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Palladius von Helenopolis († vor 431) - Leben der Väter (Historia Lausiaca)

44. Innozenz.

Was sich mit dem seligen Innozenz begab, der als Priester auf dem Ölberge lebte, wurde Dir von vielen bereits erzählt; dennoch sollst Du das auch von uns [S. 408] vernehmen, haben wir doch drei Jahre mit ihm zusammengelebt. Er war ein Mann von auffallend großer Einfalt des Herzens. Obgleich er hohes Ansehen genoß im kaiserlichen Palaste, vermählt war und einen Sohn hatte, der Paulus hieß und Mitglied der Leibwache war, verließ er dennoch die Welt zu Beginn der Regierung des Kaisers Konstantius. Da Paulus mit der Tochter eines Priesters sündigte, verfluchte der eigene Vater den Sohn, indem er zu Gott betete: "Herr, gib, daß er besessen werde, damit er keine Zeit mehr habe zu fleischlicher Sünde!" Denn er hielt es für besser, daß der Teufel ihn plage statt der Zuchtlosigkeit. So geschah es auch wirklich. Mit Ketten gebunden, vom Teufel gequält, ist er heute noch auf dem Ölberg.

Dieser Innozenz war so mitleidig, daß man mich für einen blöden Schwätzer hielte, wenn ich davon erzählen wollte, wie er sogar die Brüder bestahl, um den Armen geben zu können.1 Er war über alle Maßen unschuldig und einfältig; auch ward ihm Macht verlieben über die bösen Geister. So brachte man ihm einst vor unseren Augen einen jungen Menschen, der lahm und besessen war, so daß ich dessen Mutter nach dem ersten Anblick abweisen wollte, weil ich eine Heilung für unmöglich hielt. Da kam inzwischen der Greis und sah sie jammern und weinen über das unsägliche Elend ihres Sohnes. Vor Mitleid brach er in Tränen aus und nahm den Jüngling mit sich in die Kirche, die er selber gebaut und worin Reliquien des Täufers Johannes ruhen. Hier oblag er dem Gebete von der dritten bis zur neunten Stunde und gab noch am gleichen Tage den Knaben gesund seiner Mutter zurück. Jede Spur von Lähmung und Besessenheit war verschwunden. Und doch war sein Leib so verdreht gewesen, daß ihm, wenn er ausspuckte, der Speichel auf den Rücken fiel.

Ein altes Weib, das ein Schaf verloren hatte, kam weinend zu Innozenz. Er sagte: "Zeige mir den Ort, [S. 409] wo du es verloren hast!" Sie führte ihn nahe zum Lazarusgrabe. Da blieb er stehen und betete. Nun hatten aber junge Leute das Schaf gestohlen und geschlachtet und das Fleisch im Weinberge versteckt; sie stellten sich aber, als wüßten sie nichts davon. Während nun Innozenz noch betete, kam plötzlich ein Rabe, nahm ein Stück und flog damit fort. So fand der Selige das tote Tier. Da fielen ihm die jungen Menschen zu Füßen und gestanden ihre Tat, worauf sie den Schaden ersetzen mußten.

1: Ein köstliches, aber wahres Seitenstück zum hl. Crispinus, von dem es im Volksmunde heißt: "Crispinus machte den Armen die Schuh und stahl das Leder dazu." Das Zeitwort "stahl" ist jedoch Verstümmelung von "stalt" = stellte.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger