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Palladius von Helenopolis († vor 431) - Leben der Väter (Historia Lausiaca)

23. Pachon.

Ein gewisser Pachon, etwa siebzig Jahre alt, war in der sketischen Wüste. Nun begab es sich, daß mir die Begierde nach einem Weibe kam und keine Ruhe ließ weder bei Tag in meinen Gedanken noch bei Nacht im Traume. Schon war ich daran, die Einöde zu verlassen; so gewaltig wuchs die Leidenschaft. Den eigenen Nachbarn verschwieg ich es, sogar meinem Lehrer Euagrius. Insgeheim ging ich nach der großen Wüste. Da blieb ich fünfzehn Tage bei den Vätern, die dort alt geworden waren. So traf ich mit Pachon zusammen. Ich faßte, sobald ich dessen lauteres Wesen und abgetöteten Wandel sah, den Mut, ihm mein Herz zu offenbaren. Er sagte darauf: "Sei nicht allzu verwundert ob dieser Sache! Du hast sie nicht durch Leichtsinn heraufbeschworen; das beweist dir dein Aufenthalt, desgleichen die Mäßigung in Speise und Trank sowie der Umstand, daß du ferne bist von weiblichen Wesen. Es hängt das vielmehr mit dem Streben nach Tugend zusammen; dreifach ist ja der Kampf des Fleisches. Zuweilen wird es widerspenstig, weil es ihm zu gut ergeht; zuweilen sind die Gedanken schuld; zuweilen auch der Neid des Teufels. Denn ich habe mit Eifer acht gegeben und es so gefunden. Du siehst, ich bin ein [S. 372] alter Mann; ich wohne schon vierzig Jahre lang in dieser Zelle und sorge für mein Seelenheil; doch Versuchungen hab ich sogar in diesem Alter." Und er beteuerte mir unter einem Eide folgendes Begebnis:

"Zwölf Jahre, von meinem fünfzigsten ab, quälte mich der Teufel jede Nacht. So kam ich zu dem Schlusse, Gott habe mich verlassen; darum habe Satan solche Macht über mich; und ich wollte lieber elendiglich zugrunde gehen als ein schändliches Dasein führen in Sinnlichkeit. Ich ging hinaus und wanderte durch die Wüste, bis ich eine Hyänenhöhle fand. Ich legte mich bei Tage nackt hinein, damit die Tiere mich fressen, sobald sie herausgingen. Nun kam der Abend, wie geschrieben steht: "Du führest Finsternis herauf; da wird es Nacht; da schleichen umher alle Tiere des Waldes".1 Jetzt traten die beiden Bestien hervor und berochen und beleckten mich vom Kopfe bis zu den Füßen. Aber als ich schon erwartete, sie würden mich zerreißen, gingen sie weg. Die ganze Nacht hindurch lag ich dort, doch sie fraßen mich nicht. Ich erkannte daraus, daß Gott mich verschonen wollte und kehrte deshalb in meine Zelle zurück. Nun blieb mir der Teufel einige Tage fern, plagte mich aber dann noch ärger als zuvor, so daß ich nahe daran war, Gott zu lästern. Er nahm die Gestalt eines äthiopischen Mädchens an, das ich in jungen Jahren zur Sommerszeit Ähren sammeln sah, setzte sich mir auf den Schoß und erregte mich so, daß ich Unzucht mit ihr zu treiben glaubte. Da kam ich zur Besinnung und gab ihr eine Ohrfeige, vorauf sie verschwand. Die Folge war, daß ich zwei Jahre lang den üblen Geruch meiner Hand nicht ertragen konnte. Ich irrte nun kleinmütig und verzagt durch die Wüste. Nun fand ich eine kleine Schlange. Diese nahm ich und hielt sie mir an die Zeugeglieder, um an dem Bisse zu sterben. So sehr ich aber den Kopf des Tieres an die Scham drückte, biß es mich keineswegs. Da vernahm ich eine Stimme, die zu mir in meinem Innern sprach: "Geh' deines Weges, Pachon, und kämpfe! Nur deshalb ließ ich so heftige Drangsal über dich [S. 373] kommen, damit du nicht hochmütig würdest, als vermöchtest du etwas aus eigener Kraft; du sollst vielmehr, deiner Schwäche bewußt, nicht deinem eigenen Wandel vertrauen, sondern Gottes Beistand suchen." Ich kehrte zurück voll Zuversicht, setzte mutig meine Lebensweise fort, kümmerte mich um keine Versuchung und lebte die Folgezeit friedlich dahin. Der Teufel wußte ja, wie wenig Achtung ich vor ihm besaß und ließ mich unbehelligt."

1: Ps 103,20

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger