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Gregor der Grosse († 604) - Ausgewählte Briefe

Achtes Buch. Briefe aus den Jahren 597–598

I. (2.) An den Patriarchen Anastasius von Antiochia.

Inhalt

I.
Gesammtausgabe 2.

[S. 401] An den Patriarchen Anastasius von Antiochia.

Inhalt: Trost im Leiden und Ermunterung zum kräftigen Kampfe gegen die Irrlehrer. Austausch von Liebeserweisungen.

Das Schreiben, welches ich von Eurer Liebe und Heiligkeit empfangen habe enthält mehr Tränen als Worte. Ich sah darin eine Wolke, die sich wie gewöhnlich zum Himmel erhebt, aber wie mit einem düstern Schleier bedeckt ist, den ich besonders im Anfange kaum zu lüften vermochte. Woher sie komme und wohin sie ziele, das konnte ich wegen des erwähnten Schleiers nicht vollständig erkennen Es geziemt sich aber für Eure Heiligkeit, Euch immer zu Gemüte zu führen, wie Ihr ja auch tut, was der Völkerlehrer spricht: In den letzten Tagen werden gefährliche Zeiten kommen, und es werden Menschen sein voll Eigenliebe, habsüchtig, prahlerisch u.s.w.“ 1Ich mag nicht alles anführen, und für Euch ist es auch nicht notwendig. Sehet, Eure Heiligkeit muss im heiligen Greisenalter noch viele Trübsale erdulden, aber erwäget, wessen Stuhl Ihr einnehmet. Ist es nicht der Stuhl Desjenigen, dem die ewige Wahrheit gesagt hat: „Wenn du alt sein wirst, wird ein anderer dich umgürten und dich hinführen, wohin du nicht willst."2 Hierbei [S. 402] fällt mit freilich ein, dass Eure Heiligkeit schon von Jugend an viele Widerwärtigkeiten durchgemacht hat. Sprechet also mit jenem guten Könige: „Gedenken will ich all' meiner Jahre in der Bitterkeit meiner Seele."3 Es gibt zwar viele, denen unsre Schmerzen Freude machen, aber wir wissen, wer gesprochen hat: „Ihr werdet klagen und weinen, die Welt wird sich freuen, ihr aber werdet Trübsal haben."4 Sogleich aber heißt es weiter: „Eure Trübsal aber wird in Freude verwandelt werden." Da wir nun leiden, was vorhergesagt wurde, so erübrigt uns, auch das Verheißene zu hoffen. Wenn Ihr saget, dass diejenigen die Last erschweren, welche sie erleichtern sollten, so weiß ich, dass dies jene sind, welche in Schafskleidern einhergehen, inwendig aber reißende Wölfe sind. Mit umso größerer Geduld aber muss man sie ertragen, weil sie uns nicht bloß in boshafter Gesinnung, sondern auch im heiligen Kleide verfolgen. Dass sie aber für sich allein und vor andern haben wollen, was sie nicht einmal in Gemeinschaft mit ihren Brüdern zu haben verdienten, darüber beunruhigen wir uns nicht; denn, wir vertrauen auf den allmächtigen Gott, dass diejenigen, welche unrechtmäßige Ansprüche erheben, auch das Ihrige bald verlieren werden. Denn wir wissen, wer gesagt hat: „En Jeder, der sich selbst erhebt, wird erniedrigt werden." 5 Und ebenso stet geschrieben: „Vor dem Fall erhebt sich das Herz."6

[S. 403] In unsern Tagen aber erhebt sich ein neuer Kampf gegen Irrlehrer, von welchen ich Eurer Heiligkeit schon früher geschrieben habe, dass sie die Propheten, die Evangelien und alle Aussprüche der Väter zu entkräften versuchen. Wenn aber Eure Heiligkeit am Leben bleibt, so vertrauen wir auf die Gnade unsers Beschützers, dass ihr gegen die unerschütterliche Wahrheit geöffneter Mund bald verstummen werde; denn wenn man auch scharfe Schwerter anwendet und damit auf einen Fels einhaut, so zerbrechen sie. Dies aber ist eine große Gnade des allmächtigen Gottes, dass unter den Gegnern der hl. Kirchenlehre sich keine Einigkeit findet. Denn kein Reich, das in sich uneins ist, kann bestehen. Die heilige Kirche hingegen dringt immer tiefer in ihre Lehre ein, während sie von den Irrlehrern bekämpft wird, so das genau in Erfüllung geht, was Gott durch den Propheten gegen seine Irrlehrer ausgesprochen hat: „Der Zorn seines Angesichtes zerteilet sie, und sein Herz hat sich genähert"7 Denn während diese über ihren verkehrten Irrtum in Spaltungen geraten, neigt sich das Herz Gottes zu uns, so dass der Verlust selbst uns zum Lehrmeister wird und wir zur tiefern Erkenntnis der Wahrheit gelangen.

Was wir aber durch das Schwert der Barbaren und durch die Ungerechtigkeit der Beamten zu erdulden haben, das mag ich Eurer Heiligkeit gar nicht erzählen, um nicht Euren Schmerz zu vermehren, den ich vielmehr durch Trost lindern sollte. Bei all' dem tröstet mich aber das Wort des Herrn: „Dies habe ich euch gesagt, damit ihr Frieden in mir habet. In der Welt werdet Ihr Bedrängnis haben."8 Ich erwäge, zu wem gesagt wurde: „Das ist eure Stunde und die Gewalt der Finsternis."9 Wenn also die Macht des Lichtes später sich geltend machen wird, — weil ja den Auserwählten gesagt ist: „Ihr seid das Licht [S. 404] der Welt."10 und auch geschrieben steht: "Am Morgen werden die Gerechten über sie siegen,"11 — so ist nichts zu betrauern, was wir zur Zeit der Finsternis von der Gewalt; derselben zu erleiden haben.

Eure Liebe und Heiligkeit spricht sich auch dahin aus, dass Ihr gerne, wenn es nur hätte sein können, ohne Tinte und Papier mit mir gesprochen hättet, und Ihr bedauert, dass fast der ganze Orient und Occident zwischen uns liegt. Aber ich sage, was ich als wahr erkenne, und Eure Seele spricht auf dem Papier ohne papierne Vermittlung zu mir; denn aus den Worten Eurer Heiligkeit klingt allein die Liebe heraus, und so sind wir eigentlich nicht örtlich getrennt, da wir durch die Gnade des allmächtigen Gottes von dem Bande der Liebe umschlungen sind. Warum also möchtet Ihr nach den Flügeln jener Silbertaube12 greifen, da Ihr dieselben schon besitzet? Denn die Flügel desselben sind die Gottes- und Nächstenliebe. Mit ihnen fliegt die hl. Kirche, mit ihnen erhebt sie sich über alles Irdische. Wenn Eure Heiligkeit dieselben nicht schon besäße, so wäret Ihr nicht mit so großer Liebe brieflich zu mir gekommen.

Die so reichlichen Liebesgaben, die Ihr übersendet habt, habe ich alle empfangen. Als ein Mann Gottes, arm im Geiste, habt Ihr sie übersendet und sagt davon: Was könnte ein Armer anderes geben als Armes? Wenn aber Ihr nicht durch den Geist der Demut arm wäret, so wären Eure Liebesgaben nicht so reichlich gewesen. — Der allmächtige Gott beschütze Euch vor allem Übel, und da für alle Guten Euer Leben höchst notwendig ist, so führe er Euch erst nach langer Zeit zu den Freuden des himmlischen Vaterlandes. [S. 405]

1: 2 Tim 3:1,2
2: Joh 21:18
3: So spricht Hiskia bei Jesaja 38:15
4: Joh 16:20
5: Lk 14:12
6: Spr 16:18. Der Patriarch von Antiochia scheint sich nur in dunklen und zweideutigen Ausdrücken über den anmaßenden Titel des Patriarchen von Konstantinopel auf Gregors Warnung VII 27 und 34 ausgesprochen zu haben, wozu ihn wahrscheinlich die Furcht vor dem Kaiser bewog, da er ja schon zweimal hatte Absetzung durch denselben erfahren müssen. Gregor antwortet in gleicher Weise, indem er auf den Patriarchen von Konstantinopel hinweist, ohne ihn zu nennen.
7: Ps 54:22 - Die Übersetzung musste der Erklärung Gregors angepasst werden.
8: Joh 16:33
9: Lk 22:53
10: Math 5:14
11: Ps 48:14
12: Anspielung auf Ps 67:14

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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