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Eusebius von Cäsarea († um 340) - Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica)
Erstes Buch

3. Kap. Der Name Jesu und ebenso der Name Christus waren schon in alten Zeiten den ehrwürdigen Propheten bekannt und von ihnen in Ehren gehalten.

3. Nun soll gezeigt werden, daß auch die Namen Jesus und Christus schon bei den alten, von Gott geliebten Propheten in Ehren standen. Moses hatte zuerst die erhabene Würde und den Ruhm, der im Namen Christus tatsächlich gelegen ist, erkannt. Denn als er gemäß dem Auftrage: „Siehe, alles sollst du fertigen nach dem Vorbilde, das dir auf dem Berge gezeigt wurde“,1 Typen [S. 26] himmlischer Dinge und Symbole und geheimnisvolle Vorbilder angeordnet hatte, bestimmte er den tauglichsten Mann zum Hohenpriester und nannte ihn Christus.2 Der hohenpriesterlichen Würde, welche nach seiner Anschauung jeden menschlichen Rang übertraf, legte er zu ihrer Ehre und Verherrlichung den Namen Christus bei. Er wußte also, daß Christus etwas unendlich Erhabenes bedeutet. Vom göttlichen Geiste erleuchtet, kannte Moses auch bereits genau den Namen Jesus und benützte auch ihn zur Auszeichnung. Ehe derselbe dem Moses mitgeteilt wurde, war er unter den Menschen nicht gebräuchlich. Moses aber gab den Namen Jesus (Josue) zuerst und allein demjenigen, von dem er wußte, daß er nach seinem Tode als Vorbild und Hinweis (auf Jesus) die Führung über alle übernehmen werde.3 Seinem Nachfolger, der früher noch nicht den Namen Jesus hatte, sondern Osee hieß, wie ihn seine Eltern genannt hatten, gab er den Namen Jesus als kostbares Ehrengeschenk, welches viel wertvoller ist als alle königlichen Diademe. Er tat es, weil eben Jesus, der Sohn des Nave, unseren Erlöser vorbildete, welcher allein nach Moses und nach dem Aufhören des von diesem angeordneten symbolischen Gottesdienstes in die Herrschaft der wahren und reinsten Gottesverehrung eintrat. Moses legte also den beiden Männern, welche sich unter ihm durch Tugend und Ruhm vor dem ganzen Volke hervortaten, nämlich dem Hohenpriester und seinem eigenen Nachfolger, den Namen unseres Erlösers Jesus Christus zur höchsten Ehrung bei. Deutlich und unter Namensnennung verkündeten auch die späteren Propheten Christus und sagten zugleich die Auflehnung des jüdischen Volkes und die Berufung der Heidenvölker voraus. Jeremias erklärte einmal: ,,Der Geist vor uns, Christus, der Herr, wurde wegen ihrer Sünden gefangen, er, von dem wir sagten: In seinem Schatten werden wir leben unter den Heiden.“4 Und aus der Not [S. 27] heraus ruft David: „Warum toben die Heiden und sinnen die Völker Eitles? Die Könige der Erde haben sich erhoben, und die Fürsten haben sich geeint wider den Herrn und seinen Christus“.5 Hierzu fügte er sodann im Namen Christi selbst die Worte: „Der Herr sprach zu mir: Mein Sohn bist du, heute habe ich dich erzeugt. Verlange von mir, und ich werde dir die Heiden geben zum Erbe und als deinen Besitz die Grenzen der Erde.“6 Der Name Christus schmückte aber bei den Hebräern nicht nur die Hohenpriester, welche als Vorbilder mit besonders zubereitetem Öle gesalbt wurden, sondern auch die Könige, welche auf göttlichen Befehl von den Propheten ebenfalls gesalbt wurden, um sie zu Vorbildern Christi zu machen; denn sie waren ja Vorbilder der königlichen Herrschergewalt des einen und wahren Christus, des über alle regierenden göttlichen Logos. Nach der Überlieferung wurden aber auch einige von den Propheten selbst durch Salbung vorbildlich zu Christussen. Sie alle (die Hohenpriester, Könige und Propheten) sind also Hinweise auf den wahren Christus, den göttlichen und himmlischen Logos, den alleinigen Hohenpriester für alle, den alleinigen König der ganzen Schöpfung und den alleinigen Führer der Propheten des Vaters. Daß sie nur vorbereiten sollten, ergibt sich daraus, daß noch keiner von denen, die seinerzeit vorbildlich gesalbt worden waren, kein Priester, kein König und auch kein Prophet, diese Kraft sittlicher Größe besaß, welche unser Erlöser und Herr Jesus, der einzige und wahre Christus, geoffenbart hat. Noch keiner von denen, welche sich durch zahlreiche Geschlechter infolge ihrer Würde und ihres Ansehens bei ihren Landsleuten ausgezeichnet hatten, konnte je seine Jünger deshalb, weil er für sie vorbildlich den Namen Christus trug, Christen nennen. Auch wurde keinem von ihnen von seiten der Untergebenen göttliche Ehre erwiesen. Auch fand keiner nach seinem [S. 28] Tode so begeisterte Liebe, daß man bereit gewesen wäre, für den geehrten Helden zu sterben. Auch rief keiner der damaligen Männer in allen Völkern des Erdkreises so starke Bewegung hervor; denn die Vorbilder hatten nicht die Kraft der gleichen Wirkung wie die in unserem Erlöser sich offenbarende Wahrheit. Wenn auch Jesus von niemandem die Symbole und Abzeichen der hohenpriesterlichen Würde empfing, seine leibliche Abstammung auf kein Priestergeschlecht zurückführte, nicht durch eine Leibwache zur Herrschaft gelangte, nicht nach Art der alten Propheten Prophet wurde und keinerlei Würden und Ämter bei den Juden innehatte, so war er doch vom Vater mit allem ausgezeichnet, allerdings nicht mit sinnlichen Zeichen, aber dafür mit der Wahrheit selbst. Wenn er auch nicht solche Vorzüge wie die erwähnten erhielt, so verdient er doch mehr als jene Männer den Titel Christus. Da er der einzige und wahre Christus Gottes ist, hat er die ganze Welt mit seinem wahrhaft ehrwürdigen und heiligen Namen, d. i. mit Christen, erfüllt; denn nicht mehr Typen und Vorbilder, sondern die Tugenden selbst und das himmlische Leben hat er mit den Lehren der Wahrheit seinen Anhängern geschenkt. Nicht eine materielle Salbung hatte er empfangen, sondern durch den göttlichen Geist die göttliche Salbung infolge seiner Teilnahme an der unerzeugten, väterlichen Gottheit. Dies lehrt Isaias, da er im Namen Christi selbst also ruft: „Der Geist des Herrn ist über mir, darum hat er mich gesalbt; er hat mich gesandt, den Armen frohe Botschaft zu bringen und den Gefangenen die Erlösung und den Blinden das Licht zu verkünden.“7 Nicht nur Isaias, auch David lehrt es, da er den Herrn also anredet: „Dein Thron, o Gott, ist für alle Ewigkeit. Das Szepter deiner Herrschaft ist ein Szepter der Gerechtigkeit, Du liebst das Recht und hassest das Unrecht. Deshalb hat dich, o Gott, dein Gott mit dem Öle der Freude gesalbt zur [S. 29] Auszeichnung vor deinen Genossen.“8 In diesen Wortenwird Jesus im ersten Verse Gott genannt, im zweiten Verse mit dem königlichen Szepter ausgezeichnet. Nach Erwähnung seiner göttlichen und königlichen Gewalt wird er im dritten Punkte folgerichtig als Christus hingestellt, der nicht mit materiellem Öle, sondern mit dem göttlichen Öle der Freude gesalbt wird, wodurch seine Vorzüglichkeit, seine hohe Erhabenheit und seine Auszeichnung gegenüber denen, die ehedem vorbildlich und körperlich gesalbt worden waren, dargetan wird. An anderer Stelle offenbart der gleiche David über Jesus; „Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege! … Aus dem Schoße vor Sonnenaufgang habe ich dich erzeugt. Der Herr hat geschworen, und nicht wird er es bereuen: Du bist der Priester ewiglich nach der Ordnung des Melchisedech.“9 Dieser Melchisedech tritt in der Heiligen Schrift als Priester des höchsten Gottes auf, ohne durch irdisches Öl dazu geweiht worden zu sein und ohne durch Abstammung Anspruch auf die hebräische Priesterweihe gehabt zu haben. Daher ist unser Erlöser eidlich als Christus und Priester nach der Ordnung des Melchisedech, nicht aber nach Ordnung derer bezeichnet, welche sinnliche Zeichen und Typen erhalten hatten. Darum berichtet die Geschichte nicht, daß Jesus bei den Juden gesalbt wurde, noch daß er von priesterlichem Geschlechte abstamme, sondern sagt, daß er von Gott selbst vor Sonnenaufgang, d. i. vor Erschaffung der Welt, ins Dasein getreten sei (οὐσιωμένoν) und daß er, nicht sterbend und nicht alternd, bis in die endlose Ewigkeit die Priesterwürde besitze. Ein deutlicher und schlagender Beweis für seine unkörperliche, göttliche Salbung ist, daß von allen, die bis jetzt aufgetreten sind, er allein bei allen Menschen der ganzen Welt Christus genannt und unter diesem Namen von allen bekannt und bezeugt und bei Griechen und Bar- [S. 30] baren erwähnt wird, daß er auch jetzt noch von seinen Anhängern auf dem ganzen Erdkreis als König geehrt, mehr als ein Prophet bewundert und als wahrer und einziger Hoherpriester Gottes gepriesen wird und daß er außer all dem als präexistierender und vor aller Zeit ins Dasein getretener Logos Gottes vom Vater geachtet und geehrt und als Gott angebetet wird. Das Allerwunderbarste aber ist, daß wir, die wir uns ihm geweiht haben, ihn nicht nur mit unserer Stimme und dem Schalle unserer Worte, sondern auch von ganzem Herzen ehren, so daß wir das Zeugnis für ihn höher achten als sogar unser eigenes Leben.

1: Exod. 25, 40.
2: Lev. 4, 5.16; 6, 2
3: Num. 13, 17.
4: Klagel. 4, 20.
5: Ps. 2, 1 f.
6: 2 Ebd. 2, 7 f.
7: Is. 61, 1; Luk. 4, 18 f.
8: Ps. 44, 7 f.
9: Ebd. 109, 1. 3 f.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Kirchengeschichte des Eusebius

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