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Gregor der Grosse († 604) - Ausgewählte Briefe
Erstes Buch. Briefe aus den Jahren 590—591.

VI. (6.) An den Patricier Narses.

Inhalt

VI.
Gesammtausgabe 6.

An den Patricier Narses.1

Inhalt: Klage über die Erhebung zur päpstlichen Würde sammt freundlichen Erwiderungen.

Da Ihr in erhabener Weise die Süßigkeit der Betrachtung schildert, habt Ihr in mir den Jammer ob meines Verlustes auf's Neue angefacht; denn Ihr gabt mir zu hören, was ich innerlich eingebüßt habe, während ich ohne Verdienst äusserlich zur höchsten Würde emporgestiegen bin. Wisset, daß ich von solcher Trübsal darniebergebeugt bin, daß ich kaum zu reden vermag; denn die Finsterniß des Schmerzes lagert sich über den Augen meiner Seele. Was ich anschaue, ist traurig; was man für erfreulich hält, wird meinem Her zen Grund zur Klage. Denn ich erwäge, zu welch' schlim- [S. 23] mem Gipfel äussern Glanzes ich emporgestiegen bin, als ich vom Höhepunkt meiner Ruhe herabsank. Wie vorn Angesicht des Herrn zur Strafe meiner Sünden in die Verbannung äusserer Geschäfte verwiesen, spreche ich gleich dem zerstörten Judäa beim Propheten: 2 „Der Tröster ist fern von mir." Wenn Ihr aber zwischen meiner Stellung und meinem Namen eine Ähnlichkeit findet und in Eurem Schreiben daran Lobsprüche und Höflichkeiten knüpfet, 3so gebt Ihr in Wahrheit, theuerster Bruder, einem Affen den Namen des Löwen. Das nehmen wir von Euch in dem Sinne an, in welchem man auch die schäbigen Hündlein öfters Panther und Tiger heißt. Ich aber, o Bester, habe gleichsam meine Kinder verloren; denn durch die irdischen Sorgen sind meine guten Werke zu Grunde gegangen. „Nennet mich also nicht mehr Noemi, d. h. die Schöne, sondern Tiara, denn ich bin der Bitterkeit voll." 4Wenn ich aber nach Eurer Bemerkung nicht hätte schreiben sollen, daß Ihr mit wildem Rind auf dem Acker des Herrn pflüget, weil in dem Leintuch, welches dem hl. Petrus gezeigt wurde, auch willde Rinder und alle Thiere gewesen seien, — so wißt Ihr selbst, daß dabei steht: „Schlachte und iß!" 5Warum wolltest Du also schon den Gehorsam hinsichtlich des Essens üben, da Du doch jene Thiere noch nicht geschlachtet hattest? Siehst Du denn nicht, daß jene Bestie, von der Du schreibst, sich noch nicht durch das Schwert Deiner Beredsamfeit hat tödten lassen? Da Du sie aber nur durch innere Zerknirschung wirrst tödten können, so mußt Du Dich vorläufig schon mit Deinem guten Bestreben befriedigen. 6 [S. 24]

Hinsichtlich unserer Brüder aber, meine ich, daß es mit Gottes Hilfe so gehen wird, wie Du geschrieben hast. Für jetzt hielt ich es nicht für passend, darüber an die durchlauchtigsten Gebieter zu schreiben, denn man soll nicht gleich Anfangs mit Klagen kommen. Ich habe aber meinem geliebtesten Sohn, dem Diakon Honorat, geschrieben, daß er zu gelegener Zeit ihnen das Geeignete zu verstehen gebe und mir schleunig ihre Antwort berichte. Die Herren Alexander und Theodor, meinen Sohn Marinus, die Damen Eficia, Eudochia und Dominica bitte ich meinerseits zu grüßen.

1: Narses, der Jüngere, ist wohl zu unterscheiden von dem berühmten Feldherrn Justinians, der schon 30 Jahre früher gestorben war. Auch dieser jüngere Narses war indessen ein tüchtiger Feldherr und hatte besonders gegen die Perser zu kämpfen.
2: Klagel. 1, 16.
3: Wie es scheint, hatte Narses in seinem Gratulationsschreiben den Namen Gregor, welcher Wächter bedeutet, verwerthet.
4: Ruth 1, 2O.
5: Apostelg. 10, 13.
6: Die Stelle ist dunkel und kann wohl unmöglich ganz aufgehellt wirden, ohne sowohl den vorausgegangenen Brief Gregors an Narses, als auch des Letztern Antwort vor sich zu haben. Beide Briefe sind aber verloren gegangen, man merkt indessen soviel: Gregor hatte dem Narses wahrscheinlich hinsichtlich seiner Thätigkeit bei rohen Soldaten geschrieben, er habe es zwar mit wilden Rindern (bubalus heißt eigentlich die afrikanische Gazelle; weil aber vom Pflügen die Rede ist, muß an Zugtiere gedacht resp. eine vox media gewählt wirden) zu thun, könne dabei aber doch für Gottes Gnade thätig sein. Darauf scheint Narses in seinem Gratulationsschreiben replicirt zu haben, die wilden Rinder seien Sache des Perrus und also auch seines neugewähhlten Nachfolgers. Gregor gibt nun dem Narses seine Bemerkung,woieder zurück und ermahnt ihn zur Geduld mit seinen Leuten, da auch Petrus resp. Gregor selbst solche haben müsse und erst essen könne, wenn geschlachtet sei. Das ist natürlich nur Conjectur, es ließe sich auch Anderes denken.

 

 

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