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Gregor der Grosse († 604) - Buch der Pastoralregel (Liber regulae pastoralis)
Erster Teil

IX. Kapitel: Diejenigen, die das Hirtenamt anstreben, schmeicheln sich oft in ihrem Innern, gute Werke vollbringen zu wollen

Aber meistens nehmen sich diejenigen, die nach dem Hirtenamte Verlangen tragen, wirklich noch viele gute Werke in ihrem Herzen vor; und obgleich sie in stolzer Absicht nach dem Amte streben, befassen sie sich doch im Geiste mit großen Plänen; und es tritt der Fall ein, daß die eigentliche Absicht sich ganz in der Tiefe verbirgt, die großen Pläne sich aber an der Oberfläche zeigen. Denn oft täuscht sich der Geist über sich selbst und bildet sich ein, ein gutes Werk zu lieben, das er in Wirklichkeit nicht liebt, und die Ehre vor der Welt nicht zu lieben, während er sie doch in Wirklichkeit liebt. Die herrschsüchtige Seele ist zaghaft, solange sie noch nach der Herrschaft strebt; hat sie dieselbe aber [S. 79] erreicht, dann ist sie keck. Solange sie noch darnach strebt, muß sie befürchten, sie könnte das Ziel verfehlen; hat sie dieselbe aber einmal erreicht, so sieht sie darin ein ihr zustehendes Recht. Sie beginnt die erlangte Vorsteherwürde nach Weise dieser Welt zu genießen und vergißt leicht, worauf sie früher gottesfürchtig gesonnen. Deshalb ist es notwendig, daß das Geistesauge, wenn die Gedanken auf Abwege geraten, sich schnell die Vergangenheit ins Gedächtnis rufe und jeder sein Verhalten als Untergebener erwäge, dann wird er bald erkennen, ob er als Vorgesetzter seine guten Vorsätze halten könne; denn niemand kann in hoher Stellung Demut lernen, der in niedriger Stellung den Stolz nicht abgelegt hat; der versteht nicht den Lobeserhebungen auszuweichen, der darnach dürstete, wenn er sie entbehren mußte. Wer für sich an seinem Einkommen nicht genug hatte, der kann den Geiz nicht überwinden, sobald er für den Unterhalt vieler zu sorgen hat. Im Spiegel des vergangenen Lebens soll sich also jeder selbst erkennen, damit ihn nicht bei seinem Verlangen nach der Vorsteherwürde ein Trugbild täusche. Es geht ja sogar beim Antritt eines Amtes sehr häufig jene Übung im Guten verloren, die man in der Zeit der Ruhe besaß; denn bei ruhigem Meere kann auch ein Unerfahrener das Schiff mit Sicherheit leiten, während im Toben des Sturmes auch der erfahrene Schiffer in Verwirrung gerät. Was aber ist die Vorstehergewalt anderes als ein Sturm in der Seele? Da wird das Herzensschiff beständig von Gedankenstürmen gepeitscht und unaufhörlich bald hierhin, bald dorthin getrieben, bis es schließlich an unbedachten Verstößen in Wort und Werk wie an Klippen zerschellt. Wenn dem so ist, was könnte man sonst für eine Regel aufstellen und befolgen als die, daß der Tugendhafte nur gezwungen zum Hirtenamt sich entschließen, der Tugendarme aber sich nicht einmal durch Zwang zu seiner Annahme [S. 80] bewegen lassen soll? Wenn sich aber jener unter allen Umständen weigert, das empfangene Talent in ein Schweißtuch binden und vergraben will,1 so denke er mit Bangen an die Verantwortung; denn die empfangene Gabe in trägem Nichtstun verbergen, das heißt soviel als das Talent in ein Schweißtuch binden. Der andere hingegen, der ein Hirtenamt anstrebt, sehe wohl zu, daß er nicht durch sein böses Beispiel denen zum Hindernis gereiche, die ins Himmelreich eingehen wollen, und es mache wie die Pharisäer, die nach dem Worte des göttlichen Meisters weder selbst hineingehen noch andere hineingehen lassen.2 Auch muß er bedenken, daß einer, wenn er zum Vorsteher erwählt wird und die Sache des Volkes auf sich nimmt, gleichsam wie der Arzt zum Kranken kommt. Wenn also noch die Leidenschaften in ihm herrschen, welche Anmaßung ist es von ihm, zur Heilung des Verwundeten herzuzueilen, während er selbst die Wunde im Antlitz trägt?

1: Matth. 25, 18.
2: Ebd. 23, 13.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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