angriffe von Seiten der Sünden, sondern auch auf die Widerstandskraft hinweisen müssen, die aus treu bewachten Tugenden entspringt, ist mit Grund beigesetzt: „Und baue Bollwerke.“ Denn der [S. 125] heilige Prediger baut Bollwerke, wenn er zeigt, welche Tugenden den verschiedenen Sünden entgegenstehen. Und weil mit dem Wachstum der Tugend in der Regel auch die Versuchungen zunehmen, heißt es mit gutem Grund weiter: „Und wirf einen Damm auf und laß ein Heer wider sie lagern und stelle Sturmböcke ringsum.“ Der Prediger wirft einen Angriffsdamm auf, so oft er auf die Größe einer herannahenden Versuchung hinweist. Und ein Heer läßt er Jerusalem gegenüber sich lagern, wenn er den aufmerksamen Zuhörern die schlauen und fast unergründlichen Nachstellungen ihres listigen Feindes schildert. Und Sturmböcke stellt er ringsum, wenn er ihnen darlegt, wie die Stachel der Versuchungen uns in diesem Leben von allen Seiten umgeben und die Mauer der Tugenden zu durchbrechen suchen.

Jedoch, wenn auch der Seelsorger auf alle diese Punkte eingehend hinweist, so ist er keineswegs für immer der Verantwortung ledig, wenn er nicht von heiligem Eifer gegen die Fehler der einzelnen entbrannt ist. Darum wird an jener Stelle mit Recht noch beigefügt: „Und du nimm dann eine eiserne Pfanne und stelle sie als eine eiserne Mauer zwischen dich und zwischen die Stadt.“ Die Pfanne deutet nämlich an, daß der Geist gleichsam geröstet werden müsse, das Eisen aber, daß die Zurechtweisung mit aller Kraft geschehen müsse. Denn was röstet und peinigt die Seele des Lehrers mehr als der Eifer für Gott? So erlitt Paulus das Feuer dieser Röstpfanne, wenn er sprach: „Wer wird schwach, ohne daß ich schwach werde? Wer wird geärgert, ohne daß ich brenne?“9 Und weil ein jeder Gottbegeisterte sich mit einem starken Schutz für die Ewigkeit umgibt, um nicht wegen Nachlässigkeit der Verdammnis anheimzufallen, darum heißt es passend: „Stelle sie als eine eiserne Mauer zwischen dich und zwischen die Stadt.“ Die Pfanne wird nämlich wie eine eiserne Mauer zwischen Prophet und Stadt gestellt, weil die Seelsorger ihren [S. 126] jetzigen großen Eifer dereinst wie eine starke Wehr zwischen sich und ihre Zuhörer stellen können; sie werden alsdann nicht der Strafe anheimfallen, wenn sie es jetzt an Tadel nicht haben fehlen lassen.

Doch eines ist dabei wohl zu beachten. Wenn nämlich der Lehrer sich im Tadel ereifert, so ist es sehr schwer zu vermeiden, daß ihm nicht einmal ein unpassendes Wort, das er besser nicht sagen würde, entschlüpft. Gar oft kommt es vor, daß die Lehrer, wenn sie an einem Untergebenen einen Fehler mit großer Aufregung tadeln, sich in ihren Ausdrücken zu Übertreibungen fortreißen lassen. Wenn man zu heftig wird und beim Tadel die Selbstbeherrschung verliert, geraten die Herzen derer, die sich vergangen haben, förmlich in Verzweiflung. Darum muß der Seelsorger, wenn er bemerkt, daß er in der Aufregung die Untergebenen härter als notwendig getroffen hat, jedesmal für sich Buße tun, um durch reuige Klage bei der ewigen Wahrheit Verzeihung auch dafür zu erlangen, was er aus Eifer für den Herrn gefehlt hat. Dies befiehlt der Herr bildlich durch Moses, indem er sagt: „Wenn jemand arglos mit seinem Freunde in den Wald ging, um Holz zu hauen, und wenn die Axt seiner Hand entfuhr und das Eisen vom Stiele glitt und seinen Freund traf und tötete, ein solcher soll in eine der vorgenannten Städte fliehen und am Leben bleiben, damit nicht etwa der nächste Verwandte desjenigen, dessen Blut vergossen worden ist, durch seinen Schmerz gereizt ihn verfolge und ihn einhole und erschlage.“10 Wir gehen nämlich mit dem Freunde in den Wald, so oft wir daran gehen, die Fehler der Untergebenen ins Auge zu fassen. Und wir fällen arglos Holz, wenn wir in guter Absicht Fehler bei den Untergebenen zu beseitigen suchen; aber es fährt die Axt uns aus der Hand, wenn uns der Tadel mehr, als nötig ist, in Aufregung versetzt. Und das Eisen springt vom Stiel, wenn bei der Zurechtweisung allzu harte Worte fallen; [S. 127] es trifft und tötet den Freund; denn die Beleidigung tötet in dem, der sie über sich ergehen lassen muß, den Geist der Liebe. Schnell schlägt die Gesinnung des Getadelten in Haß um, wenn maßloses Schelten ihn über Gebühr kränkt. Wer aber unvorsichtig Holz fällt und dabei seinen Nächsten tötet, der muß nach den drei Städten sich flüchten, damit er in einer von ihnen Schutz für sein Leben finde; denn wenn er sich der Bußklage zuwendet und in dem einen Sakrament unter der Hoffnung und unter der Liebe sich verbirgt, so gilt er nicht mehr als des Mordes schuldig; und wenn der nächste Verwandte des Erschlagenen ihn findet, tötet er ihn nicht; denn wenn der strenge Richter kommt, der durch Annahme unserer Natur mit uns verwandt wurde, so rechnet er ohne Zweifel dem die Schuld nicht an, den unter seiner Vergebung Glaube, Hoffnung und Liebe verbergen.

1: Is. 57, 11.
2: Ps. 128, 3.
3: Ezech. 8, 8 ff.
4: Ezech. 8, 10.
5: Koloss. 3, 5.
6: Gal. 6, 1.
7: Ezech. 4, 1 ff.
8: In dem Ausdruck „supernae pacis visio“ (vgl. „beata pacis visio“ des Hymnus „Coelestis urbs Jerusalem“) ist „pacis visio“ die schon von Augustinus, De catech. rud. cap. 20 gegebene Übersetzung von Jerusalem.
9: 2 Kor. 11, 29.
10: Deut. 19, 5 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger