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Palladius von Helenopolis († vor 431) - Leben der Väter (Historia Lausiaca)

39. Pior.

Pior, ein Ägyptier, wandte sich schon in seiner Jugend hinweg von dieser Welt, verließ sein Vaterhaus und machte sogar im Übermaße des Eifers das Gelübde, nie mehr jemand von den eigenen Verwandten sehen zu wollen. Fünfzig Jahre vergingen. Nun erfuhr seine hochbetagte Schwester, daß er noch lebe. Man mußte befürchten, sie werde wahnsinnig, wenn sie den Bruder nicht sähe. Weil es ihr unmöglich war, den weiten Weg [S. 403] in die große Wüste zu machen, bat sie den Bischof des Ortes, an die Väter in der Wüste zu schreiben, sie möchten ihn schicken, damit sie ihn doch zu sehen bekomme. Geradezu zwingen mußte man Pior, bis er sich endlich entschloß, in Begleitung eines anderen hinzugehen. Vor dem Hause stand er still und ließ ihr melden: "Dein Bruder Pior ist da." Sobald er die Türe gehen hörte und daraus entnahm, daß die Greisin zur Begrüßung komme, schloß er die Augen und rief sie mit Namen: "Ich bin Pior, dein Bruder; ich bin es. Schau mich an, solange du willst!" Als jene sich überzeugt hatte, daß er es wirklich war, lobte sie Gott. Weil sie ihn aber auf keine Weise bewegen konnte, das Haus zu betreten, ging sie wieder hinein. Er aber sprach an der Türschwelle noch ein Gebet und wanderte nach der Wüste zurück.

Auch folgendes Wunderbare wird von ihm erzählt: An dem Orte, wo seine Zelle stand, grub er einen Brunnen, fand aber Wasser, das überaus bitter war. Er jedoch gewöhnte sich aus Abtötung an den saueren Trank und hielt sein Leben lang aus. Nachdem er gestorben war, versuchten es viele Mönche, daselbst zu wohnen, doch keinem gelang es über ein Jahr. So trostlos und furchtbar ist jene Stätte.

Moses der Libyer, ein Mann von überaus sanfter Gemütsart und inniger Nächstenliebe, hatte die Gabe der Krankenheilung. Dieser hat mir erzählt, wie folgt:

"Als ich ein junger Mönch war, gruben wir einen gewaltigen Brunnen, der zwanzig Fuß in die Breite maß. Unser achtzig Mann schafften drei Tage lang Erde hinaus; doch waren wir von der gewohnten Ader, womit wir gerechnet, ungefähr um Ellenlänge abgewichen und fanden kein Wasser. Voll Kummer faßten wir schon den Entschluß, die Arbeit aufzugeben. Da kam mit einem Male mitten in der größten Gluthitze - zur sechsten Stunde war es - der greise Pior, mit einem Schafpelz bekleidet, aus der Wüste, trat grüßend heran und sagte: "Was seid ihr so mutlos, Kleingläubige? Gestern schon hab' ich euere Verzagtheit bemerkt." Dann stieg er die Leiter hinab in den Brunnen, sprach zugleich mit den andern ein Gebet, griff zum Grabscheit und flehte [S. 404] bei dem dritten Stoß: "Du Gott der heiligen Patriarchen,1 laß die Mühe deiner Knechte nicht vergeblich sein; sende das Wasser, dessen sie bedürfen!" Da schoß im Augenblicke Wasser zutag in solcher Menge, daß alle durchnäßt wurden. Wir drängten ihn, Speise zu nehmen, er aber weigerte sich mit den Worten: "Wozu ich gesandt bin, das ist vollendet; zu anderem bin ich nicht gesandt."

1: Vom Brunnengraben der Patriarchen erzählt die hl. Schrift an verschiedenen Stellen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger