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Gregor der Grosse († 604) - Buch der Pastoralregel (Liber regulae pastoralis)
Zweiter Teil: Vom Leben des Hirten

IV. Kapitel: Der Seelsorger muß taktvoll im Schweigen und tüchtig im Reden sein

Der Seelsorger muß taktvoll im Schweigen und tüchtig im Reden sein, damit er nicht über etwas rede, worüber er besser schweigen würde, oder über etwas schweige, worüber er reden müßte. Denn wie unvorsichtiges Reden in Irrtum führt, so hält unzeitiges Schweigen jene im Irrtum zurück, die man hätte belehren können. Es ist nämlich oft der Fall, daß gleichgültige Seelenhirten sich scheuen, frei und offen zu reden, weil sie sonst die Gunst der Menschen einbüßen könnten, und so die Herde, wie die ewige Wahrheit sagt, nicht in wahrer Hirtensorge, sondern nach Art der Mietlinge bewachen; denn sie fliehen vor dem Wolf, wenn sie sich durch Stillschweigen in Sicherheit bringen wollen.1 Deshalb schilt sie der Herr durch den Propheten „stumme Hunde, die nicht bellen können“,2 und [S. 94] klagt an einer anderen Stelle: „Ihr erhebet euch nicht zum Widerstand und setzet euch nicht zur Mauer für das Haus Israel, um fest zu stehen im Streite am Tage des Herrn.“3 „Sich zum Widerstand erheben“ heißt zur Verteidigung der anvertrauten Herde mit freimütigem Worte den Gewalten dieser Welt entgegentreten; und „am Tage des Herrn im Streite feststehen“ heißt aus Liebe zur Gerechtigkeit ungerechten Gegnern Widerstand entgegensetzen. Wenn der Hirt sich fürchtet, die Wahrheit zu sagen, was ist das anderes, als durch Schweigen die Flucht ergreifen? Wer sich aber für seine Herde dem Feinde entgegenstellt, der errichtet für das Haus Israel eine Mauer gegen die Feinde. Darum sagt die Schrift an einer anderen Stelle zum sündigen Volke: „Deine Propheten erschauten dir Lüge und enthüllten deine Missetaten nicht, um dich zur Buße zu bewegen.“4 Die Lehrer werden nämlich in der Heiligen Schrift bisweilen Propheten genannt, insofern sie die Menschen belehren, wie vergänglich das Gegenwärtige ist, und auf das Zukünftige hinweisen. Das Wort Gottes macht ihnen zum Vorwurf, daß sie Lügen erschauen, weil sie sich fürchten, die Sünden zu rügen, und nutzlos den Sündern damit schmeicheln, daß sie sie in falsche Sicherheit einwiegen. Sie decken die Ungerechtigkeit der Sünder nicht auf, indem sie jedes Wort des Tadels unterlassen. Eine Strafrede ist wie ein Schlüssel; denn durch den Tadel deckt sie den Fehler auf, den oft gerade der nicht kennt, der ihn begangen hat. Darum sagt Paulus: „Er soll imstande sein, in der gesunden Lehre zu unterrichten und die Widersprecher zu widerlegen.“5 Und Malachias: „Die Lippen des Priesters sollen die Wissenschaft bewahren, und das Gesetz soll man holen aus seinem Munde, denn ein Engel des Herrn der Heerscharen ist er.“6 Darum mahnt der Herr durch Isaias: „Rufe ohne Aufhören, wie eine Posaune erhebe deine Stimme!“7 Denn wer in das [S. 95] Priestertum eintritt, übernimmt das Amt eines Herolds, um lautrufend der Ankunft des Richters voranzugehen, der schreckenverbreitend ihm nachfolgt. Wenn der Priester aber nicht predigen kann, wie soll er, ein stummer Herold, nun rufen?

Darum ließ sich der Heilige Geist in Gestalt von Zungen auf die ersten Hirten herab8 und machte sie, indem er sie erfüllte, in einem Augenblicke beredt. Eben deshalb wird auch dem Moses die Vorschrift gegeben, daß der Priester, wenn er ins Zelt hineingeht, Glöckchen anhaben soll;9 er soll, will das heißen, die Stimme der Predigt hören lassen, damit er nicht etwa durch sein Stillschweigen den Richter beleidigt, der vom Himmel herabsieht, denn es heißt: „daß sein Schall gehört werde, wenn er vor dem Herrn im Heiligtum ein- und ausgeht, und er nicht sterbe.“10 Der Priester muß nämlich bei seinem Eintritt oder Austritt sterben, wenn man keinen Schall von ihm hört, weil er den Zorn des verborgenen Richters herausfordert, wenn er ohne den Schall der Predigt einhergeht.

Sehr schön heißt es in der Beschreibung, daß die Glöckchen an seinem Gewande angebracht waren. Denn was anders als die guten Werke haben wir unter dem Gewande des Priesters zu verstehen, wie der Prophet bezeugt, wenn er sagt: „Laß deine Priester antun Gerechtigkeit?“11 An dem Gewande also hängen die Glöckchen, um auszudrücken, daß mit dem Schalle der Stimme auch die Werke des Priesters den Weg des Lebens verkündigen sollen.

Wenn sich aber der Seelsorger auf die Predigt vorbereitet, soll er wohl darauf achten, mit welch sorgsamer Vorsicht er zu reden habe, damit er nicht, indem er sich in der Rede ungeordnet fortreißen läßt, die Herzen der Zuhörer in schädlichen Irrtum führe und das Band der Einheit unweise zerreiße, während er vielleicht als ein Weiser erscheinen möchte. Deshalb sagt die ewige [S. 96] Wahrheit: „Habet Salz in euch und habet Frieden untereinander!“12 Das Salz bedeutet nämlich die Weisheit im Reden. Wer darum mit Weisheit reden will, muß sich sehr davor in acht nehmen, daß er nicht durch seine Rede die Eintracht unter den Zuhörern stört. Aus diesem Grunde mahnt Paulus, „nicht höher zu denken als sich geziemt, sondern bescheiden von sich zu denken.“13 Deshalb wechselten auch nach göttlicher Anordnung an dem hohenpriesterlichen Gewande Granatäpfel mit den Glöckchen ab.14 Denn was sollen die Granatäpfel bedeuten, wenn nicht die Einheit im Glauben? Wie nämlich beim Granatapfel die Schale viele Kerne umschließt, so umfaßt die Einheit im Glauben nach außen hin die unzähligen Völker der heiligen Kirche, während sie innerlich an Verdiensten untereinander verschieden sind. Damit der Seelsorger also im Reden nicht unbesonnen darauf losstürme, ruft die ewige Wahrheit selbst, wie oben schon erwähnt, den Jüngern zu: „Habet Salz in euch und habet Frieden untereinander!“ Es ist gerade so, als ob sie bildlich durch das Gewand des Priesters sagen wollte: Laßt Granatäpfel mit Glöckchen abwechseln, damit ihr durch alles, was ihr saget, sorgfältigst die Einheit im Glauben bewahret.

Es muß ferner auch ein Gegenstand ernster Sorge für die Seelsorger sein, daß sie nicht bloß nichts Ungereimtes vorbringen, sondern auch das Richtige nicht in übertriebener und ungeordneter Weise darstellen. Denn gar oft verliert das Wort seine Kraft, da ein unzeitiges und unvorsichtiges Daherreden nicht bis ins Herz dringt; ja ein solches Daherreden, das den Zuhörern keinen Nutzen zu bringen vermag, verunreinigt sogar den, von dem es ausgeht. Darum heißt es mit Recht bei Moses: „Ein Mann, der am Samenfluß leidet, soll unrein sein.“15 Denn wenn wir den Vorgang im Geiste des Zuhörers ins Auge fassen, so ist die Rede nach ihrer Beschaffenheit der Same der darauffolgenden Gedanken, indem [S. 97] sofort im Geiste der Gedanke entsteht, während das Wort durch das Ohr aufgenommen wird. Aus diesem Grunde ist auch ein ausgezeichneter Prediger16 von den Weisen dieser Welt ein Wortsäer genannt worden.17 Wer also an solchem Samenfluß leidet, wird für unrein erklärt, weil, wer dadurch sich verunreinigt, daß er bei geordneter Darstellung gerne viel schwätzt, gute Gedanken in den Herzen der Zuhörer hätte erwecken können. Aber während er so planlos dahinredet, ergießt er den Samen nicht zum Zwecke der Nachkommenschaft, sondern zur Unreinheit. Darum sagt Paulus, wo er seinen Jünger zur Eindringlichkeit in der Predigt ermahnt: „Ich beschwöre dich vor Gott und Jesus Christus, der richten wird die Lebendigen und die Toten, bei seiner Wiederkunft und seinem Reiche: Predige das Wort, halte an damit, es sei gelegen oder ungelegen.“18 Er will den Ausdruck „ungelegen“ gebrauchen, schickt aber den Ausdruck „gelegen“ voraus; denn wenn das Ungelegene sich nicht gelegen zu machen versteht, so macht es sich selbst im Herzen des Zuhörers wirkungslos durch seinen eigenen Unwert.

1: Joh. 10, 12.
2: Is. 56, 10.
3: Ezech. 13, 5.
4: Klagel. 2, 14.
5: Tit. 1, 9.
6: Malach. 2, 7.
7: Is. 58, 1.
8: Apg. 2, 3.
9: Exod. 28, 33.
10: Ebd. 28, 35.
11: Ps. 131, 9.
12: Mark. 9, 49.
13: Röm. 12, 3.
14: Exod. 28, 34.
15: Lev. 15, 2.
16: Paulus.
17: Apg. 17, 18.
18: 2 Tim. 4, 1 ff.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu Gregor dem Grossen
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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