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Eusebius von Cäsarea († um 340) - Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica)
Erstes Buch

6. Kap. Zu seiner Zeit hatten gemäß den Prophezeiungen die Führer des jüdischen Volkes, welche bis dahin aus einheimischem Geschlechte stammten, die Herrschaft verloren, und Herodes erhielt als erster Fremder die Regierung.

[S. 35] 6. Damals als Herodes als erster Ausländer die Herrschaft über das jüdische Volk erhielt erfüllte sich die Prophezeiung des Moses: „Nicht wird es fehlen an einem Herrscher aus Juda noch an einem Führer aus seinen Lenden, bis der kommt, dem es vorbehalten ist“1 und den Moses auch die Erwartung der Heiden nennt. Die Weissagung blieb unerfüllt, solange die Juden unter einem eigenen Volksführer leben konnten, nämlich von Moses bis zur Herrschaft des Augustus. Unter diesem wurde Herodes als erster Fremdling von den Römern mit der Herrschaft über die Juden betraut. Er war, wie Josephus überliefert,2 von väterlicher Seite Idumäer, von mütterlicher Seite Araber. Nach Afrikanus,3 einem nicht unbedeutenden Schriftsteller, behaupten solche, die gut über ihn informiert sind, daß Antipater, sein Vater, der Sohn eines gewissen Herodes aus Askalon gewesen sei und daß dieser letztere zu den Tempeldienern des Apollo gehört habe. Antipater wurde als Kind von idumäischen Räubern gestohlen und blieb bei ihnen, da sein Vater zu arm war, um ihn loskaufen zu können. Er wurde in ihren Bräuchen erzogen und trat später in freundschaftliche Beziehung zu dem jüdischen Hohenpriester Hyrkanus.4 Der Sohn des Antipater war [S. 36] der zur Zeit unseres Erlösers lebende Herodes. Als das Reich der Juden auf diesen Mann überging, war nunmehr gemäß der Prophezeiung die Erwartung der Heiden nahe; denn mit Herodes hörten die jüdischen Herrscher und Führer auf, welche von Moses ab ununterbrochen regiert hatten. Vor der Gefangenschaft der Juden und ihrem Abtransport nach Babylon hatten die Juden zunächst Saul und David als Könige. Vor den Königen regierten Herrscher, welche man Richter nannte und welche nach Moses und dessen Nachfolger Josue die Führung übernommen hatten. Nach der Rückkehr aus Babylon hatten die Juden, sofern Priester an der Spitze standen, ununterbrochen eine aristokratisch-oligarchische Verfassung, und zwar bis der römische Feldherr Pompeius erschien, Jerusalem mit Gewalt eroberte und durch Betreten des Allerheiligsten den Tempel entweihte5 und bis er den Aristobulus, welcher bis dahin als Glied einer alten Herrscherreihe König und Hoherpriester zugleich war, mit seinen Kindern gefangen nach Rom schickte, dessen Bruder Hyrkanus die hohepriesterliche Würde übertrug und das ganze jüdische Volk nunmehr den Römern tributpflichtig machte. Bald nachdem Hyrkanus, der letzte in der ununterbrochenen Reihe der Hohenpriester, in die Gefangenschaft der Parther geraten war, erhielt zum ersten Male, wie gesagt, ein Ausländer, nämlich Herodes, die Herrschaft über das jüdische Volk, und zwar aus der Hand des römischen Senates und des Kaisers Augustus.6 Unter ihm erfolgte tatsächlich die Erscheinung Christi und der Prophezeiung gemäß die erwartete Erlösung und Berufung der Heiden. Seitdem nun die aus Juda stammenden Fürsten und Führer, ich meine die, welche aus dem jüdischen Volke hervorgingen, aufgehört hatten, da war es natürlich [S. 37] sofort mit der Bedeutung der hohenpriesterlichen Würde vorbei, welche von den Ahnen ab regelmäßig auf die nächsten Nachfolger im Geschlechte übergegangen war. Auch hierfür ist Josephus maßgebender Zeuge. Er berichtet: „Sobald Herodes von den Römern mit der Herrschaft betraut worden war, stellte er nicht mehr Hohepriester aus dem alten Geschlechte auf, sondern verlieh diese Würde unbekannten Männern; ähnlich wie Herodes verfuhr bei Anstellung der Priester auch sein Sohn Archelaus und nach diesem die die Herrschaft über die Juden an sich reißenden Römer.“7 Josephus erzählt auch: „Herodes verschloß zuerst das heilige Gewand des Hohenpriesters und versiegelte den Verschluß mit seinem eigenen Siegel und gestattete den Hohenpriestern nicht mehr, dasselbe bei sich zu behalten. Sein Nachfolger Archelaus und nach diesem die Römer handelten in gleicher Weise.“8 Noch eine andere Prophezeiung hat sich mit dem Erscheinen unseres Heilandes Jesus Christus erfüllt. Um dies zu zeigen, möchten wir noch folgendes erwähnen. Ausdrücklich und aufs bestimmteste nennt die Schrift im Buche Daniel die Zahl der sog. Jahreswochen bis zum Führer Jesus, worüber wir uns an anderen Stellen ausgesprochen haben,9 und prophezeit, daß nach ihrem Ablauf der bei den Juden üblichen Salbung ein Ende bereitet werde.10 Klar hat sich gezeigt, daß diese Weissagung zur Zeit der Geburt unseres Heilandes Jesus Christus sich erfüllt hat.

Um der Chronologie willen mußten wir diese Ausführungen vorausschicken.

1: Gen. 49, 10.
2: Altert. 14, 8. 121; Jüd. Krieg 1, 123. 181.
3: Vgl. unten I 7.
4: Über Antipater und dessen Vater berichtet dagegen Josephus, Altert. 14, 8—10: „Hyrkanus hatte einen Freund, namens Antipater, einen Idumäer von Geburt, der bei großem Reichtum viel Kühnheit und Verwegenheit besaß. Zwar nennt ihn Nikolaus von Damaskus einen Abkömmling der erst von Babylon heimgekehrten Juden; damit will er jedoch nur dessen Sohne Herodes, der durch irgendein Geschick König wurde, einen Gefallen erweisen. Antipater hieß zuerst Antipas und sein Vater Antipater. Letzterer war von König Alexander und dessen Gemahlin zum Statthalter von Idumäa bestellt worden und soll mit den ihm gleichgesinnten Arabern und den Bewohnern von Gaza und Askalon ein Bündnis eingegangen haben.“
5: Herbst 63 v. Chr.
6: 240 v. Chr.
7: Altert. 20, 247. 249; vgl. Eusebius, Evgl. Beweisführung 8, 2, 93. 94.
8: Altert. 18, 92. 93; vgl. Evgl. Beweisf. 8, 2, 95.
9: Evgl. Beweisf. 8, 2, 55-129; Prophet. Blütenlese 153, 12—165, 7.
10: Dan. 9, 24—27.

 

 

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Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Kirchengeschichte des Eusebius

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