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Gregor der Grosse († 604) - Buch der Pastoralregel (Liber regulae pastoralis)
Erster Teil

X. Kapitel: Wie beschaffen ein jeder sein soll, der ein Hirtenamt übernimmt

Dieser nun muß in allen Stücken ein gutes Vorbild werden, indem er, allen Leidenschaften des Fleisches abgestorben, ein geistliches Leben führt, das Glück der Welt hintansetzt, vor keiner Widerwärtigkeit zurückschreckt und sein Verlangen nur aufs Innerliche richtet. Seinem reinen Willen stehen zu Diensten Körper und Geist; jener darf nicht zu schwächlich sein, dieser nicht schimpflich. Er läßt sich nicht zur Begier nach fremdem Gut verleiten, sondern gibt das seinige her. Mitleidsvoll ist er schnell zum Verzeihen bereit, läßt sich aber nie durch zu leichtes Verzeihen von der Höhe seiner Grundsätze herabziehen. Er tut nichts Unerlaub- [S. 81] tes, weint aber wie über eigene Schuld, wenn andere solches tun. Er hat herzliches Mitleid mit fremdem Elend und freut sich, wenn es dem Nächsten wohlergeht, wie über sein eigenes Glück. In allem, was er tut, erweist er sich so sehr als Vorbild für alle andern, daß er vor niemandem, auch nicht wegen seiner Vergangenheit, zu erröten braucht. Er bemüht sich so zu leben, daß er auch die trockenen Herzen seiner Mitmenschen durch die Ströme seiner Belehrung zu bewässern vermag. Durch Übung und Erfahrung im Gebete hat er schon erkannt, daß er vom Herrn alles erlangen könne, um was er bittet, da ihm durch den Erfolg gleichsam eigens bedeutet wird: „Noch während du redest, werde ich sprechen: Siehe, ich bin da!“1 Denn wenn z. B. jemand zu uns kommt, um uns als Vermittler mitzunehmen einem mächtigen Herrn gegenüber, der gegen ihn erzürnt ist, den wir aber nicht näher kennen, so sagen wir sofort: „Wir können die Vermittlung nicht auf uns nehmen, weil wir nicht näher mit ihm bekannt sind.“ Wenn also ein Mensch sich scheut, bei einem andern Menschen, obschon er ihn nicht beleidigt hat, als Vermittler aufzutreten, wie kann einer sich als Vermittler des Volkes Gott gegenüber aufdrängen, der sich auf Grund seiner Verdienste einer Freundschaft mit Gott nicht bewußt ist? Oder wie kann der von Gott Verzeihung für andere erlangen, der selbst nicht weiß, ob er mit ihm ausgesöhnt ist? Und dabei ist etwas anderes noch mehr zu befürchten, daß nämlich gerade der den Zorn Gottes durch seine eigenen Sünden verschulde, von dem man annahm, er könne ihn besänftigen. Denn wir wissen alle ganz gut, daß das Gemüt eines Erzürnten noch mehr erbittert wird, wenn man einen, der ihm mißfällig ist, als Fürsprecher sendet. Wer also noch in den Banden irdischer Begierden gefangen liegt, der hüte sich, den Zorn des ge- [S. 82] strengen Richters noch mehr zu reizen und etwa aus Freude an dem ehrenvollen Amte seinen Untergebenen Anlaß zum Verderben zu werden!

1: Is. 58, 9.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger