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Gregor der Grosse († 604) - Buch der Pastoralregel (Liber regulae pastoralis)
Erster Teil

III. Kapitel: Von der Last des Hirtenamtes und daß man alle Widerwärtigkeiten gering schätzen, das Glück dagegen fürchten müsse

Wir wollten dies nur kurz erwähnen, um die ganze Größe der Last des Hirtenamtes zu zeigen, damit kein Unfähiger es wage, das heilige Führeramt zu verunehren, und in dem Bestreben, eine hohe Stelle einzunehmen, ein Führer zum Abgrund werde. Davor warnt Jakobus mit väterlichen Worten, indem er sagt: „Meine Brüder, es sollen doch nicht so viele aus euch Lehrer werden wollen!“1 Wollte doch selbst der Mittler zwischen Gott und den Menschen, dessen Wissen das der himmlischen Geister und allen Begriff übersteigt, und der von Ewigkeit her im Himmel herrschet, auf Erden sich nicht zum König machen lassen. Es steht nämlich geschrieben: „Als aber Jesus erkannte, daß sie kommen und ihn mit Gewalt nehmen würden, um ihn zum Könige zu machen, floh er abermals auf den Berg, er allein.“2 Wer hätte so ohne alle Schuld über die Menschen herrschen können wie er, der über seine eigenen Geschöpfe regiert hätte? Aber weil er im Fleische gekommen war, nicht nur um uns durch sein Leiden zu erlösen, sondern auch um uns durch seinen Wandel zu belehren, wollte er seinen Jüngern ein Beispiel geben, nicht indem er sich zum König machen ließ, sondern indem er freiwillig das Holz des Kreuzes wählte; er schlug die Herrscherwürde aus und erkor die schmachvolle Todesstrafe, damit seine Glieder lernen möchten, die Weltgunst zu fliehen, kein [S. 69] Schrecknis zu scheuen, um der Wahrheit willen Leid zu ertragen, vor dem Glück aber sich zu fürchten; denn dieses befleckt das Herz gar oft mit Hochmut, während jenes es durch Schmerzen reinigt; bei diesem will die Seele sich groß machen, bei jenem aber wird sie, auch wenn sie sich schon groß gedünkt, wieder demütig; bei diesem vergißt sich der Mensch, bei jenem aber muß er an sich denken, wenn auch wider Willen und gezwungen. Bei diesem geht häufig sogar früher erworbenes Verdienst verloren, jenes aber tilgt auch Fehler, die schon vor langer Zeit begangen wurden. Gar oft muß das Herz bei dem Unglück in die Schule gehen; kommt es aber zur Höhe einer leitenden Stelle empor, so wendet es sich schnell zur Selbstüberhebung, da es von allen Seiten Ehrenbezeugungen empfängt. Das war der Fall bei Saul; zuerst hielt er sich für unwürdig und ergriff die Flucht; sobald er aber einmal die Zügel der Regierung in Händen hatte, wurde er übermütig; er verlangte Ehrenbezeugungen von dem Volke, während er sich keine öffentliche Zurechtweisung gefallen ließ, und entfernte sogar denjenigen aus seiner Nähe, der ihn zum Könige gesalbt hatte.3 Ebenso war es bei David. Er, der den Augen des Herrn fast in allen seinen Handlungen wohlgefiel, geriet, sobald er die Last der Leiden entbehrte, in krankhaften Hochmut und zeigte in der Ermordung eines Mannes grausame Härte, nachdem er in der Begierde nach einem Weibe entnervte Schwäche bewiesen hatte; früher wußte er selbst gegen Böse gnädig zu sein; nachher aber lernte er auch nach dem Tode Guter zu lechzen, ohne sich davon abhalten zu lassen. Früher nämlich wollte er seinen Verfolger nicht töten, obwohl er ihn in Händen hatte; später aber ließ er einen ihm ergebenen Krieger töten, mochte dabei auch sein Heer trotz aller Anstrengung geschlagen werden.4 Gewiß hätte ihn diese Schuld weit von der Zahl der Aus- [S. 70] erwählten weggerissen, hätte ihm nicht die strafende Geißel wieder Verzeihung erlangt.

1: Jak. 3, 1.
2: Joh. 6, 15.
3: 1 Kön. 15, 30. 35.
4: 2 Kön. 11, 2 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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