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Gregor der Grosse († 604) - Buch der Pastoralregel (Liber regulae pastoralis)
Zweiter Teil: Vom Leben des Hirten

VIII. Kapitel: Der Seelsorger soll nicht eigens darauf ausgehen, den Leuten zu gefallen, sondern den Grund im Auge behalten, weswegen er gefallen soll

Dabei muß der Seelsorger auch sorgfältig darüber wachen, daß ihn nicht die Sucht, den Menschen zu gefallen, beherrscht, daß er nicht bei der eifrigen Pflege des inneren Lebens und bei der Sorgfalt in der Verwaltung der äußeren Angelegenheiten mehr die Liebe seiner Untergebenen als die Wahrheit sucht; denn so würde ihn die Eigenliebe dem Schöpfer entfremden, während er nach außen reich an guten Werken und der Welt ganz entfremdet zu sein scheint. Denn der ist ein Feind des Erlösers, der um seiner guten Werke willen statt von ihm von der Gemeinde geliebt zu werden verlangt; macht sich doch auch der Diener, durch welchen der Bräutigam seine Geschenke überschickt, eines ehebrecherischen Gedankens schuldig, wenn er den Augen der Braut zu gefallen sucht. Wenn diese Eigenliebe einmal das Herz des Seelsorgers eingenommen hat, verleitet sie ihn bald zu ungeordneter Nachgiebigkeit, bald zu ungeordneter Strenge. Der Seelsorger verfällt aus Eigenliebe in Nachgiebigkeit, wenn er die Untergebenen sündigen sieht und sie nicht zu tadeln wagt, damit ihre Liebe zu ihm nicht erkalte; ja manchmal findet er noch schöne Worte und entschuldigt bei den Untergebenen die Fehler, gegen die er ernstlich auftreten müßte.

Darum heißt es mit Recht beim Propheten: „Wehe denen, die Pölsterchen machen unter alle Ellenbogen und Kissen unter das Haupt der Menschen jeden Alters, um Seelen zu fangen.“1 Pölsterchen unter jeden Ellen- [S. 117] bogen legen, heißt diejenigen, die vom rechten Weg abweichen und sich den Vergnügungen dieser Welt in die Arme werfen, mit schmeichelnden und schönen Worten beruhigen. Denn wie der Ellenbogen auf dem Pölsterchen oder das Haupt auf den Kissen ruht, so wird dem Fehlenden der harte Tadel erspart und ihm dagegen weichliche Nachsicht zugewendet, damit er süß auf seinem Irrtum ruhen kann und ihn kein harter Widerspruch berührt.

Das aber tun Seelsorger, die voll von Eigenliebe sind, nur solchen gegenüber, von denen sie einen Nachteil in ihrem Streben nach irdischer Ehre zu befürchten hätten. Denn diejenigen, die ihnen nichts anhaben können, lassen sie allezeit mit harten und rauhen Worten an, gönnen ihnen niemals eine gütige Mahnung, sondern herrschen sie an in ihrem ganzen Machtgefühl und vergessen dabei vollständig alle seelsorgerliche Sanftmut. Sie tadelt Gottes Stimme mit Recht durch den Propheten: „Mit Strenge und Gewalt herrschet ihr über sie.“2 Sie lieben sich selbst mehr als ihren Schöpfer, erheben sich prahlerisch über die Untergebenen, schauen nicht auf ihre Pflicht, sondern auf ihre Macht und fürchten sich nicht vor dem kommenden Gericht, sondern pochen gottlos auf ihre zeitliche Macht; es freut sie, daß sie unbehindert auch etwas Unerlaubtes tun können, ohne daß ein Untergebener etwas dagegen sagen darf. Wer also etwas Unrechtes tun will und doch verlangt, daß die andern dazu schweigen und stille sind, der ist sich sein eigener Zeuge, daß er mehr als die Wahrheit geliebt sein will, welche er gegen sich nicht verteidigt haben will. Es ist nämlich unmöglich, ganz ohne Fehler zu leben. Der aber will die Wahrheit mehr als sich selbst geliebt sehen, der von niemanden Schonung seiner Person zu ungunsten der Wahrheit verlangt. Darum nahm auch Petrus den Tadel des Paulus bereitwilligst an3 und hörte David demütig auf die Zurechtweisung eines Untergebenen;4 [S. 118] und so hält der gute Seelsorger, der keine Eigenliebe kennt, gerade ein Wort freimütiger Aufrichtigkeit von Seiten eines Untergebenen für ein Zeichen demütigen Gehorsams. Dabei muß aber die Seelsorge mit einer solchen Überlegung und Klugheit ausgeübt werden, daß der Untergebene, wenn er in einem Falle das Richtige herauszufühlen vermochte, sich frei aussprechen darf, ohne daß dabei die Freimütigkeit in Hochmut umschlägt; denn würde ihm etwa eine zu große Freiheit im Reden eingeräumt, ginge seinem Leben die Demut verloren.

Auch ist zu bemerken, daß guten Seelsorgern allerdings daran gelegen sein muß, den Menschen zu gefallen, aber nur, um durch den guten Klang ihres Namens die Mitmenschen zur Liebe der Wahrheit anzulocken, nicht aus Verlangen, selbst geliebt zu werden, sondern um die ihnen erwiesene Liebe gleichsam als Weg zu benützen, auf dem sie die Herzen der Gläubigen zur Liebe des Schöpfers führen können. Denn schwerlich wird man einen Prediger, obschon er die Wahrheit verkündet, gerne hören, wenn er nicht beliebt ist. Der Vorsteher muß also darnach trachten, daß man ihn liebe, um gern gehört zu werden, darf aber doch diese Liebe nicht für sich selbst suchen, damit er nicht in geheimen Gedanken gegen den sich auflehne, als dessen Diener er in seinem Amte erscheint. Dies gibt Paulus deutlich zu verstehen, wenn er uns sein geheimes Streben mit den Worten enthüllt: „Gleichwie auch ich allen in allem zu Gefallen bin.“5 Aber dessen ungeachtet sagt er auch: „Wenn ich noch den Menschen gefallen würde, so wäre ich Christi Diener nicht.“6 Paulus will also gefallen und will es nicht; denn wenn er zu gefallen sucht, so will er nicht selbst gefallen, sondern er will, daß seinetwegen die Wahrheit den Menschen gefalle.

[S. 119]

1: Ezech. 13, 18.
2: Ezech. 34, 4.
3: Gal. 2, 11.
4: 2 Kön. 12, 7 ff.
5: 1 Kor. 10, 33.
6: Gal. 1, 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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