Gregor der Grosse († 604) - Ausgewählte Briefe Zweites Buch. Briefe aus den Jahren 591—592. VI. (47.) An den Bischof Dominikus von Karthago.
Inhalt VI. Gesammtausgabe 47.An den Bischof Dominikus von Karthago. Inhalt: Danksagung für das allerdings verspätete Glückwunsch-Sreiben zur Erhebung auf den päpstlichen Stuhl. Von der [S. 112] Liebe und Einheit. Schwierigkeit des apostolischen Amtes. Wahrung der kirchlichen Rechte. Die Briefe, die Uns etwas verspätet von Unsern hochwürdigsten Brüdern und Mitbischöfen Donatus und Quodvultdeus, sowie von dem Diakon Viktor und von Agilegius, dem Schriftführer Ew. Brüderlichkeit, überbracht wurden, haben Wir mit der größten Freude in Empfang genommen. Obwohl Wir den Verlust bedauerten, den Wir durch die Verzögerung erlitten, so haben Wir Doch in denselben einen um so reichern Schatz von Liebe gefunden, so daß die zeitliche Verzögerung die Zuneigung nicht unterbrochen, sondern nur genährt haben dürfte. Wir ersehen nämlich, daß dieselbe durch Gottes Gnade, durch Erwägung der priesterlichen Würde, durch die Gewohnheit frommer Lesung un durch Reife des Alters schon fest in Euch begründet sei. Nicht so reichlich würde sie aus Deinem Herzen strömen, wenn sie nicht dort zahlreiche und wohlgefüllte Quellen hätte. An dieser Mutter und Bewahrerin der Tugenden, heiligster Bruder, wollen wir mit unerschütterlicher Standfestigkeit festhalten. Keine listige Zunge soll sie uns schwächen, keine Versuchung des Urfeindes soll sie in uns tilgen. Sie vereinigt das Getrennte und erhält in der Einheit. Sie erhebt das Niedrige, ohne zum Stolz zu verleiten. Sie senkt das Hohe, ohne zu entwürdigen. Durch sie verbreitet die Einheit der Gesammtkirche, welche die Verbindung mit dem Leibe Christi ist, Freude in den Einzelnen, deren Gemüther sie beruhigt, 1obwohl in Bezug auf die verschiedenen Glieder Mannigfaltigkeit herrscht. Sie bewirkt, daß eben diese Glieder bei fremder Freude frohlocken. auch wenn sie selbst Trübsal leiden, und bei fremdem Kummer trauern, auch wenn [S. 113] sie selbst in Freude sind. Da also, wie der Völkerlehrer bezeugt, alle Glieder mitleiden, wenn eines leidet, und, wenn ein Glied sich freut, alle Glieder sich mitfreuen, so zweifle ich nicht, daß ihr über unsre Heimsuchung seufzet, da Ihr auch versichert sein dürfet, daß wir über Euer Wohlergehen uns freuen. Daß sich aber Ew. Brüderlichkeit über Unsre Erhebung auf diesen Stuhl erfreut, ist mir ein Beweis Eurer aufrichtigsten und herzlichsten Zuneigung. Aber, ich gestehe, bei dem Gedanken an diese Erhebung durchbohrt meine Seele ein gewaltiger Schmerz. Denn schwer ist die Last des Priesterthums; zuerst muß ja der Priester als Muster für Andere leben und dann dafür sorgen, daß sich seine Seele nicht um der gegebenen Beispiele willen in Eitelkeit verliere. Immer soll er des Predigtamtes eingedenk sein und mit ernstlicher Furcht erwägen, daß der Herr, da er hingeht, um sein Reich in Besitz zu nehmen, sowie bei der Austheilung der Talente zu den Knechten spricht: „Machet Geschäfte bis ich wieder komme."2 Dieses Geschäft betreiben wir ohne Zweifel dann auf die rechte Weise, wenn wir durch unser Leben und unser Wort Seelen gewinnen, wenn wir auch die Schwachen in der himmlischen Liebe bekräftigen, indem wir ihnen die Freuden des Himmels vor Augen halten, wenn wir die Frechen und Stolzen durch furchtbare Androhung der Höllenstrafe erschüttern, wenn wir gegen Niemand eine Schonung kennen, die mit der Wahrheit unvereinbar ist, wenn wir Freundschaft mit Gott unterhalten, vor Feindschaft mit Menschen uns nicht fürchten. Solches ausübend glaubte der Psalmist Gott ein Opfer dargebracht zu haben, indem er sprach: „Sollte ich nicht hassen, o Herr, die Dich hassen und über Deine Feinde mich nicht grämen? Mit vollkommenem Hasse hasse ich sie, und Feinde sind sie mir."3 [S. 114] Aber bei der Größe meiner Schwachheit zage ich vor dieser Anforderung und sehe doch, daß der Hausvater, nachdem er sein Reich in Besitz genommen, zurückkehrt, um Abrechnung mit uns zu halten. Aber in welcher Stimmung kann ich ihn erwarten, der ich keinen oder fast keinen Gewinn an Seelen aus dem übernommenen Geschäfte mitbringe? Hilf mir also, theuerster Bruder, durch dein Gebet und erwäge auch Du täglich bei Dir selbst mit vorsichtiger Sorge und Furcht, was Du siehst, daß ich für mich fürchte. Das Band der Liebe bewirkt ja, daß auch Dich angeht, was ich von mir sage, und auch mir gehört, was ich wünsche, daß Du thun sollst. Bezüglich der kirchlichen Vorrechte aber, von denen Ew. Brüderlichkeit schreibt, mögt Ihr Euch mit Beseitigung aller Bedenken an Folgendes halten. Wie Wir Unsre eigenen Rechte vertheidigen, so halten Wir auch die aller Einzelkirchen aufrecht. Ich gebe Keinem aus Begünstigung mehr als ihm gebührt und mache Keinem aus ehrsüchtigem Antrieb streitig, was ihm von Rechts wegen zukommt, sondern ich wünsche meine Brüder in Allem zu ehren, und so suche ich Jeden mit Ehre zu überhäufen, soweit nur nicht das Recht eines Andern ihm im Wege steht. Die Gesinnungen aber, die Eure Gesandten zu erkennen geben, waren mir sehr erfreulich; ich habe daraus ersehen, wie sehr Ihr mich liebet, da Ihr so auserwählte Brüder und Söhne zu mir gesandt habt. Gegeben den 21. Juli der 10. Indiktion (592). [S. 115] 1: Gregor faßt also das Schreiben des Adressaten an den römischen Bischof so auf, daß derselbe sich damit in Verbindung mit der Gcsammtkirche gesetzt habe. 2: Luc. 19, 13. 3: Ps. 138, 22.
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