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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Zweite Homilie: Kap. 1, V.1

1.

Kap.1,V.1: "Buch der Abstammung Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams."

Wißt ihr noch, wie ich euch jüngst ermahnt und gebeten habe, ihr möchtet in aller Stille und mit heiliger1 Ruhe während der ganzen Predigt aufmerken? Heute wollen wir ja die Schwelle des Heiligtums überschreiten, deshalb habe ich euch an die frühere Mahnung erinnert. Sehet, die Juden, die sich einem brennenden Berg, Feuer, Dunkel, Finsternis und Sturmwind nahen, oder vielmehr nicht sich nahen, sondern sie nur aus der Ferne sehen und hören wollten, mußten sich schon drei Tage zuvor ihren Frauen enthalten, mußten ihre Kleider waschen und lebten in Angst und Furcht, sie, und Moses mit ihnen. Wir aber, die wir eine so große Botschaft vernehmen sollen und nicht fern von einem rauchenden Berge stehen müssen, sondern in den Himmel selbst eintreten dürfen, wir müssen da um so mehr ein weit größeres Maß von Weisheit zeigen, nicht indem wir unsere Kleider waschen, sondern dadurch, dass wir das Gewand unserer Seele reinigen, und uns von jeder Berührung mit weltlichen Dingen frei halten. Denn wir werden keine Finsternis sehen, nicht Rauch und Ungewitter, sondern den König selbst, wie er auf dem Throne jener unaussprechlichen Herrlichkeit sitzt, mit den Engeln und Erzengeln, die neben ihm stehen, und zugleich mit deren ungezählten Legionen der Scharen der Heiligen. So sieht es in der Stadt Gottes aus, welche die Versammlung2 der Erstgeborenen birgt, die Seelen der Gerechten, den Chor der Engel und das Blut der Erlösung, durch das alles verbunden ward, durch das der Himmel das Irdische3 empfing, die Erde das Himmlische4 , durch welches der so lange von Engeln und Heiligen herbeigesehnte Friede geschenkt wurde. In dieser Stadt ragt das herrliche und glänzende Siegeszeichen des Kreuzes, die Siegesbeute Christi, die Erstlingsfrucht unserer menschlichen Natur,5 , die Kriegstrophäen unseres Königs; all das werden wir bis ins einzelne aus dem Evangelium erkennen. Und wenn du mit geziemender Ruhe aufmerkst, so kann ich dich überall herumführen und dir zeigen, wo der Tod überwunden liegt, wo die Sünde bezwungen, wo die zahlreichen und wunderbaren Weihegeschenke dieses Krieges, dieses Kampfes aufgestellt sind. Dort wirst du auch den Tyrannen gebunden sehen und die Unzahl von Gefangenen in seinem Gefolge, und die Hochburg, von der aus dieser unreine Dämon zuvor alles überfiel. Du wirst die Verstecke und Höhlen dieses Räubers sehen, die nunmehr zerstört und bloßgelegt sind; denn auch dorthin kam der König.

Indessen ermüde dich nicht, lieber Zuhörer. Wenn dir einer von einem wirklichen Krieg erzählte, von Triumphzeichen und Siegen, so bekämst du keine Langweile: du würdest im Gegenteil über der Schilderung Essen und Trinken vergessen. Wenn aber schon eine solche Erzählung anziehend ist, dann ist es diese noch viel mehr. Denke doch nur daran, was es Großes ist, zu hören, wie Gott aus dem Himmel und von dem königlichen Throne weg auf die Erde, ja bis in die Unterwelt hinabstieg und da im Kampfe stand; wie der Teufel sich ihm gegenüberstellte, und zwar nicht einem bloßen Gott, sondern Gott, in der menschlichen Natur verborgen. Und das ist doch etwas Wunderbares, dass du den Tod durch den Tod besiegt schauen wirst, den Fluch durch den Fluch gehoben, und die Tyrannei des Teufels durch die gleichen Mittel gebrochen, die ihn zuvor stark gemacht.6 . Bleiben wir also wach und verfallen wir nicht dem Schlafe! Wahrlich, ich sehe, wie uns die Tore geöffnet sind. Treten wir ein in vollkommener Ordnung und mit Zittern, und schreiten wir geradeswegs auf die Pforten zu. Welches ist aber die Pforte? "Das Buch der Geburt Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams."Was sagst du? Du kündigtest an, du wolltest über den eingeborenen Sohn Gottes reden und du erwähnst David, einen Menschen, der erst ungezählte Generationen später auf die Welt kam, und ihn nennst du seinen Vater und Vorfahren? Gedulde dich ein wenig, und wolle nicht alles auf einmal erfahren, sondern langsam eines nach dem andern. Noch stehst du ja an den Toren der Vorhalle; was drängst du also schon nach dem inneren Heiligtum? Noch hast du ja das Äußere nicht ganz gesehen. Ich will nämlich jetzt nicht von jener7 Geburt reden, ja auch nicht einmal von der8 , die auf jene gefolgt ist; denn sie9 ist unaussprechlich und geheimnisvoll. Das hat schon vor mir der Prophet Isaias gesagt, da er sein Leiden vorherverkündete und seine gewaltige Sorge um das Menschengeschlecht, und voll Staunen sah, wer er sei und was er wurde, und wie tief er herabstieg; da rief er mit lauter und weit vernehmbarer Stimme aus: "Wer kann erklären seine Geburt?"10 .

1: mystischer
2: ekkläsian
3: den Leib Christi und die Leiber der Geretteten
4: die Gottheit und die Gnade Christi
5: darunter ist wohl die menschliche Natur Christi zu verstehen, die bei den Antiochenern häufig mit aparchä täs hämeteras physeos bezeichnet wird
6: Indem er die Juden zum Kreuzestod Christi antrieb
7: ewigen
8: zeitlichen
9: die ewige
10: Jes 53,8

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger