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Palladius von Helenopolis († vor 431) - Leben der Väter (Historia Lausiaca)

54. Die ältere Melania.1

Ich habe schon weiter oben von der wunderbaren seligen Melania im Vorübergehen erzählt, will aber dennoch jetzt ausführlich von ihr berichten.

Welch' unermeßlichen Reichtum sie, brennend von göttlichem Eifer wie von einem Feuer, zum Opfer brachte, das kann ich unmöglich schildern; das mögen andere tun bis nach Persien hinein. Ließ sie doch niemand leer ausgehen in ihrer Freigebigkeit, nicht Osten und Westen, nicht Norden und Süden. Siebenunddreißig Jahre bot sie den Fremden auf eigene Kosten [S. 421] ein Obdach, sorgte für Kirchen und Klöster, für Pilger und Gefangene. Ihr Sohn und ihre Verwalter stellten ihr die Geldmittel bereit. Mildtätigen Sinnes gab sie alles dahin, so daß sie zuletzt nicht mehr eine Handbreit Boden besaß. Nicht einmal die Sehnsucht nach dem heißgeliebten Sohne war mächtig genug, ihren Sinn zu ändern und sie von der Liebe Christi2 zu scheiden. Durch ihr Gebet bewirkte sie, daß der junge Mann ein Muster edler Zucht und Sitte ward. Er nahm zur Gattin die Tochter eines erlauchten Geschlechtes und stand in hohen Ehren in dieser Welt. Zwei Kinder entsprossen seiner Ehe.

Nach langer Zeit hörte sie von den Lebensumständen der Enkelin; daß sie vermählt sei, doch der Welt entsagen wolle. Von Angst getrieben, sie möchten einer unseligen Häresie verfallen oder auf die Bahn eines schlechten Wandels geraten, bestieg die sechzigjährige Greisin ein Schiff und fuhr in zwanzig Tagen von Cäsarea nach Rom. Hier traf sie den hochseligen preiswürdigen Apronianus, der ein Heide war; ihn bekehrte sie zum Christentum und bewog ihn, enthaltsam zu leben mit seiner Gattin, ihrer Nichte, namens Avita. Sie bestärkte die eigene Enkelin Melania und ihren Gatten Pinian, gab der eigenen Schwiegertochter Albina, der Gattin ihres Sohnes, heilsame Lehren, bewog all diese zum Verkauf der Besitztümer und führte sie fort aus Rom an eine Stätte, die mitten in der Welt einem sturmsicheren, stillen Hafen glich. Zugleich kämpfte3 sie gegen die Senatoren und vornehmen Frauen, die sie hindern wollten, auf ihre Güter zu verzichten. "Kinder", sagte sie zu ihnen, "schon vierhundert Jahre steht geschrieben: Es ist die letzte Stunde.4 Hängt euch nicht an dies vergängliche Leben! Es könnten die Tage des Antichrist kommen; dann habt ihr nichts von euerem Reichtum und allem Ruhme der Ahnen." Die genannten alle machte sie frei und verschaffte ihnen die [S. 422] Möglichkeit, ein zurückgezogenes Leben zu führen. Auch ihren jüngsten Sohn Publicola bewog sie, nach Sizilien zu gehen, und gab ihm selber das Geleite. Was sie noch übrig hatte, verkaufte sie, nahm den Erlös und kehrte nach Jerusalem zurück. Dort verschenkte die edle Greisin den ganzen Betrag und starb innerhalb vierzig Tagen im tiefsten Frieden. Sie hinterließ zu Jerusalem ein Kloster, dem sie ein entsprechendes Vermögen sichergestellt hatte.

Als sie schon alle weit von Rom entfernt waren, da brach, wie seit alter Zeit in den Weissagungen geschrieben stand,5 eine Sturzwelle von Barbaren6 über die Stadt herein, die nicht einmal die ehernen Statuen auf dem Forum stehen ließ und alles in wilder Wut dem Verderben weihte, so daß Roma, die zwölf Jahrhunderte dastand in gleißender Pracht, zusammenstürzte. Und alle, die auf jene Predigt hörten und die nicht darauf hörten, priesen Gott, der durch den Umschwung der Zeitverhältnisse den Ungläubigen klar bewies, daß diese Familien, während alle anderen in Kriegsgefangenschaft fielen, ganz allein gerettet und durch Melanias Eifer gleichsam Opfergaben wurden für den Herrn.

1: Dieser Abschnitt steht mehrfach in Widerspruch mit Kap. 46. Der Aufenthalt in Jerusalem währt hier 37, dort 27 Jahre. Dort verzichtet Melania gänzlich auf allen Besitz; hier verfügt sie noch über reiche Mittel und verkauft selber noch große Güter. Einen Kampf mit den Senatoren um das Recht, arm zu werden, hatte wohl ihre gleichnamige Enkelin zu bestehen, nicht aber sie, die heimlich geflohen war. Demnach kann dieses Kapitel nicht aus der Feder des Palladius geflossen sein, der die Heilige selber kannte. So wird Rampolla (Santa Melania giuniore. Roma 1905 p. LIII) Recht haben mit der Annahme, daß der innerlich unmotivierte Nachtrag das Werk eines späten Ergänzers ist, der die beiden Melanien nicht mehr unterscheiden konnte. So erklärt sich auch, daß als Zeugen für die Wohltätigkeit der älteren M. Länder genannt werden, nach denen die jüngere M. - wie deren griech. Vita bezeugt, große Summen sandte. Zudem scheint uns der letzte Teil des Kapitels aus Gründen des Stiles nicht von P. zu stammen.
2: Vgl. Röm 8,35.
3: (xxx) - zunächst vom Kampfe mit Bestien. - Die Stelle bietet eine Art Kommentar zu 1Kor 15,32 und Ignatius, ep. ad Rom. c.5.
4: 1Joh 2,18.
5: Vgl. Oracula Sibyllina VIII, 165.
6: Plünderung Roms durch die Vandalen unter Alarich im J. 410.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger