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Gregor der Grosse († 604) - Buch der Pastoralregel (Liber regulae pastoralis)
Erster Teil

XI. Kapitel: Wie derjenige nicht beschaffen sein darf, der das Hirtenamt übernimmt

Es muß sich also ein jeder ernstlich prüfen, damit er nicht das Hirtenamt zu übernehmen wage, wenn in ihm noch verdammungswürdigerweise das Laster herrscht; denn sonst würde der für die Schuld anderer vermitteln wollen, den seine eigene Sünde verunstaltet. Darum sprach die Stimme Gottes zu Moses: „Sage zu Aaron: Ein Mann von deinem Samen in den Geschlechtern, der einen Leibesfehler hat, soll seinem Gotte die Opfergaben nicht darbringen und nicht hinzutreten zu seinem Dienste.“1 Und unmittelbar darauf heißt es an derselben Stelle: „Wenn er blind ist oder lahm, eine zu kleine oder zu große oder gekrümmte Nase hat, einen gebrochenen Fuß oder eine gebrochene Hand, wenn er höckerig oder triefäugig ist, wenn er einen weißen Fleck im Auge, wenn er beständig Ausschlag, Flechten am Leibe oder einen Bruch hat.“2

Blind ist nämlich, wer das Licht der Betrachtung göttlicher Dinge nicht kennt, wer, bedeckt von der Finsternis des gegenwärtigen Lebens, das zukünftige Licht nicht sieht und nicht liebt und darum nicht weiß, wohin er seine Lebensschritte lenken soll. Deshalb weissagt Anna: „Er wird behüten die Füße seiner Heiligen, und die Gottlosen werden verstummen in der Finsternis.“3

Lahm ist, wer zwar sieht, wohin er gehen sollte, aber aus seelischer Schwäche den Weg des Lebens, den er doch sieht, nicht vollkommen einzuhalten vermag; denn wie sich eine weichliche Gewohnheit nicht zur stand- [S. 83] haften Tugend erhebt, so bleiben die Schritte im tätigen Leben hinter dem Verlangen zurück. Darum sagt Paulus: „Richtet wieder auf die erschlafften Hände und die wankenden Knie und machet gerade Schritte mit euren Füßen, damit nicht jemand hinke und ausgleite, sondern vielmehr geheilt werde.“4

Eine zu kleine Nase hat, wer keine richtige Beurteilungsgabe besitzt, denn durch die Nase unterscheiden wir guten und schlechten Geruch. Mit Recht bedeutet also die Nase das Unterscheidungsvermögen, vermöge dessen wir entweder die Tugend wählen oder das Laster von uns weisen. Deshalb heißt es im Hohen Liede zum Lobe der Braut: „Deine Nase ist wie der Turm auf dem Libanon“,5 weil die heilige Kirche genau überschaut, welche Versuchungen aus den einzelnen Ursachen entstehen, und wie von einem erhöhten Standpunkt aus den Krieg der Laster herannahen sieht.

Es gibt aber auch einige, die sich, um nicht als stumpfsinnig zu gelten, mehr als notwendig in allerlei Untersuchungen ergehen und durch ihre allzu große Peinlichkeit in Irrtum geraten. Darum ist beigefügt: „wer eine zu große oder gekrümmte Nase hat“. Eine zu große oder gekrümmte Nase bedeutet nämlich die übertriebene Peinlichkeit bei Beurteilung einer Sache; wenn diese nämlich gar zu groß wird, verdirbt sie unbefangene Geradheit im Handeln.

Einen gebrochenen Fuß oder eine gebrochene Hand hat, wer auf dem Wege Gottes überhaupt nicht zu gehen vermag und aller guten Werke von Grund aus bar ist; denn dieser hinkt nicht einmal wie ein Kranker auf dem Wege des Guten dahin, er kennt ihn vielmehr gar nicht.

Einen Höcker hat der, den die Last irdischer Sorgen darniederbeugt, so daß er niemals zum Himmel aufblicken kann, sondern immer nur auf den Boden schauen muß. Wenn dieser auch bisweilen etwas von dem Glück [S. 84] der himmlischen Heimat hört, so richtet er doch sein Herz nicht dorthin empor, weil er mit der Last einer bösen Gewohnheit beladen ist; denn der vermag seine Gedanken nicht auf Höheres zu richten, den beständig irdische Sorgen niederdrücken. Diesen gilt das Wort des Psalmisten: „Gekrümmt und erniedrigt bin ich gar sehr.“6 Auch die ewige Wahrheit selbst verurteilt diese Sünde, wenn sie sagt: „Der Samen aber, der unter die Dornen fiel, das sind die, welche das Wort gehört haben, aber dann hingehen und es in den Sorgen, Reichtümern und Wollüsten des Lebens ersticken und keine Frucht bringen.“7

Triefäugig aber ist der, dessen Verstand sich zwar auszeichnet, wenn es sich um Erfassung der Wahrheit handelt, aber durch die Werke des Fleisches verdunkelt wird. Bei Triefaugen sind nämlich wohl die Pupillen gesund, aber die Augenlider werden durch das beständige Tränen dick und krank; und da sie durch dieses beständige Triefen oft ganz zerstört werden, muß auch die Sehkraft der Pupille in Mitleidenschaft gezogen werden. In ähnlicher Weise hat bei einigen der fleischliche Lebenswandel das Gewissen mit Wunden geschlagen; sie könnten dem Verstande nach recht wohl das Richtige erkennen, aber sie sind infolge ihrer bösen Handlungen vollständiger Dunkelheit anheimgefallen. Triefäugig also ist, wer von Natur aus scharfsinnig, aber durch verkehrten Wandel abgestumpft ist. Treffend spricht zu einem solchen der Engel: „Salbe deine Augen mit Augensalbe, damit du sehest!“8 Wir salben nämlich unsere Augen mit Salbe, um zu sehen, wenn wir, um die Klarheit des wahren Lichtes zu erkennen, unserer Verstandesschärfe durch das Heilmittel der Tugendübung zu Hilfe kommen.

Einen weißen Fleck im Auge hat, wer deshalb das Licht der Wahrheit nicht zu schauen vermag, weil ihn [S. 85] der Stolz auf seine eigene Weisheit oder Gerechtigkeit blendet. Denn die Pupille sieht, solange sie schwarz ist; leidet sie aber an einem weißen Fleck, so sieht sie nichts; auf ähnliche Art kommt der Mensch zur Erkenntnis des inneren Lichtes, wenn er seine eigene Torheit und Sündhaftigkeit erkennt. Wenn er aber sich selbst den Glanz der Weisheit und der Gerechtigkeit zuschreibt, schließt er sich von dem Lichte höherer Erkenntnis aus und kann gerade deshalb nicht die Klarheit des wahren Lichtes schauen, weil er in Anmaßung sich selbst erhebt. Darum gilt von einigen das Wort: „Sie gaben sich für Weise aus, sind aber zu Toren geworden.“9

Beständigen Ausschlag hat derjenige, über den die Zügellosigkeit des Fleisches unaufhörlich herrscht. Beim Ausschlag tritt nämlich die innere Hitze bis an die Haut hervor, und dies kann als ein passendes Bild der Unkeuschheit gelten. Denn wenn die innere Versuchung zur äußeren Tat wird, so wird die innere Hitze zum Ausschlag an der Haut und verunreinigt den Körper. Wird nämlich die böse Lust nicht schon im Gedanken erstickt, so gewinnt sie die Herrschaft auch im Werke. Darum wollte Paulus gleichsam den Hautausschlag heilen, wenn er sagte: „Keine Versuchung möge über euch kommen, außer eine menschliche;“10 er wollte damit ausdrücken: menschlich ist es, Versuchungen zu empfinden, teuflisch aber ist es, sich von der Versuchung überwinden zu lassen und zu sündigen.

Flechten am Leibe hat derjenige, dessen Seele dem Geize verfallen ist. Werden die Flechten nicht beseitigt, solange sie noch unbedeutend sind, so breiten sie sich maßlos aus; sie überziehen den Körper, ohne zu schmerzen, entwickeln sich, ohne daß man Beschwerden empfindet, und entstellen die Glieder. Gerade so verhält es sich mit dem Geiz. Er bedeckt die Seele desjenigen, den er befallen hat, mit Geschwüren, während er ihr scheinbar wohltut; er stiftet Feindschaften, wäh- [S. 86] rend er ihr alles Begehrenswerte vorspiegelt, läßt aber dennoch darüber die Seele keinen Schmerz verspüren, indem er ihr in ihrer leidenschaftlichen Erregung den Gewinn von der Sünde verspricht. Aber die Schönheit der Glieder geht dahin, weil durch diesen Fehler auch andere schöne Tugenden verloren werden; ja er macht gleichsam den ganzen Körper rauh, weil er alle nur möglichen Laster zu Hilfe nimmt, um die Seele zu Fall zu bringen, wie Paulus es sagt mit den Worten: „Die Wurzel aller Übel ist die Habsucht.“11

Einen Bruch endlich hat, wer zwar keine schändlichen Handlungen begeht, aber durch das ununterbrochene Denken an solche Dinge seinen Geist, ohne sich selbst beherrschen zu können, beschwert; wer sich zwar nicht zu schändlichen Werken fortreißen läßt, aber ohne Widerstand sich mit Wohlgefallen in unlauteren Gedanken aufhält. Das Übel eines Bruches besteht nämlich darin, daß innere Säfte in die männlichen Teile hinabgleiten und dieselben in lästiger und häßlicher Weise auftreiben. An einem Bruch leidet also, wer mit allen seinen Gedanken der Unlauterkeit nachhängt und so eine schmachvolle Last im Herzen trägt. Obwohl es nicht zu bösen Taten kommt, reißt er sich doch im Geiste nicht davon los; auch kann er sich nicht zur Vollbringung eines offenkundlichen guten Werkes aufschwingen, weil ihn im geheimen eine so beschämende Last darniederdrückt.

Wer also mit einem der genannten Fehler behaftet ist, dem ist es verwehrt, dem Herrn die Brote zu opfern; denn er ist durchaus nicht imstande, die Sünden anderer zu tilgen, da ihn seine eigenen noch verunstalten. Nachdem wir nun kurz gezeigt haben, wie beschaffen einer sein muß, der würdig das Hirtenamt antreten will, und wie sehr ein Unwürdiger davor zurückschrecken soll, wollen wir nun darlegen, wie derjenige in dem Amte leben soll, der würdig dazu gelangt ist. [S. 87]

1: Lev. 21, 17 f.
2: Ebd. 21, 18—20.
3: 1 Kön. 2, 9.
4: Hebr. 12, 12 f.
5: Hohel. 7, 4.
6: Ps. 38, 8 (nach der Septuaginta).
7: Luk. 8, 14.
8: Offenb. 3, 18.
9: Röm. 1, 22.
10: 1 Kor. 10, 13.
11: 1 Tim. 6, 10.

 

 

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