Titel newsletter aktuell suche Titel werke start

Diese Datenbank wird nicht mehr weiter ergänzt. Bitte verwende Sie die neue Seite hier: https://bkv.unifr.ch

Gregor der Grosse († 604) - Buch der Pastoralregel (Liber regulae pastoralis)
Zweiter Teil: Vom Leben des Hirten

V. Kapitel: Der Seelsorger muß gegen jedermann voll Teilnahme und mehr als alle der Betrachtung ergeben sein

Der Seelsorger muß gegen jedermann voll Teilnahme und mehr als alle der Betrachtung ergeben sein; denn er muß mit einem Herzen voll Liebe die Schwachheit der andern auf sich nehmen und in erhabener Beschauung im Verlangen nach der unsichtbaren Welt sich über sich selbst erheben; denn er darf in seinem Streben nach dem Höchsten nicht verächtlich auf die Schwachheit des Nächsten herabschauen, oder umgekehrt bei seiner Herab- [S. 98] lassung zur Schwachheit des Nächsten das höhere Streben nicht aufgeben. So wird Paulus in das Paradies geführt und schaut die Geheimnisse des dritten Himmels,1 und doch richtet er, obwohl er in die Betrachtung dieser unsichtbaren Welt versunken war, sein Augenmerk noch auf das Ehegemach fleischlicher Menschen und entscheidet, wie sie sich in ihren verborgenen Beziehungen zueinander zu verhalten haben, indem er sagt: „Um die Unzucht zu meiden, habe jeder sein Weib, und eine jede habe ihren Mann. Dem Weibe leiste der Mann die Pflicht und ebenso das Weib dem Manne.“2 Und gleich darauf: „Entziehet euch einander nicht, außer mit gegenseitiger Einwilligung eine Zeitlang, um euch dem Gebete zu widmen; dann kommt wieder zusammen, damit euch der Satan nicht versuche!“3 Siehe, schon wandelt er in himmlischen Geheimnissen und doch läßt er sich herab und wirft seinen Blick in das Ehegemach fleischlicher Menschen; und dasselbe Geistesauge, das er entzückt zu den unsichtbaren Dingen erhebt, senkt er voll Erbarmen herab zu den Geheimnissen schwacher Menschen. Bis in den Himmel erschwingt er sich in der Betrachtung, aber seine Sorgfalt erstreckt sich auch auf das Ruhelager fleischlicher Menschen. So ist in ihm durch das Band der Liebe das Höchste mit dem Niedrigsten verbunden: so wird sein Geist für sich allein in die höchsten Höhen entrückt und nimmt aus Mitleid mit den anderen gleicherweise Anteil an ihrer Schwachheit. Darum sagt er: „Wer wird schwach, ohne daß ich schwach werde? Wer wird geärgert, ohne daß ich brenne?“4 und ebenso: „Den Juden bin ich wie ein Jude geworden.“5 Dies sagt er nicht, als hätte er den Glauben verleugnet, sondern um seine Liebe auszudehnen und, damit er an sich selbst erkenne, indem er die Ungläubigen gleichsam in seine Person verwandelte, wie er anderer sich erbarmen müsse und ihnen tun könne, was er selbst in [S. 99] gleicher Lage wünschen würde, daß man ihm tun möchte. Darum sagt er auch: „Denn sei es, daß wir uns übernehmen, für Gott ist’s; sei es, daß wir uns mäßigen, für euch ist’s!“;6 denn er konnte in der Betrachtung sich in die Höhe schwingen und konnte zugleich herabsteigen und seinen Zuhörern sich anpassen. Deshalb sah Jakob, als in der Höhe oben der Herr erschien und unten der Stein gesalbt wurde, wie die Engel auf- und niederstiegen; denn der wahre Prediger sucht in der Betrachtung nicht nur in der Höhe das heilige Haupt der Kirche, das ist unsern Herrn, sondern erbarmungsvoll neigt er sich auch herab zu ihren Gliedern. So geht Moses im heiligen Zelte oft aus und ein, und während er drinnen in Beschauung hingerissen wird, umdrängen ihn draußen die Anliegen der Schwachen. Drinnen schaut er Gottes Geheimnisse, draußen trägt er die Lasten fleischlicher Menschen. Auch dann, wenn er über etwas im Zweifel ist, nimmt er stets seine Zuflucht zum Zelte und befragt den Herrn vor der Bundeslade; damit gibt er ohne Zweifel den Seelenführern ein Beispiel, wie sie bei jedem Zweifel hinsichtlich ihrer äußeren Anordnungen sich im Innern wie im heiligen Zelte sammeln und gleichsam vor der Bundeslade den Herrn befragen sollen, indem sie in zweifelhaften Fällen für sich im stillen die Blätter des göttlichen Wortes zu Rate ziehen. Oblag ja auch die Wahrheit selbst, die unsere Natur annahm und sich dadurch offenbarte, auf dem Berge dem Gebete und wirkte Wunder in den Städten. Sie wollte dadurch den guten Seelenhirten den Weg zur Nachfolge zeigen, damit sie einerseits in der Betrachtung das erhabenste Ziel anstreben, anderseits aber auch voll Mitleid sich der Not der Schwachen annehmen möchten. Denn dann erhebt sich die Liebe wunderbar in die Höhe, wenn sie sich mitleidsvoll dem Elend des Nächsten zuwendet; und gerade wenn sie mildreich sich herabneigt, erhebt sie sich zur höchsten Höhe.

[S. 100] Es muß aber das Verhalten des Seelsorgers derart beschaffen sein, daß seine Untergebenen sich nicht scheuen, ihm selbst ihre geheimen Fehler aufzudecken. Sie sollen, wenn sie den Sturm der Versuchungen aushalten müssen, zum Hirten ihre Zuflucht nehmen können, wie die kleinen Kinder in den Schoß der Mutter eilen, und sollen in seinem tröstenden Zuspruch und unter Gebet und Tränen sich wieder rein waschen, wenn sie sich von dem Ansturm der Sünde befleckt fühlen. Deshalb befand sich auch vor dem Eingang zum Tempel, damit man sich beim Eintritt die Hände waschen konnte, das eherne Meer, das heißt das Waschbecken; es wurde von zwölf Rindern getragen, die mit dem Kopfe nach auswärts schauten, hinten aber verdeckt waren. Was sollen diese zwölf Rinder anders andeuten als die Gesamtheit der Hirten, von denen das Gesetz, wie Paulus ausführt, sagt: „Du sollst dem dreschenden Ochsen das Maul nicht verkörben?“7 Wir sehen zwar jetzt ihre äußeren Werke; wir wissen aber nicht, was für eine Belohnung von Seiten des ewigen Richters später ihrer wartet. Wenn sie sich aber in ihrer herablassenden Geduld anschicken, die Bekenntnisse der Mitmenschen zu tilgen,8 tragen sie gleichsam vor dem Eingang zum Tempel das Waschbecken, damit alle, die zur Pforte des ewigen Lebens eingehen wollen, ihre Versuchungen dem Herzen des Hirten offenbaren und gleichsam in dem von Rindern getragenen Waschbecken ihre Hände von bösen Gedanken und Werken sich rein waschen können. Dabei kann es oft vorkommen, daß auch des Hirten Seele von den Versuchungen, die er von anderen in erbarmender Weise anhört, berührt wird, wie ja auch das Wasser im Becken, wenn soviel Volk [S. 101] darin sich wäscht, verunreinigt wird. Indem es den Schmutz derer, die sich darin waschen, aufnimmt, verliert es den Glanz der eigenen Reinheit. Der Hirt darf sich aber dadurch nicht abschrecken lassen, denn der Herr beachtet alles aufs einzelnste und läßt ihn um so leichter aus der eigenen Versuchung unversehrt hervorgehen, je größer die Barmherzigkeit und die Mühe war, mit der er sich anderer in ihrer Versuchung angenommen hat.

1: 2 Kor. 12, 2.
2: 1 Kor. 7, 2 f.
3: Ebd. 7, 5.
4: 2 Kor. 11, 29.
5: 1 Kor. 9, 20.
6: 2 Kor. 5, 13.
7: 1 Kor. 9, 9 aus Deut. 25, 4.
8: Wegen der Wichtigkeit dieser Stelle für das hl. Bußsakrament gibt die Übersetzung das „patientiam diluendis proximorum confessionibus praeparant“ wörtlich wieder, wobei confessio den Gegenstand des Bekenntnisses bedeutet.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu Gregor dem Grossen
Einleitung zum Buch der Pastoralregel

Navigation
. Erster Teil
. Zweiter Teil: Vom Lebe...
. . I. Kapitel: Wie derjenige ...
. . II. Kapitel: Der Seel...
. . III. Kapitel: Der ...
. . IV. Kapitel: Der Seel...
. . V. Kapitel: Der Seels...
. . VI. Kapitel: Der Seel...
. . VII. Kapitel: Der ...
. . VIII. Kapitel: Der ...
. . IX. Kapitel: Der Seel...
. . X. Kapitel: Wie der ...
. . XI. Kapitel: Wie sehr...
. Dritter Teil: Wie der ...
. Vierter Teil

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger