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Gregor der Grosse († 604) - Ausgewählte Briefe

Siebentes Buch. Briefe aus den Jahren 596–597

I. (4.) An den Bischof Cyriakus von Konstantinopel.

Inhalt

I.
Gesammtausgabe 4.

[S. 349] An den Bischof Cyriakus von Konstantinopel.

Inhalt: Glückwunsch, Trost und Mahnung. Zurückgezogenheit und Ruhe sei nur dann ein Heilungsmittel, wenn sie mit dem Willen Gottes übereinstimme. Der Seelenhirte könne unmöglich frei von zerstreuenden Gedanken bleiben. Warnung vor dem Ärgernis gebenden Titel: „ökumenischer Patriarch". Schließlich wünscht Gregor Aufklärung über den Endorius, den der neue Patriarch in seinem Synodalschreiben namentlich anathematisiert hatte.

Unsre gemeinsamen Söhne, den Priester Georgius und Euren Diakon Theodor, haben wir mit gebührender Liebe empfangen und freuen uns, dass Ihr von der Sorge für das Kirchenvermögen zur Seelenleitung erhoben worden seid, weil nach dem Worte der ewigen Wahrheit, „wer im Kleinen [S. 350] »getreu ist, es auch im Größeren sein wird.1)Dieser Vers findet sich bei Lk 16:10 - nicht Lk 16:19, wir hier im Text angegeben wurde - Ich habe korrigiert! Auch wird dem Knechte, der gut haushaltet, gesagt: „Weil du im Kleinen getreu gewesen, so will ich dich über Vieles setzen."2 Sogleich wird ihm aber auch ein ewiger Lohn verheißen, indem hinzugefügt ist: „Geh ein in die Freude deines Herrn!" Ihr sagt in Euren Briefen, Ihr hättet sehr nach Ruhe verlangt. Aber dadurch zeigt Ihr, dass man Euch mit Recht zur Seelsorge erhoben habe; denn das Führeramt muss man denjenigen verweigern, die danach verlangen, denen aber anbieten, die davor fliehen. Es steht ja auch geschrieben: „Niemand nimmt sich selbst die Ehre, sondern wer von Gott berufen ist wie Aaron."3 (Stellenangabe korrigiert) So sagt auch der große Völkerlehrer: „Wenn Einer für alle gestorben ist, so sind alle gestorben. Da nun Christus für alle gestorben ist, so erübrigt, dass diejenigen, welche leben, nicht mehr für sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.4 Dem Hirten der hl. Kirche wird gesagt: „Simon, Sohn des Johannes, liebst Du mich? Weide meine Schafe!"5 ((Stellenangabe korrigiert))Aus diesen Worten kann man sehen, dass, wenn jemand, der es doch fähig ist, sich weigert, die Schafe des allmächtigen Gottes zu weiden, er dadurch zeigt, dass er zu dem obersten Hirten keine Liebe trage. Denn wenn der Eingeborne des Vaters, um das Heil aller willen, die Verborgenheit beim Vater verließ und öffentlich unter uns auftrat, was werden wir vorbringen können, wenn wir unsre Verborgenheit dem Heil des Nächsten vorziehen? Nach Ruhe sollen wir also allerdings von Herzen verlangen, aber dennoch sie bisweilen zum Besten Vieler hintansetzen. So sollen wir auch von ganzem Herzen jede Geschäftsüberbürdung fliehen und doch, wenn ein Prediger mangelt, die Last des Predigtamtes willig auf unsre Schultern nehmen. Dies lehrt uns die Verhaltensweise zweier Propheten, von denen der eine das Predigtamt zu fliehen [S. 351] suchte, der andere aber dasselbe geradezu verlangte. Denn Jeremias antwortete, als der Herr ihn sandte: „Ach, ach ach! Herr Gott! sieh, ich kann nicht reden, denn ich bin noch ein Knabe!"6 Als aber der allmächtige Gott eine Persönlichkeit für das Predigtamt suchte und sprach: «Wen soll ich senden, und wer wird uns gehen?"7 da bot sich Jesaja von selbst an und sprach: „Sieh hier bin ich, sende mich!" ?"8 Siehe, das äußere Wort ist bei beiden durchaus verschieden, und doch ist es der gleichen Quelle der Liebe entströmt.

Denn es gibt zwei Gebote der Liebe, das der Liebe Gottes und das der Nächstenliebe. Jesaja verlangte, dem Nächsten durch das tätige Leben nützen, und wünschte deshalb das Predigtamt. Jeremias dagegen verlangte, im beschaulichen Leben sich ungestört der Liebe zum Schöpfer hingeben zu können» und darum erhebt er Einsprache gegen die Sendung zum Predigtamte. Was also der eine in löblicher Weise verlangte, davor bebte der andere in löblicher Weise zurück. Dieser wollte nicht den Gewinn stillschweigender Betrachtung durch Reden verlieren. Jener nicht durch Stillschweigen das Verdienst eifervoller Tätigkeit einbüßen. Aber bei beiden ist wohl darauf zu achten, dass der Ablehnende nicht durchaus widerstand und der, welcher gesendet werden wollte, zuvor durch eine Kohle vom Altar sich gereinigt sah, damit nicht ein Unreiner dem heiligen Dienst sich nahe oder unter dem Scheine der Demut mit Stolz sich weigere, wen die göttliche Gnade auserwählt hat.9) Auch finde ich, dass Ihr mit großer Sehnsucht nach der Ruhe des Herzens verlanget und ohne Störung im Frieden Euren Gedanken nachhängen wollt. Aber ich sehe nicht, auf welche Weise Ihr dies erreichen könntet. Denn wer die Leitung eines Schiffes übernommen hat, der muss um so größere Wachsamkeit üben, je weiter er sich vom Ufer [S. 352] entfernt, um bald aus Vorzeichen die kommenden Stürme zu ersehen, bald die wirklichen Ungewitter, wenn sie von geringerer Bedeutung sind, durch Lenkung des Steuerruders zu überwinden, wenn sie aber mit Heftigkeit aufbrausen und einherstürzen, ihnen durch eine schiefe Seitenwendung zu entgehen. Oft muss er allein wachen, wenn alle ruhen, denen die Sorge für das Schiff nicht obliegt. Wie könntet Ihr also, nachdem Ihr die Last der Seelsorge auf Euch genommen, Gedankenruhe haben, da geschrieben steht: „Siehe, die Riesen seufzen unter den Wassern"?10 Nach der Erklärung des hl. Johannes sind die Wasser die Völker.11 Die Riesen seufzen unter den Wassern, d. h. wer in dieser Welt durch Stellung und Macht gleich einem Riesen hervorragt, der fühlt die Last schwererer Trübsal um so mehr, in je höherem Grade er die Sorge für die Regierung der Völker auf sich genommen hat. Aber wenn das niedergeschlagene Herz von dem kräftigen Hauche des hl. Geistes erfrischt wird, so geschieht geistiger Weise an uns, was an dem israelitischen Volke leiblich geschehen ist. Es steht nämlich geschrieben „Die Kinder Israels aber wandelten trockenen Fußes mitten durch das Meer."12 Und durch den Propheten verspricht Gott: „Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein und die Wellen werden dich nicht bedecken."13 Jene werden nämlich von den Wellen bedeckt, welche durch die irdischen Werke in geistige Verwirrung gebracht werden. Wer aber durch die Gnade des hl. Geistes in seiner Seele befestigt ist, der geht durch das Wasser, ohne dass die Wellen ihn bedecken, weil er auch mitten unter den Volksscharen seinen Weg in solcher Weise geht, dass die Kraft seiner Seele sich nicht in den irdischen Handlungen verliert.

Auch ich Unwürdiger kam zur Oberleitung, meiner Schwachheit wohl bewusst, und hatte damals beschlossen, mich an einen verborgenen Ort zurückzuziehen. Da ich aber [S. 353] sah, dass der Ratschluss Gottes meinen Plänen entgegen sei, beugte ich des Herzens Widerstreben unter das Joch des Schöpfers, vorzüglich in der Erwägung, dass auch keine noch so große Zurückgezogenheit ohne Gottes Gnade die Seele zu retten vermöge. Dies sehen wir ja bisweilen sogar an den Fehltritten der Auserwählten. So war Lot gerecht in der verdorbenen Stadt, auf dem Berge aber sündigte er. Warum jedoch führen wir dieses an, da Größeres bekannt ist? Was war angenehmer als das Paradies, was sicherer als der Himmel? Und doch ist der Mensch aus dem Paradies, die Engel aus dem Himmel durch die Sünde gefallen. Dessen Kraft müssen wir also suchen, um dessen Gnade flehen, ohne welchen man nirgends ohne Sünde, mit welchem man nirgends ohne Gerechtigkeit lebt. Für das muss man also sorgen, dass die zerstreuten Gedanken nicht die Seele beherrschen; denn ganz vermeiden kann man sie nicht. Denn wer sich in vorgesetzter Stellung befindet, der muss bisweilen auch an Irdisches denken und für äußerliche Dinge Sorge tragen, damit die ihm anvertraute Herde ihren Obliegenheiten nachzukommen vermöge. Immer aber muss man sich wohl hüten, dass diese Sorge nicht das Maß überschreite und nicht allzu groß werde, indem man ihr freien Zugang zum Herzen lässt. Darum heißt es treffend beim Propheten Ezechiel: „Die Priester sollen ihr Haupt nicht kahl scheren noch sich das Haar wachsen lassen, sondern sich die Haare ringsherum zuschneiden."14 Denn was bedeuten die Haare auf dem Kopfe als die Gedanken in der Seele? Da sie unbemerkt über dem Scheitel wachsen, so bedeuten sie die Sorgen für dieses zeitliche Leben, welche aus unbewachten Herzen entspringen, ohne das wir besonders darauf achten, weil sie so unvermutet kommen. Weil also alle Vorsteher sich mit weltlichen Sorgen befassen müssen, sich aber doch ihnen nicht zuviel hingehen dürfen, darum wird bedeutungsvoll den Priestern ebenso wohl verboten, das Haupt kahl zu [S. 354] scheren, als die Haare wachsen zu lassen; denn sie sollen die irdischen Gedanken hinsichtlich der Lebensweise ihrer Untergebenen weder ganz von sich ferne halten noch denselben allzu freien Spielraum lassen. Deshalb heißt es nicht ohne Grund: „Ringsherum sollen sie sich die Haare abschneiden, „weil man irdische Sorgen, soweit es notwendig ist, zulassen, sie aber rechtzeitig beseitigen muss, damit sie nicht zu sehr überhand nehmen. Wenn also einerseits durch sorgfältige Verwaltung der äußeren Güter das zeitliche Leben der Untergebenen vor Schaden bewahrt und anderseits dem Schwung der Seele kein Hindernis bereitet wird, weil man das Zeitliche mit weiser Mäßigung besorgt, dann bleiben gleichsam die Haare auf dem Haupte des Priesters zur Bedeckung der Haut, werden aber beschnitten, damit sie das Gesicht nicht verhüllen.15

Euer Glaubensvolles Sendschreiben haben wir in Empfang genommen, und wir danken dem allmächtigen Gott, der das ungenähte, von oben herab gewebte Oberkleid, nämlich seine Kirche, durch das wechselseitige Bekenntnis der Gläubigen in der Einheit seiner Gnade vor allem Irrtum und aller Spaltung bewahrt und sozusagen gegen die so große Sündflut der untergehenden Welt aus vielen Balken eine Arche baut, in welcher die Auserwählten des allmächtigen Gottes für das Leben erhalten werden sollen. Denn indem einerseits Ihr uns Euer Glaubensbekenntnis überschicket und wir anderseits unsre Liebe gegen Euch kundgeben, was tun wir da anderes in der hl. Kirche, als dass wir die Arche mit Pech bestreichen, damit die Flut des Irrtums nicht eindringe und entweder alle geistlich Gesinnten als Menschen oder die fleischlich Gesinnten als Tiere töte? Nachdem Ihr aber mit Weisheit den wahren Glauben bekannt habt, so erübrigt noch ohne Zweifel, dass Ihr auch den Herzensfrieden mit Klugheit bewahren müsst, weil die ewige Wahrheit spricht: „Habet Salz in Euch und Frieden [S. 355] untereinander!"16 Und der Apostel Paulus ermahnt: „Seid bestrebt, die Einheit des Geistes durch das Band des Friedens zu bewahren!"17 Ebenso spricht er: „Strebet nach Frieden mit allen und nach Heiligkeit, ohne welche niemand Gott schauen wird."18 Diesen Frieden werdet Ihr dann wahrhaft mit uns haben, wenn Ihr jenen stolzen und unkirchlichen Titel meidet nach einem Wort desselben Völkerlehrers: „O Timotheus, bewahre, was dir anvertraut ist, und meide unheilige Wortneuerungen!"19 Denn es ist ein gar zu greller Widerspruch, wenn diejenigen, welche Prediger der Demut geworden sind, sich an dem Glanz eines eitlen Titels ergötzen, da doch der wahrhafte Prediger spricht: „Ferne von mir sei es, mich zu rühmen, außer im Kreuze unsers Herrn Jesu Christi."20 Jener also ist wahrhaft ruhmwürdig, der sich nicht seiner zeitlichen Macht, sondern seines Leidens für den Namen Christi rühmt. Darin also werden wir wahre Herzensgemeinschaft mit Euch finden, daran werden wir Euch als Bischof erkennen, wenn Ihr die eiteln Titel aufgebet und mit heiliger Demut Eure heilige Stellung einnehmet. Denn sieh', über jene frevelhafte Bezeichnung haben wir uns geärgert, und wir haben hierüber nicht geringe Klagen im Herzen und äußern sie auch mit dem Munde. Eure Brüderlichkeit aber weiß, was die ewige Wahrheit spricht: „Wenn du deine Gabe zum Altare bringst, und du erinnerst dich dortselbst, dass dein Bruder etwas gegen dich habe, so lass deine Gabe vor dem Altar und gehe zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder; dann komm und opfere deine Gabe"21 Man sieht hieraus: So groß ist die Sünde des Ärgernisses, welches dem Herzen eines andern Menschen gegeben wird, dass, während sonst jede Sünde durch das Opfer getilgt wird, der Herr von dem Ärgernisgeber nicht einmal das Opfer annimmt, welches sonst die Sünde tilgt. Beeilet Euch also, jeden Gedanken [S. 356] an eine Erneuerung dieses Ärgernisses aufzugeben, damit der allmächtige Gott Euer Opfer annehmbar finde.

Auch haben wir bemerkt, dass Ihr in Eurem sonst ganz wahrhaften und wohl durchdachten Glaubensbekenntnis auch einen gewissen Eudoxius verurteilt und unter der Zahl derer aufgezählt habt, welche nach Eurer Meinung durch die hochheiligen allgemeinen Konzilien verurteilt sind. Wir haben diesen Namen weder in den lateinischen Ausgaben der Synoden noch in den Büchern gefunden, welche die Bischöfe seligen Andenkens Epiphanius, Augustinus und Philastrius vorzüglich gegen die Irrlehre geschrieben haben, wenn ihn einer von den wahrhaft katholischen Vätern verdammt, so schließen wir uns unbedenklich seinem Urteile an, wenn Ihr aber in Eurem Synodalschreiben auch jene namentlich verurteilen wolltet, welche nicht aus den Synoden, sondern in den Schriften der Väter verurteilt sind, so hat Eure Brüderlichkeit viel zu wenig in dem Schreiben angeführt; wenn Ihr aber nur die anführen wolltet, welche von den allgemeinen Synoden verworfen sind, so habt Ihr einen zuviel.22

Erinnern wir uns jedoch, dass wir ohne Unterlass beten müssen für die Erhaltung der erlauchtesten Kaiser und ihrer Nachkommenschaft, damit es uns freistehe, den wahren Glauben furchtlos zu bekennen und alle Pflichten in Frieden und Eintracht zu erfüllen, auf dass der allmächtige Gott die Barbarenvölker ihnen zu Füßen lege, ihnen lange und glückliche Regierungszeit verleihe und so im ganzen christlichen Reiche der Glaube an Christus herrsche.

1: Lk 16:10
2: Mat 25:21/23
3: Hebr 5:4
4: 2 Kor 5:14;15
5: Joh 21:15-17
6: Jer 1:6
7: Jes 6:2
8: Jes 6:8
9: Siehe Pastoralregel B.I.S. 340.
10: Ijob 26:5
11: Offb 17:15
12: Ex 15:19
13: Jes 42:2
14: Ez 44:20
15: Vergleiche Pastoralregel B. I. S. 379 und 380.
16: Mk 9:40
17: Eph 4:5
18: Hebr 12:14
19: 1 Tim 6:20
20: Gal 6:14
21: Gal 6:14
22: Unsere Ausgaben des I. Konzils von Konstantinopel haben im 1. Canon die Verurteilung des Eudoxius, der unter Valens Bischof von Konstantinopel gewesen. Er war entschiedener Arianer, wenn er auch nicht ganz soweit gehen wollte, als die eigentlichen Anhomöer oder Aëtianer

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu den Briefen des Gregor

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger