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Gregor der Grosse († 604) - Buch der Pastoralregel (Liber regulae pastoralis)
Zweiter Teil: Vom Leben des Hirten

II. Kapitel: Der Seelenhirt muß lauter sein in seinen Gedanken

Der Seelenhirt muß allzeit lauter sein in seinen Gedanken; denn es darf den keine Unlauterkeit beflecken, der das Amt übernommen hat, aus den Herzen seiner Mitmenschen die Makel der Unreinheit zu beseitigen. Denn die Hand, welche Schmutz wegwaschen will, muß notwendig rein sein, damit sie nicht alles, was sie berührt, noch mehr verunreinigt, wenn an ihr Schmutz auf Schmutz sich häuft. Darum heißt es beim Propheten: „Reiniget euch, die ihr des Herrn Gefäße traget!“1 Die Gefäße des Herrn tragen nämlich diejenigen, welche es auf sich nehmen, die Seelen ihrer Mitmenschen durch das Beispiel ihres Wandels in das Heiligtum der Ewigkeit zu führen. Sie sollen also bei sich erwägen, wie rein diejenigen sein müssen, welche geloben, lebendige Gefäße in den Tempel der Ewigkeit zu tragen. Das ist der Grund, weshalb die Stimme Gottes befahl, daß Aaron auf seiner Brust das Brustblatt des Urteils2 festbinde, weil flüchtige Gedanken sich des priesterlichen Herzens nicht bemächtigen dürfen, sondern die Vernunft allein darin herrschen muß. Der soll an nichts Unbesonnenes oder Unnützes denken, der andern als Muster gelten muß und der durch den Ernst seines Wandels immer zeigen muß, welche Gesinnung er im Busen trägt. Sehr bezeichnend ist dann die Bemerkung, daß auf diesem Brustblatt die Namen der zwölf Stammväter eingeschrieben sein sollen. Denn die Namen der Stammväter auf der Brust geschrieben tragen heißt, daß man das Leben der Väter ohne Unterlaß betrachten soll. Denn dann ist des Priesters Wandel untadelig, wenn [S. 89] er das Beispiel der Väter unablässig sich vor Augen hält, wenn er nicht aufhört, die Fußtapfen der Heiligen zu betrachten und wenn er alle unerlaubten Gedanken ausschlägt, damit ja sein Fuß nicht die Schranken des Amtes überschreite. Mit Recht heißt dieses Blatt Urteilsblatt, weil der Seelenführer immer sorgfältig zwischen gut und bös unterscheiden und ernstlich darüber nachdenken muß, was und wem, wann und wie dies oder jenes passe, und weil er in nichts auf seinen eigenen Vorteil schauen darf, sondern sein Glück nur in dem Glück der Nebenmenschen sehen soll. Darum heißt es dort weiter: „Und lege in das Brustblatt des Urteils Lehre und Wahrheit, daß sie auf der Brust Aarons seien, wenn er hineingeht zu dem Herrn; und er trage das Urteil der Söhne Israels auf seiner Brust vor dem Angesicht des Herrn immerdar.“3 Der Priester muß nämlich das Urteil über die Söhne Israels vor Gott auf seiner Brust tragen, das heißt, er darf die Angelegenheiten seiner Untergebenen allein nur in dem Sinne des inneren Richters entscheiden, damit sich bei ihm nichts Menschliches in das Amt einmische, das er an Gottes Stelle ausübt, und damit nicht persönliche Gereiztheit etwaigen Tadel verschärfe. Und wenn er gegen Fehler anderer eifern muß, so bleibe er bei der Sache selbst, damit nicht versteckter Neid die Ruhe im Urteil störe oder ein jäher Zorn es trübe; man soll vielmehr im Hinblick auf die Furchtbarkeit des obersten Gerichtsherrn, des inneren Richters nämlich, die Untergebenen nicht ohne große Furcht regieren. Diese Furcht verdemütigt zwar die Seele des Hirten, aber sie hält sie auch frei von stolzer Selbstüberhebung, von der Befleckung durch fleischliche Lust oder von der Verfinsterung, welche irdische Gedanken und Begierden zur Unzeit hervorzurufen pflegen. Allerdings ist es unvermeidlich, daß auch Versuchungen an die Seele des Hirten herantreten, aber er muß sie schnell [S. 90] abweisen und überwinden, damit ihn nicht das Laster, das ihn als Anfechtung versucht, durch weichliche Ergötzung unterjoche. Denn wenn die Seele diese nur lässig bekämpft, wird sie von der Zustimmung wie von einem Dolche schon tödlich verwundet.

1: Is. 52, 11.
2: In den nachfolgenden Ausführungen lehnt sich Gregor eng an den lateinischen Ausdruck rationale iudicii für das Urim und Thummim an. Exod. 28, 15.
3: Exod. 28, 30.

 

 

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Einleitung zu Gregor dem Grossen
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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