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Gregor der Grosse († 604) - Buch der Pastoralregel (Liber regulae pastoralis)
Erster Teil

VII. Kapitel: Es kommt vor, daß einige das Predigtamt lobenswerter Weise anstreben und daß andere ebenso lobenswerter Weise dazu gezwungen werden müssen

Gleichwohl kommt es vor, daß einige lobenswerter Weise das Predigtamt anstreben, während andere gleichfalls lobenswerter Weise dazu gezwungen werden müssen. Dies erkennen wir deutlich, wenn wir das Verhalten zweier Propheten erwägen, von denen der eine sich freiwillig zur Übernahme des Predigtamtes anbot, während der andere mit Zagen sich dagegen sträubte. Als nämlich der Herr den Isaias fragte, wen er senden solle, bot sich dieser aus freien Stücken an mit den Worten: „Sieh, hier bin ich, sende mich!“1 Als aber Jeremias gesandt wird, sträubt er sich demütig gegen die Sendung, indem er sagt: „Ah, ah, ah, Herr und Gott! siehe, ich kann nicht reden, denn ich bin ein Kind!“2 Sieh, wie die Antworten beider äußerlich verschieden sind; und doch kommen sie aus ein und derselben Quelle, nämlich der Liebe. Denn es gibt zwei Gebote der Liebe, das der Gottes- und das der Nächstenliebe. In dem Verlangen, durch ein tätiges Leben dem Nächsten zu nützen, begehrte Isaias das Predigtamt; Jeremias aber wollte in einem beschaulichen Leben sich ganz der Liebe zum Schöpfer weihen und lehnte deshalb die Berufung zum Predigtamte ab. Was also der eine in lobenswerter Weise begehrte, davor schrak der andere in ebenso lobenswerter Weise zurück. Dieser wollte durch das Predigen nicht den Gewinn stiller Betrachtung verlieren, jener durch Schweigen nicht den Verlust einer eifrigen Wirksamkeit auf sich nehmen. Das aber muß man bei beiden gar wohl in Betracht ziehen, daß der, welcher sich weigerte, nicht durchaus auf seinem Widerstand beharrte, und daß der, welcher gesandt sein wollte, an [S. 76] sich zuerst eine Reinigung mit einer Kohle vom Altar vornehmen sah, damit nicht ein Unreiner dem heiligen Dienst sich nahe oder einer, den die Gnade Gottes auserwählt hat, unter dem Schein der Demut sich hochmütig widersetze. Da es aber eine sehr schwierige Sache ist, sich selbst als gereinigt zu erkennen, ist es sicherer, dem Predigtamte auszuweichen; man darf aber nicht, wie wir sagten, hartnäckig auf seiner Weigerung bestehen, wenn man erkennt, daß die Übernahme des Amtes im Willen Gottes gelegen ist. Beides hat Moses in bewunderungswürdiger Weise beobachtet, als er nicht Führer eines so großen Volkes werden wollte und doch gehorchte. Es wäre vielleicht stolz von ihm gewesen, wenn er ohne Zaudern die Führerschaft über ein unzählbares Volk angenommen hätte; und Stolz wäre es auch gewesen, wenn er dem Befehle des Schöpfers nicht hätte gehorchen wollen. In beiden Beziehungen war er demütig, in beiden unterwürfig und wollte in richtiger Selbsteinschätzung die Führung über das Volk nicht übernehmen, willigte aber ein im Vertrauen auf die Kraft dessen, der ihm den Auftrag gab. Daraus also, ja daraus sollen alle die Voreiligen erkennen, welche Schuld sie auf sich laden, wenn sie ohne Bedenken nur dem eigenen Gelüste folgend das Vorsteheramt über andere übernehmen, da doch heilige Männer die Führung eines Volkes, selbst wenn Gott es befahl, nur mit Furcht auf sich nahmen. Ein Moses zittert, obwohl der Herr ihn beauftragt, und der nächste beste Schwächling strebt nach Ehrenstellen! Wer schon durch eigene Last dem Falle nahe ist, nimmt noch bereitwillig fremde Last auf sich, die ihn erdrücken muß; er kann seine eigenen Taten nicht tragen und vermehrt noch seine Bürde! [S. 77]

1: Is. 6, 8.
2: Jer. 1, 6.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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